ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1996Die Bedeutung der HIV/AIDS-Pandemie: Ein globales Gerechtigkeitsproblem

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Die Bedeutung der HIV/AIDS-Pandemie: Ein globales Gerechtigkeitsproblem

Fleischer, Klaus; Ochel, Klemens

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LNSLNS HIV und AIDS geraten immer mehr an den Rand des öffentlichen Interesses. Die Bundesbürger fühlen sich zunehmend weniger bedroht. Die globalen Dimensionen von HIV/AIDS werden verdrängt. Aktive Ansätze sind nötig, um die Besonderheiten der HIV/AIDS-Pandemie wieder in das Bewußtsein aller zu bringen. Ihre medizinischen Besonderheiten werden im folgenden Artikel dargestellt.


Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) schätzt, daß sich seit dem Auftreten von HIV mehr als 18,5 Millionen Erwachsene und mehr als 1,5 Millionen Kinder mit dem Immunschwächevirus angesteckt haben (Stand Juli 1995) (1). Bis zur Jahrtausendwende sollen es wenigstens 40 bis 50 Millionen Menschen sein. Zu Beginn dieses Jahrzehnts lebten 84 Prozent der HIV-Infizierten in den wirtschaftlich benachteiligten Weltregionen der sogenannten Entwicklungsländer. Zur Jahrtausendwende sollen es bereits mehr als 95 Prozent sein (2).


Industriestaaten und Entwicklungsländer
Bis gegen Ende der 80er Jahre waren weltweit die Reaktionen auf HIV/AIDS durch die Erwartung gekennzeichnet, rasch eine technische Lösung für das Gesundheitsproblem finden zu können (3, 4). In den Industriestaaten wurde HIV/AIDS als eine Herausforderung der Grundlagenforschung verstanden. Die bisher erzielten Ergebnisse sind jedoch dürftig. Es ist deutlich geworden, daß der Forschungseinsatz langfristig angelegt sein muß. Außerdem sind die Aussichten auf einen lukrativen Absatzmarkt mit den weltweiten wirtschaftlichen Rückschritten der letzten Jahre geschwunden. Die ökonomische Entwicklung der Entwicklungsländer schließt praktisch eine Aussicht auf einen gewinnbringenden Verkauf von Therapeutika aus.
HIV/AIDS wurde von Verantwortlichen in vielen sogenannten Entwicklungsländern nicht als ein sie betreffendes Problem angesehen. Fragwürdige Theorien über den Ursprung von HIV in Afrika leisteten der Verdrängung und der Abwehr Vorschub. Die Antworten auf die Epidemie wurden zunächst stark vom Norden angestoßen. Sie erweisen sich heute als entsprechend geprägt und unangepaßt. Der Schwerpunkt der Ansätze wurde auf präventive Maßnahmen im Bereich der Gesundheitspromotion und Vorbeugung von sexuell übertragbaren Krankheiten durch Kondome gelegt. Die angebotenen sozialen Präventionsansätze sind kulturell oft nicht akzeptabel und in bezug auf eine Verhaltensänderung wenig wirksam gewesen.
Für Care-Programme gab es praktisch kein Geld. Einmal waren und sind die Geber nicht bereit, in diesen Bereich zu investieren. Zum anderen stellte und stellt sich das Problem einer effizienten Struktur. Besonders der Gesundheitssektor schien zu schwach und wurde zum Beispiel durch Strukturanpassungsprogramme weiter geschwächt. Dabei wurde übersehen, daß auch für HIV/AIDS-Arbeit eine glaubwürdige Prävention ohne eine wirksame Kuration nicht möglich ist.
Nach Einschätzung von Experten werden bis zum Jahr 2000 weltweit 40 (nach Schätzungen der WHO) bis 110 (nach Schätzungen der Global AIDS Policy Coalition, Harvard School of Public Health, Dr. J. Mann; 1992) Millionen Erwachsene infiziert worden sein. Mit dem wachsenden Anteil an infizierten Frauen wächst auch der Anteil der HIV-positiven Kinder im gleichen Zeitraum auf neun bis zwölf Millionen an. Mindestens ebenso viele Kinder werden wenigstens einen Elternteil durch AIDS verloren haben und sind damit zu Waisen geworden.
Die Neuerkrankungsrate pro Jahr an AIDS in der Gruppe der Erwachsenen von 15 bis 45 Jahren wird nach konservativen Schätzungen von zur Zeit (1994) 1,2 Millionen AIDSFällen bis zum Jahr 2000 auf vier Millionen zunehmen. Jährlich werden dann in Afrika mehr als 1,5 Millionen Menschen an der Immunschwächekrankheit sterben. Das hat nicht nur Auswirkungen in Form von sozialen Kosten, sondern auch auf die soziale Stabilität und die Gesamtentwicklung der Gesellschaften. Das Bevölkerungswachstum in der Region ist aber so groß – auch in Gebieten mit hoher HIV-Prävalenz –, daß die Gesamtbevölkerung um wenigstens ein bis zwei Prozent wachsen wird. Damit erhöht sich die Zahl der benachteiligten Menschen, die unselbständig und abhängig sind.
In der Anfangsphase der Epidemie hat sich HIV stark in Bevölkerungsschichten mit einem hohen Stand an Bildung und beruflicher Qualifikation ausgebreitet. Durch Krankheit und vorzeitigen Tod dieser Menschen wird es in den nächsten Jahren zu personellen Ausfällen in Schlüsselpositionen aller Sektoren kommen. Nachwuchskräfte müßten heute in ihrer Ausbildung bereits weit fortgeschritten sein, um diese Verluste noch rechtzeitig ersetzen zu können. Die Schere zwischen den notwendigen und den weltweit zur Verfügung stehenden Ressourcen zur HIV/AIDSArbeit wird größer werden. Die knapper werdenden Finanzmittel in der Entwicklungsarbeit müssen deshalb effektiver und effizienter eingesetzt werden. Es gibt noch viel zu viele Doppelungen und Konkurrenz zwischen den staatlichen und/oder nicht-staatlichen Organisationen. Es wird zu einer besseren Koordination und Aufteilung von Verantwortung kommen müssen.
Das AIDS-Programm der Welt­gesund­heits­organi­sation wird zur Zeit in ein eigenständiges Programm der Vereinten Nationen umgewandelt. Damit soll eine verbesserte Koordination zwischen den Organisationen der UN-Familie erreicht werden. Vertikale Programme, die unter bestimmten Bedingungen notwendig sind, entwickeln sich weiter in integrierte und langfristige Sektorprogramme.
Wie bei kaum einem anderen Problem haben sich die HIV/AIDSzielgruppen- und basisorientierten Ansätze als wirksam erwiesen. Es wird nötig sein, die Effektivität durch besseren Erfahrungsaustausch und Förderung von Lernprozessen besonders im Süd–Süd–Dialog zu unterstützen. Staatlicher und nichtstaatlicher Bereich müssen Verantwortung teilen und ihre spezifische Kompetenz anerkennen.
Aus den Erfahrungen in der AIDS-Arbeit zeichnen sich Trends für sinnvolle Interventionen ab. Durch angepaßte Lernmethoden wird eine frühzeitige Sexualerziehung, die vor der sexuellen Aktivität beginnt, noch effektiver und trägt dazu bei, Risikoverhalten vorzubeugen. Der Bedarf an "Care" wird weltweit ungeheuer ansteigen. Eine mögliche Strategie, um bestehende Dienste zu entlasten und ihr Funktionieren zu sichern, ist "home-based care". Überall auf der Welt werden Wege gesucht, die Kosten für diese aufwendige Intervention bei gleichbleibender Qualität der Versorgung zu senken.
AIDS-Arbeit muß in Zukunft zunehmend über Interventionen gegen Risikoverhalten hinausgehen und die Ursachen für ein solches Verhalten angehen. In diesem Zusammenhang kommt den Menschenrechts- und Entwicklungsfragen eine wachsende Bedeutung zu. HIV und AIDS sind in ihrer globalen Perspektive ein Gerechtigkeitsproblem.


