ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2002Lebensversicherungen: Angekratztes Image

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Lebensversicherungen: Angekratztes Image

Dtsch Arztebl 2002; 99(44): A-2958 / B-2504 / C-2228

Löwe, Armin

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Zukunftsängste: Viele Anleger befürchten, dass die Lebensversicherungen ihre Versprechen nicht werden halten können. Collage: Eberhard Hahne
Zukunftsängste: Viele Anleger befürchten, dass die Lebensversicherungen ihre Versprechen nicht werden halten können. Collage: Eberhard Hahne
Der anhaltenden Baisse an den Börsen können sich auch die Lebensversicherungen nicht entziehen. Zur Panik besteht jedoch kein Anlass – zumal die Branche sich auf einen Solidarpool geeinigt hat.

Die Lebensversicherung gilt als Inbegriff der Sicherheit. In Umfragen wird sie als seriöseste Form der privaten Altersvorsorge angesehen. Pleiten von Versicherungen hat es hierzulande, anders als in Japan, seit den Zwanzigerjahren nicht mehr gegeben. Knapp 89 Millionen Lebensversicherungsverträge haben die Deutschen abgeschlossen. Statistisch gesehen kommt also auf jeden Bürger – ob Säugling oder Greis – eine Police. Auch diese Zahl spiegelt das Vertrauen wider, das dieser Anlageform entgegengebracht wird.
Weniger Überschuss, geringere Beteiligung
Doch das Image der Lebensversicherung hat Kratzer bekommen. Auch die Lebensversicherungen können sich der langen Baisse an den Börsen nicht entziehen. Die Versicherungsunternehmen müssen ihre Überschussbeteiligungen, die sie bereits für das Jahr 2001 deutlich reduziert haben, weiter zurücknehmen. Mehr noch: Einige Gesellschaften sind nicht einmal in der Lage, die Mindestverzinsung in Höhe von 3,25 Prozent (für Verträge ab Mitte 2000) oder vier Prozent (für vor dem 1. Juli 2000 abgeschlossene Verträge) zu erwirtschaften.
Die Überschussbeteiligung ist ein, allerdings unverbindliches, Versprechen der Lebensversicherung. Noch vor wenigen Jahren versprachen die Anbieter ihren Kunden eine Verzinsung der Kapitalanlagen von mehr als sieben Prozent. Bis vor kurzem erhielten Versicherungsnehmer, deren Police nach einer Laufzeit von 25 bis 30 Jahren fällig wurde, auch eine entsprechende Überschussbeteiligung ausgezahlt. Im letzten Jahr musste dieser Zins bei den meisten Versicherungen auf fünf bis sechs Prozent zurückgenommen werden. Auch die Allianz als Marktführer musste auf 6,8 Prozent heruntergehen und hat für dieses Jahr bereits eine weitere Rücknahme angekündigt. Mit großer Sicherheit wird der Rest der Branche dem Vorgehen der Nummer eins unter den Lebensversicherern folgen. Aber die Allianz steht noch vergleichsweise gut da; bei einigen wird die Verzinsung wohl unter fünf Prozent sinken.
Zu unterscheiden von der Überschussbeteiligung ist die Mindestverzinsung. Diese wird von der Versicherung garantiert. Wenn die Versicherung diese Mindestverzinsung nicht mehr dauerhaft erwirtschaften kann – derzeit erzielen einige Gesellschaften nicht einmal diese 3,25 Prozent –, ist die Lebensversicherung pleite.
Mit großer Sorge betrachtet die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BAFin), in der das frühere Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen aufgegangen ist, die Situation bei einigen Versicherungen. Bei einem Unternehmen musste sie bereits einschreiten, um eine Insolvenz zu verhindern. Nachdem die Familienfürsorge Lebensversicherung a.G. im Sommer in eine Schieflage geraten war, schickte die BAFin einen Sonderbeauftragten und nahm das Unternehmen unter Zwangsverwaltung. Dem Zwangsverwalter gelang es nach relativ kurzer Zeit, die HUK-Coburg zu überzeugen, den gestrauchelten Konkurrenten zu übernehmen. Damit sind auch die angesammelten Überschussbeteiligungen der Versicherungsnehmer gerettet.
Durch Übernahmen wurden in der Vergangenheit relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit einige solcher Problemfälle gelöst. Aber die derzeitige Situation ist schwieriger als je zuvor. Es könnte der Fall eintreten, dass eine einzelne Versicherung nicht mehr in der Lage ist, eine in Schieflage geratene Versicherung zu retten.
Die deutsche Lebensversicherungswirtschaft befindet sich in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Daher entschloss sich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, aus ihren Reihen einen Pool zu bilden, dessen Aufgabe es ist, Not leidende Versicherungen zu retten, um so möglichen Schaden von den Versicherungsnehmern abzuwenden. Ein solcher Feuerwehrfonds ist in Großbritannien, wo die Versicherungswirtschaft ihre Wiege hat, schon lange bekannt. Auch die privaten Banken kennen einen Konkursausfallfonds in Gestalt des Feuerwehrfonds.
Die Lebensversicherungen hatten eine solche Einrichtung bisher als unnötig bezeichnet. In Wahrheit wollten die großen konservativ anlegenden und kalkulierenden Versicherungen wohl nicht die aggressiv mit hohen Überschussbeteiligungen werbenden Konkurrenten unter ihren Schutzschild nehmen und damit die Gewähr für deren überzogene Gewinnversprechen übernehmen. Ähnlich argumentierten die privaten Banken, bis die spektakuläre Herstatt-Pleite im Mai 1974 diese in Zugzwang setzte, weil die Politik mit einer gesetzlichen Lösung drohte. Nunmehr haben die Versicherungen eingesehen, dass eine solche Auffanggesellschaft notwendig ist, weil die Kraft einzelner Versicherungen nicht mehr ausreicht, wenn gleich zehn der mehr als 200 Lebensversicherungen Hilfe benötigen würden, wie hinter den Kulissen gemunkelt wird. Die Auffanggesellschaft soll noch in diesem Jahr mit dem Namen Protector an den Start gehen.
Das Image der Branche ist zwar angekratzt, zur Panik besteht aber kein Anlass. Immerhin bieten die meisten Lebensversicherungen noch eine Überschussbeteiligung von fünf und mehr Prozent. Diese Rendite ist mit anderen Kapitalanlagen derzeit kaum zu erzielen. Die Lebensversicherung ist zudem mehr als eine reine Kapitalanlage. Von Anfang an verpflichten sich die Lebensversicherungen zur Auszahlung der Versicherungssumme, wenn der Versicherte stirbt. Armin Löwe
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