ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Hochschulmedizin: Verbesserungen optimieren den Output

THEMEN DER ZEIT

Hochschulmedizin: Verbesserungen optimieren den Output

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): A-2997 / B-2537 / C-2379

Wenderlein, J. Matthias

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Universitäten und deren Selbstverwaltung müssen selbstkritisch den Output überprüfen. Foto: Peter Wirtz
Universitäten und deren Selbstverwaltung müssen selbstkritisch den Output überprüfen.
Foto: Peter Wirtz
Mehr leistungsorientierte Absolventen als künftige Leistungsträger sind notwendig.

Anfang 2002 erschien ein tabellarisches „Universitäts-Barometer“ für das Jahr 2001 (Zeitschrift Forschung und Lehre 1/2002) auf der Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes. Daraus müsste eine vernichtende Kritik an deutschen Universitäten resultieren.
Kritik an den deutschen Universitäten ist auch für die klinische Medizin interessant. Ein optimales Medizinstudium dürfte nicht zu 20 Prozent Studienabbrechern führen. Das Studienkonzept und die Studentenauswahl sind zu verbessern. Für beides sind die Universitäten selbst verantwortlich. Die klinische Medizin braucht viele gute Universitätsabsolventen aus anderen Fakultäten zum eigenen Erfolg. Alternativ kommen Fachhochschul-Absolventen infrage, zum Beispiel im Bereich Medizin-Technik.
Der folgende Vergleich beider Studiensysteme anhand der globalen Daten des Statistischen Bundesamtes verdeutlicht das Problem und wird zu detaillierter, fachspezifischer Studien-Vergleichs- Forschung motivieren. Das FH-System auch für das Medizinstudium kommt in die Diskussion, nachdem der Wissenschaftsrat das FH-Zahnmedizinstudium empfohlen hat.
Nach den Zahlen von 1994 bis 2000 des Statistischen Bundesamtes geht es den Universitäten nach sieben Jahren finanziell nicht schlechter. Die folgenden globalen Zahlen schließen Ge-samt-, Pädagogische, Theologische und Kunst-Hochschulen ein. Die Ergebnisse für das Jahr 2000 sind noch kritischer zu werten, wenn ein FH-Vergleich
(ohne Verwaltungs-FH) aus gleicher Datenquelle und Zeit erfolgt.
Ein Universitäts-Professor hat 56 Studenten zu betreuen, das ist ein Student mehr als noch vor sieben Jahren. In Internet- und Homepage-Zeiten können Professoren eventuell noch mehr Studenten betreuen. Denn immer mehr Studenten wollen lieber zu Hause als in Hörsälen und Seminarräumen ihre Studieninhalte bearbeiten: 20 Prozent Vorlesungsteilnahme in der Medizin im klinischen Studienabschnitt ist keine Ausnahme (Fernuniversitäten sind erfolgreich).
Ein FH-Professor betreut derzeit nur 32 Studenten beziehungsweise zwei Studenten weniger als vor sieben Jahren. Dort ist die Vorlesungsteilnahme höher.
Studenten-Absolventen-Relation
An Universitäten kommt auf elf eingeschriebene Studenten jährlich ein Student mit Abschlussprüfung. Auch das änderte sich in den letzten sieben Jahren nicht – trotz Diskussion um kürzere Studienzeiten bei EU-Konkurrenz.
Auf sechs eingeschriebene FH-Studenten jährlich entfällt ein Student mit erfolgreichem Studienabschluss. Dieser Unterschied zu Universitäten um fast den Faktor 2 macht das FH-Studium konkurrenzfähiger für den EU-Arbeitsmarkt – mit Wunsch nach zügigen Studienabläufen (Leistung = Arbeit pro Zeit).
Allerdings ist zum FH-System kritisch anzumerken, dass es in den letzten sieben Jahren zu fast einem Jahr Studienverlängerung kam. Dies kann den FH-Wettbewerbsvorteil mindern, wenn nicht bald gegengesteuert wird.
Die universitäre Studiendauer und Studienabbrecherquote jährlich ergibt sich aus der Relation ein Absolvent auf elf eingeschriebene Studenten. Dazu ein Rechenbeispiel: In einem Studium mit jeweils 100 Studienanfängern je Semester und fünf Jahren Studiendauer einschließlich Abschluss-/Diplomsemester ergeben sich in einem Studienzyklus permanent 1 000 Studenten, wovon jährlich 200 mit Examen abschließen, halbjährlich versetzt. Diese Relation passt circa um den Faktor 2 nicht zur Relation 11 zu 1.
Elf Jahre Studienzeit bis zum erfolgreichen Abschluss ist nicht Realität. Damit man nach amtlichen Zahlen zu zehn Semestern bis zum erfolgreichen Studienabschluss gelangt, müsste eine 50-prozentige Abbrecherquote angenommen werden. Danach wären deutsche Universitäten von effektivem Output sehr weit entfernt.
Auf fünf erfolg-reiche Abschlussprüflinge kommt ein
Promotionskandidat, der wissenschaftliche Ambitionen unter Beweis stellt. Fast jeder universitäre Studienzweig fördert und fordert wissenschaftliches Denken und Handeln, zum Beispiel in Abgrenzung zu Fachhochschulen. Das Ziel muss mehr Befähigung und Motivation zur Promotionsleistung sein.
Von 57 Hochschulabsolventen schafft ein Absolvent die Habilitation beziehungsweise strebt diese an. Wenn medizinische Fakultäten weggelassen werden, ist die Relation ungünstiger. Die Diskussion um Habilitationsmöglichkeiten wurde aktualisiert durch die
Einführung von Junior-Professuren. Auf zwölf Promovierte kommt ein Habilitierter. Diese Relation ist bedarfs-, fähigkeits- und motivationsbezogen zu überprüfen.
Kosten-Aspekte
Zum leidigen Thema Geld:
Wenn die jährlichen Hochschulausgaben durch die jährliche Zahl der Studenten (= Kunden) dividiert werden, dann kostete ein Student im Jahr 1999 etwa 40 000 DM. Rund 33 000 DM waren es noch 1994. Damit kam es innerhalb von sechs Jahren zu einem Kostenanstieg von rund 20 Prozent. Von einer „Pisa-Studie“ für universitäre Studenten wäre kaum zu erwarten, dass die Output-Qualität um 20 Prozent besser würde. Es geht hier keineswegs um Schuldzuweisungen – auch nicht an die Studenten. Diese sind eventuell häufiger Opfer als Täter bei nicht erreichtem um 20 Prozent besserem Abschluss von 1994 bis 1999.
Beachtlich ist, dass ein FH-Student im Jahr 1999 nur 12 000 DM kostete.

