ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Epidemiologische und ökonomische Aspekte des Alkoholismus: Schlusswort
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LNSLNS Das Risiko beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen von Alkoholismus ist sicherlich in verschiedenen Krankheits- und Sozialgruppen unterschiedlich groß. In Untersuchungen über den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Alkoholkonsum (6, 7) hat sich gezeigt, dass Arbeitslose im Durchschnitt nicht mehr Alkohol tranken, sondern eher weniger oder gleichviel. Allerdings war die Anzahl der Alkoholgefährdeten deutlich höher als in der Gruppe der Beschäftigten. Die Ergebnisse weisen nach Henkel darauf hin, dass es zwei Gruppen von arbeitslosen Alkoholtrinkern gibt: solche, die ihren Alkoholkonsum reduzieren und solche, die verstärkt Alkohol trinken, um besser mit ihren Problemen und Konflikten fertig zu werden. Grund ist, dass jene, die vor dem Beginn der Arbeitslosigkeit schon Alkohol zur Problemlösung eingesetzt haben, dies nun verstärkt in der Situation der Arbeitslosigkeit tun, während die anderen zum Teil wegen reduzierter geselliger Kontakte, zum Teil wegen eines reduzierten frei verfügbaren Einkommens, weniger Alkohol trinken. Klinische Studien zur stationären Behandlung von Alkoholkranken zeigten, dass Arbeitslosigkeit als Risikofaktor zur erhöhten Rückfallquote nach stationärer Behandlung beiträgt (9).
In älteren Studien ist man davon ausgegangen, dass Personen, die in Produktion, Handel und Verkauf von alkoholischen Getränken arbeiten (größere Verfügbarkeit), selbstständig oder freiberuflich tätig sind (größere Arbeitsbelastung) oder als angelernte und ungelernte Arbeiter tätig sind (größere soziale Einengung), ein erhöhtes Risiko beziehungsweise eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Alkoholismus aufweisen (5). Weitere soziale Gruppen, wie Wohnungslose und andere sozioökonomisch unterschiedliche Gruppen wurden zwar hinsichtlich des Alkoholismus untersucht, die Ergebnisse sind aber bis auf die stark erhöhte Alkoholismusrate bei Wohnungslosen nicht einheitlich (2, 13) und daher für die Praxis nicht anwendbar.
Bei der Frage nach erhöhten Alkoholismusraten kann man auch von körperlichen Erkrankungen ausgehen und sich fragen, wie wahrscheinlich ein Alkoholismus vorliegt, ohne dass dieser ursächlich mit der körperlichen Erkrankung verbunden sein muss. Dass bei Fettleber, Leberzirrhose, einer Pankreatitis oder Polyneuropathie mit einer deutlich erhöhten ursächlichen Alkoholismusrate gerechnet werden muss, ist allerdings bekannt (14, 15), auch wenn es epidemiologisch schwierig ist, den genauen Anteil zu bestimmen, der mit Alkoholismus einhergeht. Auch bei bestimmten psychischen Störungen ist mit einer erhöhten Alkoholismusrate zu rechnen. In einer großen US-amerikanischen Repräsentativstudie (12) unter Anwendung der DSM-III, betrug die Alkoholismusrate (Missbrauch und Abhängigkeit) insgesamt 13,5 Prozent, bei affektiven Störungen waren es etwa 22 Prozent, bei Angststörungen etwa 17 Prozent, bei antisozialen Persönlichkeitsstörungen aber etwa 70 Prozent (davon 50 Prozent mit Alkoholabhängigkeit) und bei Schizophrenien etwa 34 Prozent mit einer zusätzlichen Alkoholismusdiagnose. Das bedeutet, dass bei verschiedenen psychischen Störungen mit einer erhöhten Alkoholismusrate gerechnet werden muss.
Herr Nowack weist in seinen Ausführungen auf die Schwierigkeiten der Diagnostik von Alkoholpatienten in Allgemeinkrankenhäusern und bei Patienten mit Alkoholproblemen in Allgemeinpraxen hin. In der berechtigten Hoffnung, dass Trinkmengen Hinweise auf Alkoholprobleme liefern könnten, stellt er eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschätzten Anteilen von Personen mit Hochkonsum (0,7 Prozent mit mehr als 80 g/120 g Reinalkohol pro Tag für Frauen/Männer) und den Prävalenzwerten für Abhängigkeit (2,4 Prozent) und Missbrauch (4,0 Prozent) fest. Selbst bei erheblich niedrigeren kritischen Konsumschätzwerten von mehr als 40 g Reinalkohol pro Tag für Frauen beziehungsweise 60 g Reinalkohol für Männer finden sich in epidemiologischen Untersuchungen nur circa 4 bis 5 Prozent der Befragten (8), die diesen Schwellenwert überschreiten, sodass auch geringere durchschnittliche Konsummengen die Abweichungen zwischen den beiden Gruppen nicht erklären können. Unabhängig von methodischen Schwierigkeiten bei der Schätzung von Alkoholmengen in Konsumentenbefragungen (4, 10, 11), weisen neuere Studien darauf hin, dass neben der durchschnittlichen Alkoholmenge die Häufigkeit der Anlässe mit hohen Konsummengen für die Vorhersage von Missbrauch und Abhängigkeit eine wesentliche Rolle spielt (3, 16). Moderate, als Durchschnitt pro Tag angegebene, Alkoholmengen können nämlich sowohl auf ein regelmäßiges moderates Konsumverhalten hinweisen, ermitteln sich aber ebenso aus selteneren Trinkanlässen mit erheblichen Mengen konsumierten Alkohols. Trotz identischer durchschnittlicher Konsummengen sind die gesundheitlichen wie sozialen Risiken bei einem gleichmäßig verteilten Alkoholkonsum und bei einem seltenen exzessiven Konsum durchaus unterschiedlich für die Beurteilung problematischen Trinkverhaltens.
Die Diagnose Alkoholabhängigkeit setzt zwar eine mehr oder weniger lange Phase eines erhöhten Alkoholkonsums voraus, ist aber keineswegs mit dieser gleichzusetzen. Die Trinkmuster von Alkoholabhängigen können sich im Verlauf erheblich ändern. Das Eintreten des so genannten Toleranzverlustes bei einem Teil der Abhängigen führt beispielsweise dazu, dass ein Alkoholkranker bereits mit relativ kleinen Alkoholmengen die gleiche Wirkung erreicht, wofür er früher sehr viel größere Alkoholmengen zu sich nehmen musste. Viele Abhängige reduzieren zumindest teilweise oder phasenweise ihren Alkoholkonsum und trinken damit keineswegs konstant über einen langen Zeitraum die gleichen Mengen. Schließlich gibt es auch eine beträchtliche Anzahl von Alkoholkranken, denen es mithilfe einer Therapie oder als Selbstaussteiger (Spontanremission) gelingt, ihren Alkoholkonsum auf Null oder zumindest drastisch zu reduzieren. Aus der durchschnittlichen Trinkmenge kann also im Einzelfall nicht mit ausreichender Sicherheit auf das Vorliegen einer Suchtdiagnose geschlossen werden.

Literatur im Internet (www.aerzteblatt.de) und bei den Verfassern

Dr. phil. Dipl.-Psych. Heinrich Küfner
Dr. phil. Dipl.-Psych. Ludwig Kraus
IFT – Institut für Therapieforschung
Parzivalstraße 25, 80804 München

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