ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Physiotherapie: Ausbildung ändern!

BRIEFE

Physiotherapie: Ausbildung ändern!

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): A-3000 / B-2540 / C-2381

Jörger, Götz

Forderungen an die Ausbildung in Physiotherapie:
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LNSLNS Bei zunehmender Diskussion im Gesundheitssystem über Kosten und Qualitätssicherung muss sich auch die Physiotherapie die Frage stellen, welche Therapieanwendungen überhaupt sinnvoll und adäquat sind. Es gibt heute unterschiedlichste Therapiekonzepte für Krankheitsbilder wie Impingementsyndrome oder Osteoporose. Doch wer kontrolliert diese Vielfalt an therapeutischen Möglichkeiten?
In der wissenschaftlich basierten Medizin werden einzelne Behandlungsmethoden erst dann zugelassen, wenn durch wissenschaftliche Studien der Nutzen eindeutig bewiesen ist. Sicher kann in der Physiotherapie eine solche Vortestung nicht im gleichen Rahmen stattfinden, aber ein objektiver Wirksamkeitsnachweis muss auch hier gefordert werden.
In der Medline findet man unter dem Suchbegriff Physical therapy in der englischen Literatur 3 931 Treffer, dagegen werden beim deutschen Suchbegriff Physiotherapie gerade mal 45 Angaben aufgelistet. Die konkrete Suche nach bestimmten Behandlungsmethoden wie z. B. Kleinvogelbach erbringt keinen Treffer. Dies stellt das große Dilemma gerade der Physiotherapie in Deutschland dar. Aufgrund der kurzen und wenig wissenschaftlich bezogenen Ausbildung kann keine kritische Auseinandersetzung mit bestimmten Methoden stattfinden. Die intensive Schulausbildung ist zwar seit 1995 auf drei Jahre aufgestockt worden, jedoch ist bei der Vielzahl an unterschiedlichen Stoffgebieten keine wissenschaftliche Arbeit zu erwarten. Seit 1990 ist die Anzahl der KG/Physioschulen rasant gestiegen. Insgesamt verzeichnet der ZVK 236 Schuen in Deutschland. Jedes Jahr kommen 7 000 neue Physios auf den Arbeitsmarkt. Die Berufsanfänger sind motiviert und bilden sich regelmäßig fort. Viele haben nach drei bis vier Jahren schon die wichtigsten Fortbildungszertifikate (Manuelle, PNF, Bobath etc.). Trotzdem wird die Physiotherapie in einigen Krankenhäusern oder von manchen Chefärzten infrage gestellt. Vergleicht man bestimmte Nachbehandlungsschemata, so findet man in den einzelnen Kliniken oder Praxen völlig unterschiedliche Konzepte, die man aufgrund der eigenen Erfahrung für gut empfindet. Wissenschaftliche Studien werden nur in den wenigsten Fällen durchgeführt.
Das heutige Gesundheitswesen fordert jedoch diesen Wirksamkeitsnachweis, und gerade dies kann die Physiotherapie nicht leisten. Der Grund dafür liegt, wie oben erwähnt, in der zu kurzen und zu wenig wissenschaftlich basierten Ausbildungszeit. Deshalb sollten wir uns ein Beispiel an Holland nehmen. Hier wird die Physiotherapeutenausbildung als Studium angeboten. Dadurch wird das gesamte Spektrum intensiver gelehrt, und die Durchführung einer wissenschaftlichen Studie ist dann zur Erlangung des Diploms Voraussetzung. Sicher auch deshalb hat die Physiotherapie in anderen Ländern einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland.
Aufgrund dieser Ausführungen ist Folgendes zu fordern:
! Physiotherapie sollte als Studium an einer Fachhochschule angeboten werden.
! Zur Erlangung des Diploms ist eine wissenschaftliche Abhandlung zu erstellen.
! Die Ausbildung ist auf mindestens vier Jahre zu verlängern.
! Bestimmte Therapiemethoden (z. B. Manuelle Therapie) sollten Bestandteil der Ausbildung sein.
Dies hätte den Vorteil, dass Wirksamkeitsnachweise über einzelne Konzepte vorhanden wären. Die Physiotherapie könnte damit endlich auch wissenschaftlich beweisen, dass sie eine effiziente Heilmethode darstellt. Das würde die Akzeptanz bei Kassen und besonders bei Ärzten enorm verbessern.
Dr. med. Götz Jörger, Ludwigstraße 7, 78073 Bad Dürrheim
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