Das bedeutet weniger als ein Drittel der Kosten eines Universitätsstudenten. Die gleiche Relation galt sechs Jahre vorher, also 1994.
Quintessenz
Universitäten und deren Selbstverwaltung und Vertreter müssen noch selbstkritischer den eigenen Output überprüfen – dankbare Hochschulabsolventen sind ihnen gewiss. Auch einige Politiker wären entlastet und dankbar, nicht mehr neue Hochschulgesetze kreieren zu müssen.
Der Staat würde sich eventuell mehr aus der Universitätspolitik herausziehen, wenn die genannten Zahlenrelationen besser wären.
Was soll ein Finanzminister auch anderes tun, als bei 5,8 Prozent weniger Universitätsstudenten von 1994 bis 2000 auch die universitären Professorenstellen um 3,3 Prozent zu verringern? Das ist recht „gnädige“ Marktwirtschaft, es hätten drastischere Kürzungen für Universitäten kommen können.
Die FH-Erfolge zeigen sich in 7,6 Prozent mehr Studenten im Jahr 2000 gegenüber 1994. Das wurde in der Stellenausstattung belohnt mit 14 Prozent mehr FH-Professorenstellen. Davon wäre ableitbar, dass marktwirtschaftliche Mechanismen auch im Bildungsbereich gelten: Wer so attraktiv in seinen Dienstleistungen und Studienangeboten ist, dass mehr Kunden/Studenten zur Ausbildung kommen, erhält mehr Investitionsmittel beziehungsweise zusätzliche Professorenstellen.
Vorschlag
Kritisch sind diese globalen Relationen detailliert auf Universitäten, Fakultäten und Studienfächer für Ranking-Zwecke (Benchmarking) zusammenzustellen. Wo möglich, sind FH-Vergleiche anzustellen („Lernen am Vorbild“).
Universitäten sollten selbst ein „oberstes Qualitätsorgan“ schaffen, also nicht auf staatliche Eingriffe warten. Die Besten der Hochschulen wären jährlich zu prämieren. Ein Fonds dafür könnte aus der Wirtschaft zusammenkommen – dort ist das Interesse an hoch qualifiziertem Output sehr groß, das heißt an guten Universitätsstudenten mit kurzen Studienzeiten.
Die Vertreter der klinischen Medizin beziehungsweise Organe der Ärzteschaft sollten sich aus berufsethischen Motiven wirkungsvoll für die Medizinstudenten als die zukünftigen Leistungsträger einsetzen.

Prof. Dr. med. J. Matthias Wenderlein
Universitäts-Frauenklinik
Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm
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