ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 6/2002Sicherheit bei der Verordnung: Individuelle Arzneimittel-Risikoprüfung

Supplement: Praxis Computer

Sicherheit bei der Verordnung: Individuelle Arzneimittel-Risikoprüfung

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): [23]

Helmecke, Dorothee

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Datenmodul „Cave“ ermöglicht eine patientenspezifische Risikoprüfung und unterstützt damit den Arzt bei der medikamentösen Therapie.
Bei der Verordnung von Arzneimitteln ist Sicherheit ein zentrales Thema. Schon lange ermöglicht die Arzneimitteldatenbank „Abdamed“ eine automatisierte Interaktionsprüfung zwischen sämtlichen verordneten Arzneimitteln und trägt damit wesentlich zur Arzneimittelsicherheit bei. Mit der Einführung des Zusatzmoduls „Cave“ wird jetzt eine individuelle Arzneimittel-Risikoprüfung für Patienten mit Risikofaktoren, wie zum Beispiel Allergien oder chronischen Krankheiten, möglich. Ziel ist es, den Arzt im Hinblick auf eine erhöhte Sicherheit bei der medikamentösen Therapie zu unterstützen.
Während der Verordnung von Arzneimitteln gleicht das Programm die beabsichtigte Medikation mit den Merkmalen des Patienten ab und überprüft sie hinsichtlich persönlicher Risiken. Ergeben sich bei der Überprüfung Anwendungsrisiken, werden das Ergebnis der Prüfung und auf Wunsch Detailinformationen auf dem Bildschirm angezeigt. Zusätzlich kann der Anwender auf Hintergrundinformationen in der Arzneimitteldatenbank, zum Beispiel zu Gegenanzeigen oder Hinweisen für den Verordner, zugreifen. Die Entscheidung für die Durchführung der Therapie verbleibt beim Arzt.
Inhalte von „Cave“
N Das Teilmodul „Allergie“ prüft auf Allergien und Kreuzallergien bei Anwendung von Fertigarzneimitteln oder Stoffen. Berücksichtigt werden allergische und pseudoallergische Stoffüberempfindlichkeiten. In die Prüfung werden Wirk- und Hilfsstoffe sowie Arzneipflanzen und deren Zuberei-tungen einbezogen.
N Das Teilmodul „Erkrankung“ berücksichtigt länger oder dauerhaft bestehende Patientenmerkmale, die die Anwendung eines Fertigarzneimittels einschränken oder ganz ausschließen können. Dazu zählen neben chronischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes oder Herzinsuffizienz, auch Zustände, wie Schwangerschaft und Stillzeit, sowie bestimmte Lebensumstände.
N Das Teilmodul „Alter“ warnt bei altersbezogenen Anwendungsrisiken eines Fertigarzneimittels. Ausgehend vom Geburtsdatum wird geprüft, ob das Arzneimittel beim aktuellen Patientenalter angewendet werden darf. Darüber hinaus wird auf unzweckmäßige Wirkstärken oder Darreichungsformen für ein bestimmtes Alter hingewiesen.
N Das Teilmodul „Geschlecht“ gibt eine Warnung aus, wenn geschlechtsspezifische Anwendungsgebiete eines Fertigarzneimittels nicht zum dokumentierten Patientengeschlecht passen.
Strukturierte Daten
Mit der Erstaufnahme eines Patienten in die Stammdaten werden Geburtsdatum und Geschlecht erfasst. Dies ermöglicht bereits die Prüfung auf eine alters- oder geschlechtsatypische Medikation.
Um weitere Anwendungsrisiken durch Fertigarzneimittel ausschließen zu können, werden Allergien, chronische Erkrankungen und weitere Besonderheiten in den Patientendaten dokumentiert. Dies geschieht in strukturierter Form mit den MIV-Kodes (medikationsrelevante Individualparameter). Dabei handelt es sich um eine neu entwickelte Kodierung, denn die Prüfung auf Einsatzmöglichkeiten etablierter Klassifikationssysteme ergab, dass es keine durchgängige Kodierung zu Anwendungsrisiken von Arzneimitteln gibt. So ist auch der in allen Arztpraxen verwendete ICD-10-Kode (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) nach SGB V unzureichend:
N Zum Beispiel gibt es für häufig auftretende Allergien, wie zum Beispiel Wollwachs- oder Parabenallergie, keinen ICD-10-Kode. In weiten Bereichen fasst der ICD-Kode verschiedenste Allergien, wie die Opioidallergie und Allergie gegen NSAR, unter einem Code >Allergien gegen Analgetika< zusammen. Es gibt außerdem weitaus mehr Allergien, als im ICD-Kode aufgelistet sind.
