ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Caritas und Diakonie: Pflege im Minutentakt

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Caritas und Diakonie: Pflege im Minutentakt

Klinkhammer, Gisela

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Die Zunahme der Pflegebedürftigen stellt eine Herausforderung dar, der sich die kirchlichen Wohlfahrtsverbände stellen wollen.

Schwester Rita hat es eilig: Eigentlich ist das Wechseln der Bettwäsche ihrer Patientin an diesem Vormittag nicht vorgesehen. Doch ab morgen hat sie Urlaub, und sie möchte der Medizinstudentin, von der sie vertreten wird, so viel Arbeit wie möglich abnehmen. Schnell, aber dennoch gründlich wird noch die getane Arbeit dokumentiert, und schon geht es weiter durch die manchmal engen und im Winter oft zugefrorenen Straßen in Jena. Die Pflegerin ist bei der Diakonie-Sozialstation Jena angestellt, einer Einrichtung der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Jena, die für die ganze Stadt zuständig ist.
Die nächste Patientin ist noch in Pflegestufe I eingruppiert. Bis vor kurzem reichte es auch völlig aus, um ihr beispielsweise die Kompressionsstrümpfe zu wechseln. Doch innerhalb kurzer Zeit verschlechterte sich der Gesundheitszustand der 89-Jährigen rapide. Sie leidet unter starken Schluckbeschwerden, hat Wasser in der Lunge und ist völlig geschwächt. Doch für den Antrag auf Bewilligung der Pflegestufe III muss zunächst eine Pflegedokumentation erstellt werden. „Dafür benötige ich etwa anderthalb Stunden. Diese Arbeit nehme ich mit nach Hause“, sagte Schwester Rita. Auch diesmal hat sie ihr Zeitlimit weit überschritten. Dennoch nimmt sie sich Zeit für ein persönliches Gespräch. Ein nicht unbeträchtlicher Teil ihrer Tätigkeit fällt in den Bereich menschliche Zuwendung und Sterbebegleitung. Eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung einschließlich palliativmedizinischer Tätigkeiten kann die Schwester einer Sozialstation allerdings nicht leisten.
Der Bedarf an solchen hoch spezialisierten ambulanten Palliativdiensten wird vom Zentrum für Palliativmedizin der Universität Bonn auf rund 300 bis 350 geschätzt; zurzeit gibt es in Deutschland circa 20 solcher Spezialdienste. Die praktische Umsetzung der Palliativmedizin sollte überall dort erfolgen, wo schwer kranke und sterbende Patienten betreut und behandelt werden, zu Hause, in Pflegeheimen oder im Krankenhaus, forderte kürzlich Prof. Dr. med. Eberhard Klaschik, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, bei einer Tagung auf dem Petersberg in Königswinter. Dabei hätten die Erfahrungen gezeigt, dass eine Reihe dieser Patienten nicht ohne ein zusätzliches Angebot, wie ambulante Palliativdienste oder Palliativstationen, behandelt werden können. Es sei falsch, wenn die Palliativmedizin immer nur im Kontext mit stationären Einrichtungen gesehen werde. Klaschik wies auf die zunehmende Überalterung der Bevölkerung und den stetigen Anstieg der Krebsinzidenz hin, die die in Deutschland schon angespannte Situation noch verschärfen würden.
Schwester Rita hat jedoch nicht nur mit Sterbenden zu tun. Ihre dritte Patientin ist weitgehend körperlich gesund, aber dement. Die Pflegerin bedauert, dass Sohn und Enkel mit der Pflege der 94-Jährigen überfordert sind. Und überhaupt: Viel zu häufig bliebe der Hauptanteil der Arbeit den Angehörigen überlassen. Schwester Rita gefällt ihre Arbeit. Sie weiß, dass sie von ihren Patienten gemocht und gebraucht wird. Aber dennoch: Der bürokratische Aufwand, den sie für jeden Patienten betreiben muss, und der ständige Zeitdruck machen ihr zu schaffen: „Für einen Wocheneinkauf haben wir 15 Minuten Zeit. Das kann man doch unmöglich schaffen. So lange braucht man doch oft schon für den Weg zum Supermarkt.“
