ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Archäologie und Holographie: Moorleiche erhält ein Gesicht

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Archäologie und Holographie: Moorleiche erhält ein Gesicht

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): A-3036 / B-2563

Krüger-Brand, Heike E.; caesar

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Der Schädel einer 2 000 Jahre alten Moorleiche wird rekonstruiert.

Wissenschaftler des Forschungszentrums caesar (center of advanced european studies and research, www.caesar.de), Bonn, untersuchen im Auftrag des Landesmuseums für Natur und Mensch Oldenburg (www.naturundmensch.de) eine fast 2 000 Jahre alte Moorleiche. Aus den Computertomographie-Daten des Kopfes wollen sie ein dreidimensionales Kunststoffmodell des Schädels erstellen und das Gesicht lebensnah rekonstruieren.
Der Tote, ein circa 20 Jahre alter Mann, lebte zur Römerzeit und ist vermutlich zwischen 20 und 310 n. Chr. gestorben. Ein Torfarbeiter fand ihn 1936 im Moor von Husbäke (Niedersachsen). Der Tote lag auf dem Bauch. Die Beine waren ausgestreckt und der rechte Arm unter dem Oberkörper angewinkelt. Seiner Körperhaltung nach könnte er verunglückt sein. Die Leiche wurde im Moor als Trockenmumie konserviert und ist relativ gut erhalten. Der Mann war 1,75 m groß. Seine Haare sind an Stirn und Nacken gekürzt; darüber hinaus sind noch ein Oberlippenbart und ein Bärtchen am Kinn zu sehen. Im Magen des Toten fand man Fischgräten sowie Hirse- und Gerstenspelze.
Vor rund 200 Jahren bedeckten die Moore 40 Prozent der Landschaftsfläche in Nordwestdeutschland. Inzwischen gibt es kaum noch Moorlandschaften in der Region Niedersachsens, weil man um diese Zeit damit begann, die Hochmoore zu entwässern und den Torf abzubauen. Die Torfarbeiter stießen dabei auf viele Fundstücke und leiteten sie an das Landesmuseum für Natur und Mensch weiter. Für Archäologen haben Moore heute den Charakter einer Geschichtsdeponie, denn Lebewesen und organische Reste, die vom Moorkörper eingeschlossen wurden, können über Jahrtausende hinweg erhalten bleiben. Menschen- und Tierkörper, Haare, Hufschalen, Felle und Textilien werden fast unverändert aufgefunden. Die in den Torfschichten des Moores enthaltenen Holzreste können in der Regel auf das Jahr genau datiert werden, zum Beispiel anhand der Jahresringe von Eichenhölzern oder durch die 14C-Methode.
Die Moorleiche im Labor Fotos: caesar, Bonn
Die Moorleiche im Labor Fotos: caesar, Bonn
Durch die Untersuchung der umgebenden Torfschicht lässt sich auch das Alter von Moorleichen bestimmen. Diese sind die einzigen Quellen über den Menschen und sein Erscheinungsbild in der Region Nordwestdeutschland aus der Zeit 200 v. Chr. bis 200 n. Chr. Sie geben wichtige Hinweise auf die Krankheiten, Körperpflege, Ernährung und Tracht der damaligen Menschen.
Die Wissenschaftler untersuchen die Moorleiche mit modernsten Verfahren: Für die Gesichtsrekonstruktion werden in der Radiologischen Universitätsklinik Bonn zunächst Computertomographie-Aufnahmen (CT) des Kopfes gemacht. Die CT-Daten dienen im Forschungszentrum caesar als Basis für das Rapid-Prototyping – ein Verfahren, das beispielsweise im Automobilbau üblich ist, um Prototypen aus dreidimensionalen Datensätzen herzustellen. Aus den Daten baut die Rapid-Prototyping-Anlage Schicht für Schicht ein Kunststoffmodell des Schädels der Moorleiche auf. Verwendet wird das Stereolithographie-Verfahren, bei dem Kunststoffharz durch Laserlicht ausgehärtet wird.
Die Oberfläche der Moorleiche soll dokumentiert und vermessen werden. Hierfür nutzen die Wissenschaftler ein holographisches Aufnahmeverfahren, das zum Beispiel bei Patienten in der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie zur Operationsvorbereitung eingesetzt werden kann. Mit einem gepulsten Laserstrahl wird ein Hologramm erzeugt und die darin gespeicherte dreidimensionale Oberflächeninformation mit einer Digitalkamera schichtweise aufgezeichnet. Aus den so gewonnenen Daten lässt sich ein 3-D-Computermodell des Gesichtsprofils rekonstruieren. Die Hologramme der Moorleiche dienen zur Dokumentation und könnten in anderen Museen als Exponat ausgestellt werden. Auf der Grundlage der gewonnenen Informationen wird später das Gesicht der Moorleiche nachgebildet.
Als einziges Museum in Deutschland beherbergt das Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg fünf Moorleichen aus unterschiedlichen vor- und frühgeschichtlichen Zeiten. Drei davon sind in der Dauerausstellung „Weder See noch Land. Moor – eine verlorene Landschaft“ zu sehen. KBr/caesar
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