N Bei chronischen Erkrankungen ist eine Kodierung direkt mit dem ICD-Kode ebenfalls nicht möglich, weil dieser andere Kriterien berücksichtigt – beispielsweise die Lokalisation der Erkrankung oder Komplikationen –, als für die Prüfung auf Anwendungsrisiken bei Fertigarzneimitteln erforderlich sind.
Mit dem ICD-Kode werden jedoch Verknüpfungen zu den meisten verwendeten MIV-Kodes hergestellt. Die Verknüpfung mehrerer ICD-Kodes zu einem MIV-Kode ist ebenso möglich wie die eines ICD- zu mehreren MIV-Kodes. Gibt es keine Verknüpfung, erhält der Arzt den Hinweis, dass diese Diagnose nicht in der Prüfung berücksichtigt wird.
Allergien
Die Allergien eines Patienten werden möglichst über den allergieauslösenden Stoff oder über das Fertigarzneimittel erfasst, weil viele Stoffe aufgrund ihrer Struktur mehreren Allergiegruppen zugeordnet wurden.
N Beim Einstieg über das Fertigarzneimittel werden die Inhaltsstoffe mit den zugehörigen Allergien angezeigt, aus denen die MIV zur Kodierung der Allergien ausgewählt werden können.
N Beim Einstieg über die Stoffliste von „Abdamed“ werden alle Bezeichnungen und Synonyme, zum Beispiel auch Bezeichnungen aus Kosmetiklisten, genannt und sämtliche zum Stoff gehörenden Allergien angezeigt. So kann der Anwender die zugehörigen Allergiegruppen auswählen. Für Patienten mit mehreren Allergien kann zusätzlich der Kode >Diathese (allergische)< erfasst werden.
N Ist ein Einstieg über den Stoff oder das Fertigarzneimittel nicht möglich, kann der Arzt auch über die Allergiegruppe selbst oder über den ICD-10-Kode eine Auswahl treffen.
Erkrankung
Zur Prüfung der Relevanz von Anwendungsrisiken eines Fertigarzneimittels aufgrund chronischer Erkrankungen oder besonderer Lebensumstände werden die Patientenmerkmale ebenfalls als MIV erfasst. Die ärztliche Diagnose ermöglicht die präzise Spezifizierung einer Erkrankung und damit eine genaue Überprüfung. Der Einstieg erfolgt vorrangig über den ICD-Kode, ist aber auch über die hierarchisch aufgebaute MIV-Auswahlliste möglich. Die Verknüpfung mit dem ICD-10-Kode erfolgt auf der Ebene der Kategorien (H 40) und Subkategorien (H 40.1–9), siehe Tabelle, Seite 23.
Zu jedem Kode einer Erkrankung wird zusätzlich ein Status „statisch“ oder „temporär“ vergeben. Eine Abänderung ist möglich und oft auch notwendig, da sich dieser ändern kann: >Diabetes mellitus Typ 1< ist zum Beispiel mit „statisch“ vorbelegt. Hat eine Patientin einen vorübergehenden >Diabetes mellitus Typ 1< in der Schwangerschaft, wird das Kennzeichen in „temporär“ abgeändert.
Ablauf und Ergebnisse der Risikoprüfung
„Geschlecht“: Anhand des dokumentierten Geschlechts des Patienten wird auf eine geschlechtsatypische Anwendung geprüft. Die beim Fertigarzneimittel zu den Indikationen hinterlegten Geschlechtsattribute gleicht das System mit dem Patientengeschlecht ab. Bei unterschiedlichen Einträgen erfolgt eine Warnung: „Keine Indikation bei Geschlecht . . .“, und die Anwendungsgebiete des Fertigarzneimittels werden angezeigt.
„Alter“: Ausgehend vom Geburtsdatum wird mithilfe des Tagesdatums das aktuelle Patientenalter errechnet, um die Verordnung auf altersabhängige Risiken zu prüfen. Die Hinweise zu Anwendungsrisiken unterscheiden:
N „Keine Anwendung“, wenn sich für das Lebensalter eine Verordnung
verbietet,
N „Anwendungsbeschränkung“, wenn das Fertig-arzneimittel nur eingeschränkt oder nur unter besonderen Voraussetzungen eingesetzt werden darf,
N „Atypische Medikation“, wenn sich die Anwendung des Fertigarzneimittels nicht grundsätzlich verbietet, aber eine Applikation aufgrund von Stärke oder Darreichungsform unüblich (zum Beispiel zu große Kapseln bei Kleinkindern) ist und wirkstoffgleiche Präparate in geeigneter Stärke oder Darreichungsform zur Verfügung stehen.
Gegebenenfalls wird erläutert, warum das Arzneimittel im gewünschten Altersbereich nicht geeignet ist. Infrage kommen Fertigarzneimittel-spezifische (zum Beispiel „falsche Wirkstärke/Darreichungsform/Applikation“) oder Stoff-spezifische Gründe (zum Beispiel „nur bei vitaler Indikation und bei stationärer ärztlicher Kontrolle“). Auf zusätzlich erforderliche Maßnahmen (zum Beispiel „nicht im Bereich des Gesichts auftragen“) wird hingewiesen.