Seit Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung im Jahr 1995 gibt es feste Tarife für jede Handreichung. Und die Entlohnung ist nicht gerade üppig. Bei einer häuslichen Versorgung zahlt die Pflegeversicherung dem Dienstleister je nach Pflegestufe Maximalbeiträge: In Pflegestufe I sind das 384 Euro, in Pflegestufe II 921 und in Pflegestufe III 1 432 Euro. „Die Pflegeentgelte haben sich seit 1995 nicht geändert. Auch der Personalnotstand wird immer mehr ignoriert. Das Ansehen des Pflegeberufes nimmt immer mehr ab“, sagte Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg vor Journalisten in Erfurt. „Das, was als das Christliche in der Pflege erwartet wird, ist fast zur Privatsache der Pflegenden geworden.“ Und der Pflegenotstand scheint besonders in den neuen Bundesländern ein großes Problem zu sein. „Es gibt Wartelisten in fast allen Pflegeeinrichtungen. Immer mehr Pflegekräfte wandern in den Westen ab. Es ist in den Heimen ähnlich wie in den Krankenhäusern, die große Schwierigkeiten haben, Ärzte zu finden“, betonte Bruno Heller, Caritasdirektor im Bistum Erfurt.
Diese Missstände sind sicher auch die Ursache dafür, dass in einer jüngst veröffentlichten Umfrage der Raiffeisen und Volksbanken Versicherung die Angst, im Alter Pflegefall zu werden, als die größte Sorge der Deutschen angesehen wurde (DÄ, Heft 38/2002). Die Statistiken könnten dieser Befürchtung durchaus Nahrung geben. So nimmt nach Angaben der Sachverständigenkommission für den Vierten Altenbericht die Lebenserwartung der Deutschen weiter zu. Wer 60 Jahre alt ist, hat heute deutlich bessere Chancen, ein Lebensalter von mehr als 80 Jahren zu erreichen als noch vor 30 Jahren. So hat sich die Zahl der sehr Alten seit 1970 fast verdoppelt. Heute zählen 2,9 Millionen zu den Hochbetagten. Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2020 in Deutschland 5,1 Millionen Menschen in Deutschland über 80 Jahre alt sein werden. Ihr Anteil an der Bevölkerung wird dem Altenbericht zufolge größer, denn seit Jahrzehnten werden immer weniger Kinder geboren (siehe Grafik). Die demographische Entwicklung lässt erwarten, dass auch die Zahl pflegebedürftiger Menschen zunehmen wird.
Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) dürfte es im Jahr 2020 rund eine Million mehr pflegebedürftige Menschen geben – eine Zunahme um 50 Prozent. Im Jahr 2050 wird, so das DIW, die Zahl der Pflegebedürftigen mit 4,7 Millionen sogar das 2,5fache des heutigen Niveaus erreichen. Die Zunahme der Pflegebedürftigen stellt eine Herausforderung dar, der sich die kirchlichen Wohlfahrtsverbände stellen wollen. Sie versuchen, pflegebedürftige Menschen nicht auf den Zustand ihrer Pflegebedürftigkeit zu reduzieren, sondern sie darin zu unterstützen, dass sie ein menschenwürdiges und in größtmöglichem Maß selbstbestimmtes Leben führen können.
Neben der Diakonie-Sozialstation liegt in Jena das Altenzentrum Luisenhaus, dessen Träger das Deutschordenswohnstift und der Caritasverband Erfurt sind. Das Luisenhaus bietet seit letztem Jahr vollstationäre und Kurzzeitpflege an. Aktivitäten und Seelsorge gelten als wichtige Komponenten des Alltags. So bieten beispielsweise Sportstudenten der Universität Jena zweimal wöchentlich ein Programm mit Sport und Bewegung an. Es wird auch versucht, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner einzugehen. Dass dies weitgehend gelingt, geht aus Gesprächen mit Heimbewohnern hervor. Nur wenige Kritikpunkte wurden genannt. So scheint für körperlich Kranke der Umgang mit Dementen oft nicht immer leicht erträglich. Das Luisenheim verzichtet jedoch bewusst auf eine gerontopsychiatrische Station. Die Bewohner sollen der Heimleitung zufolge nicht das Gefühl haben müssen, auch innerhalb des Heims wieder umziehen zu müssen.
Doch scheitern die größten Bemühungen letztendlich immer an den fehlenden finanziellen Mitteln. „Qualifizierte Pflege kostet Geld. Wenn die Gesellschaft sich auch weiterhin gegen eine angemessene Finanzierung professioneller Pflege entscheidet, dann kann die Gesellschaft nicht die Pflegenden für den gesellschaftlichen Mangel verantwortlich machen“, heißt es in einer Resolution, die von der diesjährigen Delegiertenversammlung des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe verabschiedet wurde. Dass qualifizierte Pflege angemessen bezahlt werden müsse, räumte auch der thüringische Sozialminister Dr. med. Frank-Michael Pietzsch ein, der als Arzt selbst unmittelbaren Kontakt zu Pflegebedürftigen hatte. Es müsse deshalb seiner Auffassung nach die Überlegung angestellt werden, ob der Pflegedeckel noch gerechtfertigt sei. Gisela Klinkhammer
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