ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Südtirol: Zwischen Himmel und Erde

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Südtirol: Zwischen Himmel und Erde

Wendt, Christoph

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Zur „Zufallhütte“ kommt man selten durch Zufall. Mag auch der Weg aus dem Talschluss des Martelltales hinauf zu der bereits von unten sichtbaren, 2 264 Meter hoch gelegenen Schutzhütte bequem sein – er zieht sich lang hin. Man sollte sich Zeit lassen dort oben bei der „Zufallhütte“, die vor mehr als hundert Jahren vom Deutschen und Österreichischen Alpenverein gebaut wurde, sich heute aber als modernes Berggasthaus präsentiert, in welchem man auch übernach-
ten kann. Zum Übernachten kommen nicht nur jene Bergsteiger zur „Zufallhütte“, die am nächsten Tag in eisige Höhen von Zufallferner und Cevedalegipfel hinaufsteigen. Die Hütte ist idealer Ausgangspunkt für eine der schönsten Bergwanderungen in Südtirol, den Übergang über das Madritschjoch hinüber nach Sulden, am Fuß des Ortler gelegen, des höchsten Gipfels der Ostalpen.
In Kastelbell im Vinschgau zweigt das Tal ab und führt alsbald zu einer besonderen Kostbarkeit, der St. Stephanuskapelle, die hoch über dem Tal auf einem Bergvorsprung zu schweben scheint. Sie ist im Inneren mit kostbaren Fresken des 12. und 13. Jahrhunderts ausgemalt. Einst gehörte sie zur Burg Obermontani, von der nur noch Ruinen erhalten sind. Das Tal zieht nach Süden dem immer mit Schnee und Eis bedeckten Cevedale entgegen, der mit seinen 3 769 Metern als einer der schönsten Berge der Alpen und im Frühjahr als Traumziel der Skibergsteiger gilt. Mit seiner Umgebung gehört er zu den Glanzpunkten des Stilfserjoch-Nationalparks. Ihm vorgelagert wie eine Vorburg ist die 3 700 Meter hohe Zufallspitze.
Abgelegene Berghöfe
Südtirol: Madritschjoch Fotos: Christoph Wendt
Südtirol: Madritschjoch Fotos: Christoph Wendt
Kein Wunder, dass in diesem Tal einige der abgelegensten Bergbauernhöfe Südtirols liegen. Wer Abenteurerblut in den Adern hat, kann über ein ausgesetztes, schmales Sträßchen vom Hauptort des Tales, von Gand aus über die Siedlungen Thal und Ennethal zum Stallwieserhof hinauffahren und hier, in 1 935 Metern Höhe, den – wie viele Südtirolkenner sagen – schönsten Bergbauernhof des Landes erleben. Der Stallwieser, wie er im Volksmund genannt wird, war bis vor wenigen Jahren noch neben dem Finaillhofe im Schnalstal der höchstgelegene Kornhof Europas. Heute bauen die Stallwiesbauern immerhin noch Hafer als Grünfutter für die paar Rinder an, die hier oben noch gehalten werden. Doch von der Landwirtschaft in solch extremer Lage kann heute auch kein Südtiroler Bergbauer mehr existieren. So betreibt man auf Stallwies seit Jahren schon einen Berggasthof. Seine Lage mit der schönen Aussicht auf die schimmernden Eismassen des Zufallferners, die alte, heute noch funktionsfähige Mühle aus dem 17. Jahrhundert, die der alte Stallwieser gelegentlich zu Demonstrationszwecken noch rumpeln und mahlen lässt, und nicht zuletzt die Möglichkeit, von hier aus Bergwanderungen unternehmen zu können, lassen im Sommer immer mehr Touristenfahrzeuge zum Stallwie-
ser Hof hinaufkommen. Auch eine Hand voll Fremdenzimmer, für diejenigen, die Urlaub zwischen Himmel und Erde machen wollen, bietet der Stallwieserbauer in seinem Hof, der nicht nur der höchstgelegene des Tales, sondern auch möglicherweise der älteste ist. Die kleine Fahrstraße wurde erst vor wenigen Jahren gebaut. Bis dahin musste nach Stallwies alles, was man oben brauchte, hinaufgetragen werden.
Ausflügler, die für einen Tag heraufkommen und sich vor dem Haus an einer mächtigen Portion Südtiroler Speck und Wurst, Käse und Hausbrot laben, können manchmal riesige Vögel über dem Talschluss kreisen sehen. Vor einigen Jahren wurden beim Stallwieshof Bartgeier ausgesetzt, jene gewaltigen Vögel, die einmal in den Alpen heimisch waren und sich nun wieder gut eingelebt haben.
Keine Bergbahnen
Das Wandern in die Bergwelt links und rechts des Martelltales ist allerdings zum Teil schwierig. Dank der Tatsache, dass es große Touristenströme in diesem versteckten Hochgebirgstal noch nicht gibt, kennt man in Martell keine Seilbahnen, die des Steigens ungewohnte Urlauber mühelos in die Höhe bringen. Auch große Hotelkomplexe gibt es in diesem Tal nicht.
Die Marteller Bauern kamen vor einigen Jahrzehnten auf den Gedanken, ihre landwirtschaftlichen Flächen, die bisher als Viehweide und für die Heugewinnung genutzt wurden, in Erdbeerplantagen umzuwandeln. Wenn anderswo längst alle Beeren geerntet sind, reifen hier am Rand des Gletschereises die köstlichen roten Früchte und finden dann vor allem weiter unten in Italien reißenden Absatz. Christoph Wendt
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