ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Niereninsuffizienz: Chance vertan
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LNSLNS Zunächst einmal: Es gibt auch viele Allgemeinärzte und Internisten, die sehr aufmerksam mit dem Thema Niereninsuffizienz umgehen und die betroffenen Patienten frühzeitig und über Jahre in enger Abstimmung mit dem Nephrologen betreuen. Allzu oft trifft aber leider alles zu, was in diesem Artikel beschrieben wird – zum Schaden der Patienten und der Solidargemeinschaft.
Nun muss in diesem Zusammenhang aber auch auf Folgendes hingewiesen werden: Am 1. Juli 2002 ist der „Vertrag zur Änderung des Bundesmantelvertrags-Ärzte (BMV-Ä) über besondere Versorgungsaufträge für die nephrologische Versorgung chronisch niereninsuffizienter Patienten“ (DÄ, Hefte 13 und 14/2002) in Kraft getreten. Liest man darin die inhaltliche Festlegung des nephrologischen Versorgungsauftrags, stellt man erstaunt fest, dass der Nephrologe für viele (allzu viele!) genuin nephrologische Probleme gar nicht zuständig ist!
So wurden hereditäre Nierenerkrankungen (z. B. die polyzystische Nierendegeneration – „Zystennieren“), die Hypertonie, der Diabetes mellitus mit positivem Mikroalbumin-Nachweis, die metabolische Osteopathie etc. nicht in den Zuständigkeitsbereich des Nephrologen aufgenommen. Von der im Artikel von Ritz et al. geforderten jährlichen nephrologischen Vorstellung ab einem Kreatininwert von 1,5 mg% ganz zu schweigen: Vielmehr wird in Anlage 9,1 § 2 (2) des Vertrages von einem Serumkreatinin von 2,5 mg% bzw. einer Kreatinin-Clearance von < 40 ml/min ausgegangen.Noch problematischer ist die gebührentechnische Umsetzung dieses Vertrages durch die KV. Die neue Abrechnungsziffer 790 beinhaltet die „kontinuierliche Betreuung eines chronisch niereninsuffizienten Patienten mit einer dauerhaften (!) endogenen Kreatinin-Clearance unter 20 ml/min oder mit nephrotischem Sydrom“.
Der Leistungstext der Gebührennummer 790 besagt also nichts anderes, als dass der Nephrologe im Rahmen seines Behandlungsauftrages erst dann von der KV als „zuständig“ betrachtet wird, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. So fallen nach diesem Text Kollagenosen mit Nierenbeteiligung, primäre Glomerulonephritiden, hereditäre Nierenerkrankungen, akutes Nierenversagen, Hypertonie, diabetische Nephropathie, renale Osteopathie, deren optimale Behandlung ausgesprochen zeit- und zuwendungsaufwendig ist, erst dann unter die beauftragungsgemäße Zuständigkeit des Nephrologen, wenn sie zum irreversiblen präurämischen Zustand geführt haben.
Besonders motivierend im Sinne des besprochenen Beitrages ist das nicht. Vielmehr wurde hier eine entscheidende Chance zur strukturellen Verbesserung der Behandlung niereninsuffizienter Patienten vertan.
Dr. med. Burkhard Gmelin, Albrecht-Dürer-Platz 11, 90403 Nürnberg
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