Anwendungsrisiken aufgrund altersbedingter Zustände bei Kindern und Jugendlichen sind mit allgemein gültigen Altersgrenzen festgelegt worden. In höheren Altersbereichen lassen sich Patienten weniger durch das Alter als durch bestimmte Zustände voneinander unterscheiden. Beispiele: >Frau im Klimakterium<, >Mann im zeugungsfähigen Alter<. Auch die Angabe >älterer Patient< bezieht sich weniger auf das konkrete Patientenalter als auf dessen Besonderheiten, wie zum Beispiel geringere Resorptionsgeschwindigkeit, Veränderung der Verteilung, abnehmende Nierenfunktion. Darum werden Anwendungsrisiken, die sich eher auf Lebensabschnitte als auf ein formal berechenbares Patientenalter beziehen, gesondert kodiert.
„Allergie“: Sämtliche Inhaltsstoffe von Fertigarzneimitteln – allopathische Wirkstoffe, Hilfsstoffe und Pflanzen – wurden auf allergische Reaktionen, Gruppenzugehörigkeit und Kreuzallergien hin überprüft und bei Vorliegen eines allergischen Potenzials in die Daten aufgenommen. Chemisch eng ver-wandte allergieauslösende Stoffe, bei denen eine Gruppenallergie vorliegt, werden zu einer Allergiegruppe zusammengefasst. Tritt zwischen Allergiegruppen eine Kreuzallergie auf, so werden diese zu einer Allergie-Obergruppe zusammengefasst (siehe Kasten „Allergie-Obergruppe/Allergiegruppe“, Seite 25).
Da unterschiedliche Determinanten eines Stoffmoleküls für die allergische Reaktion verantwortlich sein können, lassen sich ihm auch mehrere Allergien zuordnen: So kann Benzylpenicillin-Procain sowohl eine Allergie gegen Penicilline als auch gegen Lokalanästhetika vom Estertyp auslösen.
Nach der Erfassung der Allergien wird bei jeder Verordnung die Cave-Prüfung integriert und ein Kreuzallergie-Risiko automatisch mit überprüft. Entsprechend differenzieren die Hinweise in „Allergie beachten“ und „Kreuzallergie beachten“ (Beispiel 1, Seite 24).
„Erkrankung“: Bei der Risikoprüfung werden die Anwendungsrisiken der Fertigarzneimittel den Erkrankungen des Patienten gegenübergestellt. Weil dabei zur Beschreibung der Anwendungsrisiken in den Fachinformationen häufig andere Begriffe benutzt werden, als zur Dokumentation der Erkrankung des Patienten zur Verfügung stehen, wurden die Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Begriffen redaktionell aufbereitet und miteinander verknüpft, um die Risikoprüfung zu ermöglichen. In einer Detailinformation wird der zugrunde liegende inhaltliche Zusammenhang zwischen dem An­wen­dungs­risiko des Fertigarzneimittels und der Erkrankung näher erläutert (siehe Kasten „An­wen­dungs­risiko – Erkrankung“, Seite 25).
Bei ermittelten Risiken erhält der Anwender differenzierte Hinweise:
N „Keine Anwendung“, wenn sich die Verordnung des Fertigarzneimittels verbietet,
N „Anwendungsbeschränkung“, wenn das Fertigarzneimittel nur eingeschränkt eingesetzt werden darf.
Wenn erforderlich, erhält der Anwender eine Begründung, warum das Arzneimittel bei dem entsprechenden Risiko nicht geeignet ist. Weiterhin sind Angaben zu erforderlichen Maßnahmen oder Dosisreduktionen enthalten (Beispiel 2, Seite 25).
Bedeutung für die ärztliche Praxis
Der Einsatz von „Cave“ in einem Praxiscomputersystem optimiert die Arzneimittelauswahl durch den automatisierten Abgleich mit patientenspezifischen Risiken bei der Verordnung und erhöht damit die Arzneimittelsicherheit. Zusätzlich kann der Arzt mit dem Modul Fertigarzneimittel ermitteln, die bei bestimmten Patientenmerkmalen angewendet werden dürfen. Ein Beispiel: Für einen Wollwachs-Allergiker kann eine Hydrocortison-Salbe ohne allergene Hilfsstoffe gefunden werden.
Die strukturierte Dokumentation der Patientenmerkmale – wann immer möglich, unter Einbeziehung der ICD-10 – bedeutet langfristig eine wesentliche Arbeitserleichterung. Darüber hinaus stehen mit dem Datenmodul Kodierungen für die standardisierte elektronische Kommunikation der Patientenmerkmale zur Verfügung.
Dorothee Helmecke
Informationen: Dr. phil. nat. Dorothee Helmecke, ABDATA Pharma-Daten-Service, Carl-Mannich-Straße 26, 65760 Eschborn/Taunus, E-Mail: d.helmecke@
abdata.aponet.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema