ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Unfallforschung: Das erste Auto, das Unfälle antizipiert

VARIA: Auto und Verkehr

Unfallforschung: Das erste Auto, das Unfälle antizipiert

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2950 / B-2504 / C-2348

Flintrop, Jens

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LNSLNS Mit der neuen S-Klasse bringt Mercedes-Benz
erstmals ein aktives Sicherheitssystem in Serie.

Notärzte kennen das Problem: Bei einem schweren Unfall verletzt sich der Beifahrer oftmals schlimmer als der Fahrzeuglenker. Dies liegt meist daran, dass der Fahrer das Unglück „kommen sieht“ und sich intuitiv auf den Aufprall oder einen Überschlag vorbereiten kann – zum Beispiel, indem er sich in letzter Sekunde aufrecht hinsetzt. Dazu kommt der Beifahrer in der Regel nicht, weil er nicht auf den Verkehr achtet, sondern mit anderen Dingen beschäftigt ist: Schlimmstenfalls schläft er bei zurückgekippter Rückenlehne oder „lümmelt“ anderweitig auf dem Beifahrersitz herum. Um die Unfallfolgen besonders für den Beifahrer zu mildern, hat Mercedes-Benz das vorausschauende Insassenschutzsystem Pre-Safe entwickelt, das in der überarbeiteten S-Klasse erstmals serienmäßig zum Einsatz kommt.
Nach den Erkenntnissen der Mercedes-Benz-Unfallforschung kündigen sich zwei Drittel aller Verkehrsunfälle durch kritische Fahrsituationen an: Schleudern, Vollbremsungen, plötzliches Ausweichen. Durch Einsatz des Antiblockier-Bremssystems, des Bremsassistenten und des elektronischen Fahrstabilisators ESP erkennt das Pre-Safe-System die Gefahr und nutzt diese Zeit, um Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Dazu gehören das Straffen der Gurte, eine bessere Positionierung des Beifahrersitzes und der Einzelsitze im Fond sowie bei drohendem Überschlag das Schließen des Schiebedachs. Diese Schutzmaßnahmen vor dem möglichen Unfall greifen zwar sekundenschnell, aber doch so geschmeidig, dass die Insassen keine Schäden davontragen. Damit wird die Mercedes-Benz-S-Klasse zum ersten Auto, das Unfälle antizipiert und „reflexartig“ präventive Schutzmaßnahmen ergreift. Geht die Situation glimpflich ab, fährt das System in seine Ausgangsposition zurück und ist sofort wieder einsatzbereit. Mittelfristig sollen auch die anderen Mercedes-Benz-Baureihen Pre-Safe-Elemente erhalten.
Die Ingenieure in Sindelfingen arbeiten bereits an weiteren Komponenten, die am Ende auch individuelle Faktoren wie Größe, Gewicht und Alter der Passagiere in die Vorsichtsmaßnahmen einbeziehen sollen. Dazu gehören schon jetzt so genannte Up-Front-Sensoren, die den Beifahrer-Airbag je nach Schwere der zu erwartenden Kollision steuern, sowie eine Spezialfolie im Sitzpolster, die das Gewicht des Mitfahrers berücksichtigt und den rechten Frontairbag differenziert auslöst. Auch ein erweiterter Gurtstraffer wird derzeit konzipiert, mit dem zum Beispiel ein Beifahrer, der sich gerade die Schuhe bindet oder am Autoradio hantiert, blitzschnell zurück in den Sitz gezogen werden soll. Jens Flintrop
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