ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Epidemiologie: Stuttgarter leben länger als Mannheimer

POLITIK

Epidemiologie: Stuttgarter leben länger als Mannheimer

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): A-2982 / B-2524 / C-2367

Cischinsky, Holger

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LNSLNS Eine Studie zu interregionalen Mortalitätsdisparitäten zeigt, dass Stadt- und Landkreise mit mobileren Bevölkerungen
eine geringere Sterblichkeit aufweisen.

Auch nach Bereinigung um die jeweilige Altersstruktur kann in Deutschland ein auffälliges Sterblichkeitsgefälle zugunsten der südlichen beziehungsweise südwestlichen Bundesländer beobachtet werden. Aber auch innerhalb eines Bundeslandes ist die Sterblichkeit regional nicht gleich verteilt. So ist in Baden-Württemberg bei beiden Geschlechtern seit vielen Jahren eine höhere Sterblichkeit im Osten Baden-Württembergs und entlang dem Oberrhein (mit Mannheim als bevölkerungsreichster Stadt) bis hin zum Neckar-Odenwald-Kreis im Norden festzustellen. Günstigere Sterblichkeitsverhältnisse finden sich dagegen im Umkreis der Region Mittlerer Neckar mit Stuttgart als Zentrum und in den südlichen Landesteilen.
Auch wenn die auf Kreisebene beobachtbaren Sterblichkeitsunterschiede innerhalb Baden-Württembergs nicht dramatisch sind, so weisen sie dennoch ein zeitlich stabiles geographisches Muster auf. Sie scheinen daher auf systematische Ursachen zurückzuführen zu sein, die eine Studie an der Universität Mannheim zu ergründen versucht. Die Einflussfaktoren dieser Mortalitätsdisparitäten lassen sich der Untersuchung zufolge grundsätzlich zwei Gruppen zuordnen: Einerseits wirkt sich eine unterschiedliche Zusammensetzung der jeweiligen Kreisbevölkerung auf die Sterblichkeit aus, weil verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein spezifisches Sterblichkeitsverhalten zugeschrieben wird. Im Einzelnen zählen zur ersten Gruppe der Mortalitätsdeterminanten der sozio-ökonomische Status der Kreisbewohner – gemessen am Durchschnittseinkommen, dem Bevölkerungsanteil der Arbeitslosen oder der Sozialhilfeempfänger und dem Bildungsniveau –, der vorherrschende Familienstand der Kreisbewohner, der Ausländeranteil beziehungsweise dessen Zusammensetzung, der Schwerbehindertenanteil sowie das Migrationsverhalten der Bevölkerung, wobei sich bei Letzterem die Vermutung widerspiegelt, dass „Wandernde“, das heißt Menschen, die häufig den Wohnort wechseln, über einen überdurchschnittlich hohen Gesundheitszustand verfügen.
Andererseits wirken Eigenschaften des jeweiligen Lebensraumes (Umweltfaktoren im weiteren Sinne) auf die Sterblichkeit der Kreisbevölkerung ein. Berücksichtigt wurden die Gesundheitsinfrastruktur – abgebildet durch die Arzt-, Apotheken- und Bettendichte sowie die Versorgungsdichte der Bevölkerung mit Rettungswachen –, die Umweltqualität im engeren Sinne (insbesondere die Schadstoffbelastung der Luft), die Flächennutzung (beispielsweise der Anteil der Erholungsflächen an der Gesamtfläche) sowie Maßzahlen der Bevölkerungsdichte.
Haupteinflussfaktor:
Wanderungsintensität
Aus der Vielzahl der möglichen Einflussfaktoren wurde mittels bi- und multivariater statistischer Verfahren versucht, die wesentlichen Determinanten herauszufiltern. Ein statistisch signifikanter Einfluss geht demnach von der Wanderungsintensität aus: Kreise mit einem hohen Anteil Wandernder, der insbesondere in der Region Mittlerer Neckar zu beobachten ist, weisen eine geringere geschlechtsspezifische Sterblichkeit auf als andere Kreise, in denen die Bevölkerung eher immobil ist. Dabei ist es jedoch unerheblich, ob ein Kreis eher ein Zu- oder Abwanderungsgebiet ist. Durchaus vorhandene regionale Unterschiede in der Gesundheitsinfrastruktur können die Mortalitätsdisparitäten dagegen nicht erklären. Auch andere Raumdeterminanten, insbesondere das Ausmaß der Luftverschmutzung, zeichnen nicht für die beobachtbaren Sterblichkeitsunterschiede verantwortlich. Selbst der durchschnittliche soziale Status der Kreisbewohner trägt allenfalls am Rande zur Erklärung der Sterblichkeitsunterschiede bei.
Die Ergebnisse der Studie decken sich damit weitgehend mit denen vorangegangener Untersuchungen, die sich auf andere Bundesländer wie Hessen oder Bayern konzentrierten.
Holger Cischinsky, Universität Mannheim
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