ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Epidemiologische und ökonomische Aspekte des Alkoholismus: Zur Häufigkeit des Alkoholismus in speziellen Patientengruppen

MEDIZIN: Diskussion

Epidemiologische und ökonomische Aspekte des Alkoholismus: Zur Häufigkeit des Alkoholismus in speziellen Patientengruppen

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): A-3029 / B-2557 / C-2397

Nowack, Nicolas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Für die praktische ärztliche Arbeit ist es bedeutsam, wenn man nicht nur die Prävalenz des Alkoholismus in der Allgemeinbevölkerung kennt, sondern auch Anhaltswerte zu Häufigkeiten in speziellen (Sub-) Populationen.Wo epidemiologische Daten ein gehäuftes Auftreten nahe legen, sollte dies in Bezug auf den einzelnen Patienten ein Hinweis sein, sich besonders um eine vertrauensvolle, therapeutische Beziehung zu bemühen, um die Anamnese vertiefen zu können, weil Alkoholkranke die Tendenz zeigen, ihre Sucht zu verleugnen. Oft wurden weniger als 50 Prozent von Alkoholpatienten, die wegen medizinischer Probleme zur Behandlung kamen, als solche erkannt, und bei weiblichen Patienten seltener als bei Männern; doch 10 bis 15 Prozent der Patienten einer Allgemeinpraxis haben Alkoholprobleme (1, 4). Trotz großer interindividueller und ethnischer Unterschiede bei der Alkohol-verträglichkeit können die Trinkmengen Hinweise liefern. Daher wäre es wünschenswert, wenn Küfner und Kraus ihre Angaben kommentieren würden, wonach nur 0,7 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Hochkonsum betreiben, während für den gleichen Bezugszeitraum die Prävalenz für Alkoholabhängigkeit (2,4 Prozent) und -missbrauch (4 Prozent), denen die Hochkonsumgruppe im Wesentlichen entsprechen dürfte, ein Mehrfaches beträgt.
Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit sind anerkannte Risikofaktoren für den Teufelskreis des Alkoholismus. Unter Obdachlosen (in Deutschland seit Anfang der 90er-Jahre rund 0,2 Prozent der Bevölkerung [5]) finden sich je nach Studie und Population bis zu 90 Prozent psychisch Erkrankter, häufig mit zusätzlichen ungenügend behandelten körperlichen und/oder psychischen Krankheiten. Dabei lag die Rate der Alkoholpatienten unter Obdachlosen aktuell bei bis zu über 70 Prozent, und man kann in Deutschland davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der Obdachlosen an zwei oder mehr psychischen Störungen leiden (2, 3, 5). In den USA litten bis zu 40 Prozent chirurgischer und internistischer Patienten an Alkoholproblemen, wodurch hiernach (nur) 15 Prozent der Kosten des Gesundheitssystems verursacht wurden (4). Bei bestimmten somatischen Krankheitsbildern ist allgemein bekannt, dass dies Alkoholfolgekrankheiten sein können, und dass sich zum Beispiel unter Patienten mit einer Leberzirrhose (etwa 50 Prozent) oder einer chronischen Pankreatitis (etwa 75 Prozent) sehr häufig alkoholkranke Patienten finden.
Bei älteren Menschen (> 65 Jahre) ist Alkoholismus seltener als bei jüngeren, wobei er aber schon lange bestehen oder sich auch erst im Alter entwickeln kann (zum Beispiel im Zusammenhang mit eigener Berentung, Tod des Partners, Vereinsamung). Und so zeigten bis zu 20 Prozent der älteren Patienten in US-amerikanischen Akutkrankenhäusern Alkoholismussymptome (3). Es ist gerade bei Älteren daran zu denken, dass relativ unspezifische, weitverbreitete Symptome durch Alkohol (mit-)bedingt sein können, etwa gastrointestinale Beschwerden, Vergesslichkeit oder Schlafstörungen.

Literatur
1. Dilling H, Reimer Chr, Arolt V: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer 3. Aufl., 2001: 75–76.
2. Fichter M, Quadflieg N, Cuntz U: Prävalenz körperlicher und seelischer Erkrankungen – Daten einer repräsentativen Stichprobe obdachloser Männer. Dtsch Arztebl 2000; 97: A-1148–1154 [Heft 17].
3. Lidz V, Platt JJ: Substance misuse in special populations. Current Opinion in Psychiatry 1995; 3: 189–195.
4. O'Connor PG, Schottenfeld RS: Patients with alcohol problems. N Eng J Med 1998; 338: 592–602.
5. Reker Th, Eikelmann B: Wohnungslosigkeit, psychische Erkrankungen und psychiatrischer Versorgungsbedarf. Dtsch Arztebl 1997; 94: A-1439–1441 [Heft 21].

Dr. med. Nicolas Nowack
Hochschule Magdeburg-Stendal (FH)
Standort Stendal
Osterburger Straße 25
39576 Stendal

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige