ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1996Diabetestherapie mit dem Insulin-Analogon lispro: Praktische Tips zur Einstellung der Patienten

POLITIK: Medizinreport

Diabetestherapie mit dem Insulin-Analogon lispro: Praktische Tips zur Einstellung der Patienten

Scherbaum, A.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eine optimale Blutzuckereinstellung ist beim insulinpflichtigen Diabetes in der Regel nur durch eine intensivierte Insulintherapie zu erreichen. Hierbei wird der basale Insulinbedarf durch verzögert wirksame Insulinpräparate (Basalinsuline) und der mahlzeitenbezogene Insulinbedarf durch schnell wirksames Normalinsulin abgedeckt. Ein kürzlich eingeführtes Analog-Insulin – Insulin lispro genannt – erleichtert die intensivierte Insulintherapie, da das Wirkprofil der neuen Substanz nahezu identisch mit dem körpereigenen Insulin ist. Diese Annäherung an die physiologischen Gegebenheiten bietet dem Patienten zahlreiche Vorteile. Von einer schematisierten Umstellung von Normalinsulin auf Insulin lispro ist jedoch abzuraten. Die Einstellung der Patienten muß individuell erfolgen.


Gegenüber der sogenannten konventionellen Insulintherapie, bei der zweimal pro Tag eine Mischung aus kurz und mittellang wirksamem Insulin zu relativ festen Zeiten verabreicht und Tagesablauf sowie Essenszeiten und Kohlenhydratmengen vorprogrammiert werden müssen, bietet die intensivierte Insulintherapie auch den Vorteil, daß die Patienten damit ihren Tagesablauf flexibel gestalten können und so erheblich an Lebensqualität gewinnen.
Heute wird vor allem menschliches Insulin eingesetzt, das abgestimmt auf die jeweilige Kohlenhydratzufuhr und körperliche Belastung subkutan verabreicht wird. Dies ist unphysiologisch. Im Subkutangewebe dissoziieren die zu Hexa-meren aggregierten Normalinsulin-Moleküle nur langsam. Erst die Monomere können resorbiert und damit biologisch wirksam werden. Daher muß Normalinsulin – abhängig vom aktuellen Blutzuckerspiegel – in der Regel 15 bis 30 Minuten vor den Mahlzeiten injiziert werden, um den postprandialen Blutzuckeranstieg zu begrenzen. Die insulinpflichtigen Patienten müssen ihre Mahlzeiten stets im voraus planen und fühlen sich damit oft in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt.
Seit Mai dieses Jahres ist in Deutschland das Insulin-Analogon lispro im Handel, das nach unserem derzeitigen Kenntnisstand der Anforderung nach einer rasch einsetzenden Insulinwirkung gerecht wird. Bei diesem unter dem Namen Humalog® eingeführten Präparat (Firma Lilly) sind die Aminosäuren Prolin und Lysin, die normalerweise an Position 28 und 29 der B-Kette des Insulinmoleküls gelegen sind, in ihrer Reihenfolge vertauscht. Insulin lispro hat nur eine sehr geringe Neigung zur Autoaggregation im subkutanen Gewebe und gelangt daher rasch in die Blutbahn. Der Unterschied zwischen dem Wirkbeginn von humanem Normalinsulin und Insulin lispro beträgt zirka 20 Minuten. Dies entspricht dem vielfach empfohlenen Spritz-Eß-Abstand, der somit entfällt. Die Wirkung ist kurz und besser berechenbar.


Verzicht auf Zwischenmahlzeiten
Normalinsulin wird protrahiert über einen deutlich längeren Zeitraum (vier bis sechs Stunden) resorbiert, als es für die Abdeckung eines postprandialen Blutzuckeranstieges erforderlich wäre. Bei der Therapie des insulinpflichtigen Diabetes ergibt sich daraus die Notwendigkeit zur Einhaltung von Zwischenmahlzeiten, zumal sich die verlängerte Wirkung von subkutan injiziertem Normalinsulin am späten Vormittag auch mit der Wirkung des zuvor verabreichten Verzögerungsinsulins überlappt. Der Insulinspiegel bleibt noch Stunden nach der Mahlzeit erhöht, obwohl die Blutglukosespiegel bereits auf Basalwerte abgefallen sind. Durch den Einsatz von Insulin lispro kann eventuell auf Zwischenmahlzeiten verzichtet werden. Andererseits wird es wegen des schnellen Wirkungseintritts von Insulin lispro auch möglich, nicht vorgeplante zusätzliche Mahlzeiten einzuneh-men, wobei auch schnell aufschließbare Kohlenhydrate besser toleriert werden.
Insulin lispro ist dosisäquivalent gleich wirksam wie Normalinsulin. Allerdings wurde in mehreren Studien unter Insulin lispro über einen etwas geringeren Insulinbedarf berichtet, so daß die Insulinmenge gegebenenfalls um fünf bis zehn Prozent gesenkt werden muß. Zu beachten ist außerdem, daß die kürzere Wirkdauer des Insulin-Analogons eine ausreichende Abdeckung des basalen Insulinbedarfs erforderlich macht. Die Handhabung der Insulintherapie mit Insulin lispro unterscheidet sich also von der mit Normalinsulin. Grund-sätzlich kann festgestellt werden, daß unter einer Therapie mit Insulin lispro der Basalbedarf an Insulin durch mindestens zwei Injektionen eines mittellang wirksamen Insulins gesichert werden muß.


Hypoglykämien sind selten
Die alleinige Gabe von NPH-Insulin zur Nacht ist bei Verwendung von Insulin lispro als kurz wirksames Insulin nicht ausreichend, da es sonst etwa vier Stunden nach den Mahlzeiten zu Blutzuckeranstiegen kommt. Bei Insulin lispro sind daher mindestens zwei, eventuell sogar drei Injektionen von NPH-Insulin pro 24 Stunden erforderlich.
Insulin lispro wurde weltweit – unter anderem auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz – in klinischen Studien bei über 5 000 Patienten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes getestet. Dabei zeigte sich, daß der Blutzucker mit Insulin lispro normnah eingestellt werden kann und sich auch bezüglich des therapiebedingten Hypoglykämierisikos eher Vorteile gegenüber Normalinsulin ergeben. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil vor allem die nordamerikanische Diabetes Control and Complications Trial (DCCT) deutlich gemacht hat, daß unter einer intensivierten Insulintherapie mit mehrmaliger Normalinsulingabe die Optimierung der Stoffwechseleinstellung und Senkung des HbA1c mit einem erhöhten Risiko für schwere Hypoglykämien einhergeht. Im Gegensatz dazu wurde bei den bisherigen Langzeitstudien mit Insulin lispro trotz einer Verbesserung des HbA1c-Wertes keine Erhöhung der Hypoglykämierate beobachtet. Während bei einer Steigerung der Normalinsulindosis mit einer Verlängerung der Wirkdauer gerechnet werden muß, kann die Dosis von Insulin lispro erhöht werden, ohne eine signifikante Veränderung der Wirkungsdauer zu riskieren. In allen großen klinischen Studien mit Insulin lispro nahm insbesondere die Zahl der nächtlichen Hypoglykämien ab.
Befragungen zur Lebensqualität ergaben, daß Insulin lispro von den Diabetikern gut angenommen wird und daß insbesondere wegen einer erhöhten Flexibilität bei der mahlzeitenbezogenen Insulingabe die Therapiezufriedenheit der Patienten zunimmt.
Insgesamt wirkt Insulin lispro schneller und kürzer als Normalinsulin. Durch die erhöhte Flexibilität im Tagesablauf berichten die Patienten über eine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Allerdings muß die Einstellung der Patienten mit Insulin lispro individuell erfolgen. Von einer schematisierten Umstellung von Normalinsulin auf Insulin lispro ist abzuraten.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Werner A. Scherbaum
Universitätsklinikum Leipzig
Medizinische Klinik und Poliklinik III
Philipp-Rosenthal-Straße 27
04103 Leipzig

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote