Supplement: Praxis Computer

Medizin-Software für Handhelds: Leichte Ratgeber für die Kitteltasche

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): [20]

Koneczny, Nik

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Palm-Modell
Palm-Modell
Handheld-Computer machen sich bereits in vielen Bereichen nützlich, in denen es darum geht, effizient und mobil auf Informationen zuzugreifen. Preiswerte Programme für Palm-Organizer können auch Ärzten die Arbeit erleichtern.
Wenn es um die Zukunft der Informationsflüsse in der medizinischen Welt geht, bleiben sie selten unerwähnt: Die kleinen, batteriebetriebenen Taschencomputer, so genannte Palms (abgeleitet von englisch: Handfläche), auch als Palmtops, PDAs (Personal Digital Assistants) oder Handhelds bezeichnet. PDAs ermöglichen den Zugriff auf medizinische Informationen auch dort, wo die Arzt-Patienten-Interaktion stattfindet: am Krankenbett oder in der Wohnung des Patienten beim Hausbesuch.
Wer auf US-amerikanischen Internet-Seiten (siehe Kasten) nach medizinischen Palm-Programmen sucht, findet eine Vielzahl professionell angebotener Anwendungen für nahezu jedes Fachgebiet: Fachbücher, Labor- und Medikamentendatenbanken, Leitlinien, Kodierungstools und Patientenmanager („Patienttracker“) stehen zum Download bereit. Dabei haben Anwendungen für das Betriebssystem Palm-OS immer noch einen deutlichen Vorsprung vor Pocket-PC-Programmen mit Windows-CE-Betriebssystem, wenngleich Letzteres in der Anwendergunst aufholt.
Erste Versuche, diese Programme zu testen, enden oft frustrierend: Viele sind recht teuer, es gibt keine zuverlässige Zahlungsmöglichkeit, oder es fehlt der notwendige Reader. Diese Betrachtungssoftware ist erforderlich, um die Anwendungen lauffähig zu machen. Beispiele sind Jfile, TealDoc, HanDBase und iSilo. Dennoch lässt sich mit etwas Geduld und für wenig Geld eine Auswahl an Programmen für den Palm-Organizer zusammenstellen, die sich im medizinischen Alltag rasch als nützlich erweisen.
Der Palm beim Hausbesuch
Im Notdienst hat der Arzt mit Arztkoffer und Formulartasche schon schwer zu tragen – für Rote Liste, ICD-10-Liste oder Kitteltaschenbuch Allgemeinmedizin ist in der Regel kein Platz mehr. Als Ersatz für die Rote Liste bieten sich zwei Programme an:
N Die Gelbe Liste für den Palm (www.gelbe liste. de, Log-in per DocCheck-Passwort): Mit dem „Wirkstoffbrevier“ sind sämtliche 32 000 Packungen der Gelben Liste mit Preisen und Inhaltsstoffen nachschlagbar. Dosierungsangaben oder Nebenwirkungen lassen sich dagegen nicht abfragen. Die 3,6 MB große Datenbank kann mit etwas Geschick auf die Speicherkarte ausgelagert werden; das spart Arbeitsspeicher.
N ePocrates RX (www.epocrates.com): Diese kostenfreie Anwendung mit
Auto-Update-Funktion ermöglicht den Zugriff auf eine englischsprachige Medikamentendatenbank, die bei jedem Hotsync (Datenabgleich mit dem PC) auf den neuesten Stand gebracht wird. Für 2 600 Präparate lassen sich Erwachsenen- und Kinder-Dosierungen, Indikationen, Kontraindikationen, Interaktionen und weitere Informationen schnell und übersichtlich abrufen. Allerdings sind die Auswahl der Präparate und ihre Handelsnamen am US-amerikanischen Markt orientiert.
Arzneimittel Pocket von Bruckmeier (www.media4u.com, unter „Palm/Pocket-PC“) für 12,70 Euro ist eine Alternative zu beiden Anwendungen.
Als Ersatz für eine ICD-10-Liste, die der Arzt spätestens dann benötigt, wenn er vor Ort Behandlungsscheine ausfüllen muss, empfiehlt sich das Programm ICD-10 for Palm OS von Rüdiger Lange (www.ruedigerlange.de/icd. html). Das kostenfreie, deutschsprachige Programm läuft wahlweise mit dem Reader iSilo oder einem Document-Reader wie CSpotRun.
Klinik und Notdienst
Eine gute deutschsprachige elektronische Alternative zum beliebten Kitteltaschenbuch gibt es derzeit (noch) nicht. Bei den englischsprachigen Pendants, den „References“, sind die Produkte von Skyscape beliebt:
N Griffith’s 5 Minute Clinical Consult (www.skyscape.com) ist englischsprachig, kostet 65 US-Dollar und wird per Hotsync aktualisiert. Beeindruckend ist die Beschreibung von mehr als 1 000 Erkrankungen; auch seltene Krankheitsbilder (wie beispielsweise das Marchiafava-Bignami-Syndrom) werden aufgeführt. Die bedienungsfreundliche Navigation unterteilt Basics, Diagnose, Behandlung, Medikamente und Follow-up. ICD-9-Liste und Medikamentendatenbank sind integriert. Die Anwendung lässt sich größtenteils auf der Speicherkarte installieren.
