ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Intensiv- und Notfallmedizin: Katastrophen – eine Herausforderung

THEMEN DER ZEIT

Intensiv- und Notfallmedizin: Katastrophen – eine Herausforderung

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2920 / B-2480 / C-2324

Seeger, Werner; Althoff, André

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Katastrophen wie das ICE-Unglück von Eschede stellen die Rettungskräfte vor neue Herausforderungen. Foto: ddp
Katastrophen wie das ICE-Unglück von Eschede stellen die Rettungskräfte vor neue Herausforderungen.
Foto: ddp
Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin widmet ihren Kongress zum 25-jährigen Jubiläum den gestiegenen Anforderungen an die Katastrophenmedizin.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Gegründet wurde sie am 29. Januar 1977 in Frankfurt am Main von Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Wiederbelebung, der Deutschen Gesellschaft für internistische Intensivmedizin, der Arbeitsgemeinschaft Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin sowie der Berufsverbände Deutscher Anästhesisten und Internisten. Man hatte sich damals zum Ziel gesetzt, die Intensivmedizin in Wissenschaft und Praxis zu fördern sowie die disziplinübergreifende Kooperation, die Öffentlichkeitsarbeit und den Kontakt zu entsprechenden internationalen Verbänden zu verbessern.
Die Vereinigung hat das deutsche medizinische Rettungswesen entscheidend mit geprägt, das mit seinem dichten Netz von Rettungshubschraubern und bodengebundenen arztbesetzten Rettungswagen weltweit nahezu einzigartig ist. Die Algorithmen zum standardisierten Arbeiten in Krisensituationen und die Durchsetzung einer Anerkennung des Facharztes für Rettungsmedizin, die in einigen Bundesländern verwirklicht wurde, gehen ebenfalls auf Initiativen der DIVI zurück.
Im Mittelpunkt der Arbeit der Vereinigung steht jedoch seit jeher der Hamburger Kongress, der alle zwei Jahre stattfindet und sich zu der zentralen intensiv- und notfallmedizinischen Fortbildungs- und Wissenschaftsveranstaltung im deutschsprachigen Raum entwickelt hat. Zum diesjährigen „Jubiläumskongress“ vom 13. bis 16. November (Informationen im Internet unter www.divi2002.de) sind mehr als 700 internationale Referenten geladen. Es werden bis zu 6 000 Teilnehmer erwartet.
Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse sind die Themen aktuell wie nie. Sie verdeutlichen zudem, welchen Anforderungen sich die Intensiv- und Notfallmedizin künftig stellen muss. Katastrophenszenarien, wie das ICE-Unglück von Eschede und das jüngste Hochwasser in vielen Teilen Europas, stellen völlig neue Herausforderungen für die Katastrophen- und Rettungsverbände dar – ganz zu schweigen von den ungeahnten Ausmaßen der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York, die die Welt nahezu unerwartet trafen und die sich in ähnlicher Form in Europa wiederholen könnten. Hinzu kommt die Bedrohung durch bioterroristische Anschläge, die bislang in den Überlegungen kaum eine Rolle spielten, mit den Anthrax-Anschlägen in den USA aber erstmals Realität wurden. Fügt man diesen Szenarien noch den möglichen Einsatz nuklearer Waffen hinzu, stellt sich die Frage, ob der Katastrophendienst in der Lage ist, eine entsprechend große Zahl an Patienten zu versorgen.
Vor diesem Hintergrund hat die Sektion Katastrophenmedizin der DIVI die Politik aufgefordert, den Abbau von Mitteln für den Katastrophenschutz zu stoppen. Zwingend ist auch eine Neuorganisation des Zivil- und Katastrophenschutzes. So haben beispielsweise 30 Prozent der deutschen Krankenhäuser keinen funktionsfähigen Katastrophenalarmplan, der nach dem Willen der Sektion Katastrophenmedizin verpflichtend eingeführt werden sollte. Entsprechendes gilt für den Umgang mit kontaminierten Patienten.
Eine weitere Herausforderung der Intensivmedizin, der sich der Jubiläumskongress ebenfalls widmen wird, ist die Sepsis mit assoziiertem Multiorganversagen. Eine im vergangenen Jahr in den USA durchgeführte Studie (Crit Care Med 2001; 29: 1303–1310) an 6,5 Millionen Patienten hat ergeben, dass dort jährlich 751 000 Menschen an einer Sepsis erkranken, von denen 215 000 im Verlauf des septischen Organversagens sterben. Die geschätzten jährlichen Behandlungskosten liegen bei 17 Milliarden US-Dollar. Künftige Aufgabe wird es sein, das Zusammenspiel zwischen mikrobiellen Toxinen und der genregulatorischen/ immunologischen Antwort des Wirtes zu verstehen, um daraus neue Therapiekonzepte ableiten zu können.
Im DRG-Zeitalter, in dem ganze Medizinbereiche in den ambulanten Sektor verlagert werden, gewinnt die Intensivmedizin für den stationären
Bereich zwangsläufig an Bedeutung. Schätzungen zufolge werden künftig rund 30 Prozent aller Krankenhauskosten in der Intensiv- und Notfallbehandlung entstehen. Aus dem Blickwinkel des Qualitätsmanagements und der Gesundheitsökonomie wird der Jubiläumskongress auch diesem Thema einen Schwerpunkt widmen.

Prof. Dr. med. Werner Seeger
Dr. med. André Althoff
Zentrum für Innere Medizin
Medizinische Klinik und Poliklinik II
Justus-Liebig-Universität Gießen
Klinikstraße 36, 35392 Gießen
E-Mail: divi.2002@innere.med.uni.giessen.de
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