Fazit
HIV und AIDS werden die Menschheit nicht ausrotten (5). Aber sie stellen eine der größten Herausforderungen der Menschheit dar, für eine globale Entwicklung und Stabilität einzutreten. Die Besonderheit von HIV und AIDS liegt unter anderem darin, daß die strukturellen Schwächen des Gesundheitssektors besonders in Entwicklungsländern bloßgelegt werden. Wir sind aufgefordert, einen Beitrag zu leisten, dieser abwärtsgerichteten Spirale entgegenzuarbeiten. Dazu sind neben "Knowhow" nicht zuletzt ausreichende finanzielle Mittel nötig. Ziel einer globalen Antwort auf die HIV/AIDS-Pandemie muß es sein, Ungerechtigkeiten auf allen Ebenen entgegenzuarbeiten, um unter anderem zu einer gerechteren Verteilung von Gesundheitsressourcen beizutragen.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2612–2614
[Heft 41]

Literatur:
1. World Health Organization (1995); Weekly Epidemiological Record, 70: 353–357
2. World Bank (1993), World Development Report
3. J. Decosas (1993), International AIDS aid: the response of development aid agencies to the HIV/AIDS pandemic, AIDS, Suppl 1, p 281–286
4. J. Decosas (1994), Fighting AIDS or re-sponding to the Epidemic – can Public Health find its way?, Lancet 343, p 1145–1146
5. UNDP (1994), AIDS and the Demography of Africa, UN


Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Klemens Ochel, MPH
Prof. Dr. med. Klaus Fleischer
Missionsärztliches Institut Würzburg
Arbeitsgruppe AIDS und Internationale Gesundheit
Salvatorstraße 22
97074 Würzburg

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