ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Der Regisseur Werner Herzog: Filme mit Außenseitern

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Der Regisseur Werner Herzog: Filme mit Außenseitern

Lenze, Susanne

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Die Natur und das häufige Scheitern seiner Protagonisten stehen oftmals für Herzogs Kritik an der herrschenden Ordnung.


Jeder für sich und Gott gegen alle – Der Regisseur Werner Herzog“ ist die 10. Sonderausstellung seit der Eröffnung des Filmmuseums vor knapp zwei Jahren. Am 5. September dieses Jahres wurde Herzog, einer der eigenwilligsten Regisseure des deutschen Nachkriegsfilms, 60 Jahre alt. Das Filmmuseum Berlin am Potsdamer Platz widmet ihm zu diesem Anlass eine Ausstellung, die auch das Arsenal – Freunde der deutschen Kinemathek e.V. mit einer Filmreihe begleitet. Bis zum 30. November sind etwa 150 Fotografien, Filmausschnitte, Drehbücher, Originalverträge und zwei Filmkostüme ausgestellt. Isabelle Adjani trug als Lucy Harker in „Nosferatu“ ein Biedermeierkleid in Erdfarben aus historischer Seide. Auch das Kleidungsstück ist vor einem Glaskasten zu bestaunen. Das „Herzstück“ der Präsentation ist jedoch die zentrale Installation von leuchtenden Landschaftstableaus, zusammengesetzt aus Hunderten von Einzelbildern aus acht Spielfilmen von Herzog. Die fünf Tableaus sind jeweils aus acht Bildern in der Waagerechten und 23 Bildern in der Senkrechten zusammengesetzt.
In allen Installationen entdeckt man Naturbilder, häufig Nebelfotografien oder Feuerbilder. Seine Filme wurden unter anderen in Peru, der Sahara und in Australien realisiert. Herzog zeigt in seinen Filmen Landschaften, zunächst menschenleer. Naturbilder wie „Wüste“ und „Urwald“ verwendet er zur Darstellung inneren Befindens, ebenso als Methaper für den Zustand der Welt. Die Kuratorin und Gestalterin, Kristina Jaspers, die für die Ausstellung verantwortlich ist, hat sich mit der Bildsprache Herzogs auseinander gesetzt. Sie ist die Filme vom Anfang bis zum Ende durchgegangen, hat die einzelnen Bilder aufgelöst, sie kontrastiert und mit Porträts und Informationen zu wichtigen Protagonisten in den Spielfilmen von Herzog ausgestellt.
Nach Einschätzung von Hans Helmut Prinzler vom Filmmuseum hat Herzog im Ausland stets große Anerkennung gefunden, in Deutschland waren seine Filme häufig umstritten. Gleich nach dem Abitur begann Werner Herzog als Autodidakt Filme zu machen, und seither dreht er kontinuierlich. Seinen Themen nähert er sich abwechselnd durch Dokumentar- und Spielfilme, wobei die Gattungsgrenzen in seinem Werk nicht scharf umrissen sind. Herzogs Dokumentarfilme arbeiten mit Inszenierungen, während er sich in den Spielfilmen häufig dem Vorgefundenen zuwende und Laiendarsteller einsetze, sagte Ulrich Gregor vom Verein Freunde der Kinemathek. Die Hauptfiguren seiner Filme sind oft extreme Charaktere, Außenseiter, die abseits jeglicher Normen leben. Mit spektakulären Landschaftsaufnahmen setzt er häufig Natur in Szene. Die Natur und das häufige Scheitern seiner Protagonisten stehen oftmals für Kritik an der herrschenden Ordnung.
Dreharbeiten zu „Cobra Verde“, 1987; oben: Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“, 1982 Fotos: Filmmuseum Berlin
Dreharbeiten zu „Cobra Verde“, 1987; oben: Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“, 1982 Fotos: Filmmuseum Berlin
In den vergangenen vierzig Jahren hat Herzog mehr als
40 Filme realisiert, darunter „Woyzeck“ (1978) und „Jeder für sich und Gott gegen alle“ im Jahr 1974. Seine großen Produktionen mit Klaus Kinski wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972), „Nosferatu“ (1978) oder „Fitzcarraldo“ (1982) und die besondere Hass-Liebe zwischen dem Regisseur und dem Star hat Herzog mit der Dokumentation „Mein liebster Feind“ im Jahr 1999 wieder in Erinnerung gebracht. Die unbekannten Spiel- und Dokumentarfilme, in denen Herzog stets eigenwillige Biografien und „ekstatische“ Bilder aufspürt, verdienen eine Wieder- und Neuentdeckung, davon sind die Ausstellungsmacher überzeugt. Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Goethe-Institut Inter Nationes und wird im Anschluss in reduzierter Form als Wanderausstellung auf Tour gehen. Susanne Lenze
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