N Das Washington Manual of Medical Therapeutics (60 Dollar) und die Kurzversion Internship Survival Guide (30 Dollar) unter der Internet-Adresse www.collectivemed.com/jump/washm.shtml sind weitere Beispiele für gefragte Kompendien.
Systembedingt wird man bei den üblichen Kompendien auf Bilder und Grafiken verzichten müssen. Darüber hinaus fällt die Übersetzung deutscher Termini in englische anfangs schwer,. Die medikamentösen Therapieempfehlungen wirken für unsere Verhältnisse oft etwas überzogen (zum Beispiel „Chinolone“ bei unkompliziertem Harnwegsinfekt).
Der Palm in der Klinik
Je schwerer der Arztkittel, desto unerfahrener ist sein Träger. Ursache sind Zettel, Bücher, Heftchen, oft mit eigenen Notizen versehen, die der Arzt in den Kitteltaschen mit sich trägt, um jederzeit und überall Zahlen und Fakten nachzuschlagen. Telefonnummern, Laborwerte, Medikamentendosierungen und Formelsammlungen lassen sich jedoch leichter und übersichtlicher in einem Palm-Organizer unterbringen. Die meisten Programme bieten auch die Möglichkeit, die Daten selbst zu ergänzen oder Notizen anzuhängen.
Die British Medical Journal Publishing Group bietet mit Clinical Evidence (siehe www.clinicalevidence.com, unter „other CE products“) eine monatlich aktualisierte Datenbank zu evidenzbasierten medizinischen Interventionen an, die beim Datenabgleich automatisch über das Internet aktualisiert wird. Dort lässt sich beispielsweise nachsehen, wie hilfreich Nasentropfen bei Mittelohrentzündung sind und wie die Datenlage für Loperamid bei Durchfall ist. Systembedingt bleiben jedoch viele Fragen aus der
medizinischen Praxis unbeantwortet.
Eine kostenfreie Labornormalwerte-Sammlung im Doc-Format bietet Bao Tran zum Download unter www.
quocbao.de/
labor.pdb an.
Der Medical Calculator MedCalc von Mathias Tschop (http://medcalc.
med-ia.net) ist der wohl komplexeste Medizinrechner mit Formelsammlung. Das kostenfreie englischsprachige Programm ermöglicht es dem Anwender, Werte nach mehr als 50 medizinischen Formeln zu berechnen, wie zum Beispiel APGAR-Score, Kreatinin-Clearance und Glasgow Coma Scale. Die Ergebnisse lassen sich einem Patientennamen zuordnen und abspeichern.
Mit der zunehmenden Popularität der Handhelds bei Ärzten entsteht auch eine ständig wachsende Zahl privater und kommerzieller Angebote im Internet. Mediheld.de (www.medi
held.de) ist einer der ersten deutschen Online-Shops hierfür. Spezialisierte Anwendungen, wie zum Beispiel pädiatrische Impf-Manager, Schwangerschaftsrechner oder toxikologische Datenbanken, finden sich auf den US-amerikanischen PDA-Webseiten, wie fphandheld.com und healthypalmpilot.
com.
Auch die Suche bei nichtmedizinischen Online-Anbietern von Palm-Software ist ergiebig: Die Suchanfrage „Medizin“ bei palminfo.de bringt 44 Ergebnisse, unter denen sich einige nützliche Anwendungen befinden. Bei erfolgloser Suche nach einer bestimmten Software-Lösung bietet sich die Recherche mit exakten Suchbegriffen bei der Suchmaschine Google an.
Medizinische PDA-Website von pdaMD.com
Medizinische PDA-Website von pdaMD.com
Zukunftsperspektiven
Noch gleicht die medizinische Ausstattung für Handhelds einem Flickenteppich aus verschiedensprachigen Anwendungen, die wiederum verschiedene Darstellungsprogramme benötigen und deren Funktionalität sich teils überschneidet, teils aber auch für den medizinischen Alltag unzureichend ist.
Bestrebungen, die Handhelds kommunikationsfähig mit Kartenlesegeräten, Druckern, Mobiltelefonen, drahtlosen Netzwerken sowie mit Klinikkommunikations- und Praxismanagementsystemen zu machen, zielen dahin, dem Arzt am Krankenbett sämtliche Informationen zum Patienten und seinen Erkrankungen zur Verfügung zu stellen und Befunde und Anweisungen zu dokumentieren.
Möglicherweise gewinnt der Arzt so wieder mehr Zeit für seine Patienten, wenn die Informationsrecherche nicht mehr an Computermonitoren und die Suche nach Patientenunterlagen nicht mehr in Archiven stattfindet.
Nik Koneczny
Kontaktadresse: Nik Koneczny, Facharzt für Innere Medizin, Wissensnetzwerk evidence.de, Fakultät für Medizin, Universität Witten/Herdecke, Alfred-Herrhausen-Straße 50, 58448 Witten, E-Mail: Koneczny@evidence.de


Doc- und Datenbank-Reader
CSpotrun: http://32768.com/bill/palmos/cspot
run, kostenfreier Reader für das verbreitete Doc-Format
iSilo: www.isilo.com, funktionseingeschränkte Freeware

Hyperlinks (Auswahl)
Medizinische Anwendungen (englisch)
www.fphandheld.com
www.handheldmed.com
www.healthypalmpilot.com
www.pdamd.com
www.collectivemed.com

Allgemeine PDA-Software
www.palminfo.de
www.pdassi.de
www.palmgear.com
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