ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1996Ruhe, jetzt wird g'storbe

POLITIK: Die Glosse

Ruhe, jetzt wird g'storbe

Gmelin, Burkhard

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LNSLNS Zugegeben, es war naiv von mir. Schon Ende der sechziger Jahre hätte man es wissen können: Ärzte sind vom Aussterben bedroht. Zur Untersuchung dieser Frage muß man sich einmal ins Bewußtsein rufen, was Mediziner heute alles sind: "Halbgötter" und "Beutelschneider", "Großverdiener", "Apparate-Mediziner", "Leistungsanbieter". Alles kommt vor, einschließlich der Titulatur "Quartalssäufer" (Rudolf Dreßler, 1996), bloß nicht das Berufsbild, auf das hin man studiert hat: der Arzt. Dabei verhält sich die Bevölkerung durchaus ambivalent. Ist sie gesund, denkt sie vorwiegend in abgegriffenen Schablonen. Ist sie krank, geht sie zum "Arzt ihres Vertrauens" – ohne darüber nachzudenken, wo der eigentlich auf einmal herkommt. Man könnte diese Weltsicht zusammenfassen: "Alle Ärzte sind Geschäftemacher – außer meinem." Das entscheidende Problem der Gesundheitspolitik ist, daß sie von Gesunden gemacht wird.
Seit ein paar Jahren habe ich noch etwas erkannt, was weder im Lehrplan noch in meinem ursprünglichen Berufsbild verankert ist: Als Arzt bin ich "Produzent". Da staunen auch Sie? Jeden Morgen gehe ich mit noch schlechterem Gewissen an mein zweifelhaftes Tagwerk: Ich produziere Lohnnebenkosten. Das ist das letzte, was wir uns noch leisten können. Dabei erweist sich übrigens wieder einmal die Macht der Semantik. Stellen Sie sich vor, man würde im Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen statt von "Lohnnebenkosten" von "medizinischem Standard" sprechen, wie anders sähe doch die Welt aus: "Ich produziere (als Arzt) hohen medizinischen Versorgungsstandard." Stolzgeschwellt würde ich durch die Welt gehen und Kußhände verteilen. Aber: "Ich verursache Lohnnebenkosten", das nimmt mir den letzten Rest des Selbstbewußtseins.
Man sollte sich darüber im klaren sein, was sich ein in der Verantwortung stehender Sozialpolitiker denken muß, wenn er jedes Jahr die Erfolge der Schulmedizin in Form erneut angestiegener Lebenserwartung präsentiert bekommt. Jeder Monat höhere durchschnittliche Lebenserwartung kostet den Sozialstaat weitere fünf Milliarden DM oder mehr. Wußten Sie das? "Hört bloß auf", wird er denken – und dem Verursacher den Geldhahn drosseln. "Ruhe, jetzt wird g’storbe", soll eine entnervte Ehefrau zu ihrem Gemahl auf dem Totenbett gesagt haben, als der noch schnell zum letzten Streit ausholen wollte.
Mit Hilfe der Lohnnebenkosten sind wir bei einem neuen Goldenen Kalb der sozialpolitischen Diskussion angekommen: dem "Notwendigen". Eine listige Frage: Was ist "das Notwendige"? Wo befindet es sich auf der weiten Spanne zwischen den gerade noch nicht zusammenbrechenden Kliniken der ehemaligen DDR und den westdeutschen "Glitzer-Praxen"? Es leben auch Menschen ohne funktionierendes Gesundheitssystem auf der Welt – bloß nicht so lange. Soviel sei hier verraten: Das "Notwendige" ist ein anderer Ausdruck dafür, daß auch der Sozialpolitiker nicht weiß, was es ist, und nur weiß, wofür er kein Geld mehr hat. "Das Notwendige" wird immer bezahlt werden. Doch obwohl also keiner sagen kann, was "das Notwendige" denn ist, hat es zwei Gesichter: ein sozialpolitisches und ein juristisches. Juristisch ist "das Notwendige" das Machbare. "Sparen", wird der Richter auch in Zukunft sagen, "ist erwünscht, aber ausgerechnet bei diesem konkreten Patienten?" Der Sozialpolitiker schafft mit seiner Sparpolitik massiv veränderte Rahmenbedingungen – und der Arzt trägt vor Ort die alleinige Verantwortung für die Folgen.
Für Ärzte ist es eng und unwirtlich geworden. Daher schlage ich vor, sie als bedrohte Spezies in die Artenschutzliste aufzunehmen. Wie wäre es mit der Bildung von Reservaten, die dann aber ausschließlich von Kranken betreten werden dürfen, damit dort die Gesunden nicht ihr Unwesen treiben können?
Dr. med. Burkhard Gmelin, Nürnberg
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