ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2002Ecuador: Keine Prügel mit dem Flügel

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Ecuador: Keine Prügel mit dem Flügel

Dtsch Arztebl 2002; 99(45): A-3041 / B-2569

Mischke, Roland

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Fotos: Ena-Press, Michael Wolf
Fotos: Ena-Press, Michael Wolf
Auf Galapagos begegnen sich Tiere und Menschen auf Augenhöhe.

Als ein Beiboot Passagiere des Kreuzfahrtschiffes „Santa Cruz“ zum Landgang auf die Isla Genovesa bringt, eine der nördlichsten Inseln des Galapagos-Archipels, werden sie von Seelöwen begrüßt, die unter dem Bootsboden hindurchtauchen und aus dem türkisgrünen Wasser hechten. Am Strand watscheln sie den Touristen mit den aufgekrempelten Hosenbeinen entgegen, blöken aufgeregt, stupsen sie an. Beim Schnorcheln sind die Seelöwen dazwischen und blasen Luftbläschen aus dem Maul, was Zoologen als Aufforderung zum Spielen deuten. Andere Artgenossen dösen im Sand und schauen sich, nur ein Auge geöffnet, das Treiben aus nächster Nähe an. Der Mensch steht davor und fühlt sich wie am ersten Schöpfungstag.
Pinguine und Pelikane
Knallrote Klippenkrabben staksen vorsichtig über glitschige Felsen in der Brandung. Sally tauften englische Seefahrer im 16. Jahrhundert die erstaunlich großen Tierchen, deren leuchtendes Kleid sie an die signalrote Haarpracht einer Londoner Prostituierten erinnerte. Nahebei auf einer Lavaklippe bringt es ein tapsiges Pinguinpärchen zum Liebesvollzug, ruht sich danach aus und paddelt weiter. Pelikane stürzen sich wie Kamikazeflieger ins Meer, schießen im Luftblasenstrudel in die Tiefe und halten sich an einem Schwarm handgroßer Fische gütlich. Manchen hängen nach dem Auftauchen silbrig zukkende Leiber aus den langen Schnäbeln. Während sie prustend das Seewasser aus ihren riesigen Kehlsäcken pressen, schnappen sich Pinguine blitzschnell ein paar Fische weg. Dafür gibt es keine Prügel mit dem Flügel, die Pelikane nehmen das hin.
Auf den 13 Galapagos-Inseln, die zum Territorium von Ecuador gehören, 1 000 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt, winzige Stecknadelköpfe in der Weite des Ozeans, empfängt den Besucher ein Bild des Friedens. Nur auf den drei Hauptinseln Santa Cruz, Isabela und San Cristóbal darf er sich frei bewegen, alle ande-ren Inselbegehungen sind nur mit Führern des Nationalparks und auf markierten Wegen erlaubt.
Blinde Passagiere
Die Tiere dürfen weder gefüttert noch gestreichelt werden, dennoch geraten Tier und Mensch auf Augenhöhe. Die wild lebenden Lebewesen sind von verblüffender Zutraulichkeit. Ohne Scheu begegnen sie dem Besucher mit dem aufrechten Gang, sie kennen keine Feinde.
Die Vulkaninseln entstanden vor mehr als vier Millionen Jahren durch eine Schwachstelle in der Erdkruste, durch feurige Wallungen wurden sie an die Meeresoberfläche geschossen. Sie waren wüst und leer, bis Top-Schwimmer wie Robben und Pinguine aus der Antarktis und Seelöwen aus Kalifornien an ihre Gestade verschlagen wurden, der Wind winzige Sporen von Pflanzen und Moosen über den Ozean trieb und Insekten als Nistfracht im Gefieder der Seevögel anlangten. Riesenschildkröten und Echsen sollen mit Treibholz gekommen sein, rund 90 Vogelarten als Passagiere auf Pflanzenresten.
Als Charles Darwin 1835 eintraf, stellte er fest, dass sich die Tierarten
Galapagos/Ecuador: Vulkaninseln, 1 000 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt im Pazifik
Galapagos/Ecuador: Vulkaninseln, 1 000 Kilometer vom südamerikanischen Festland entfernt im Pazifik
den Inseln angepasst entwickelt hatten. Rotfußtölpel – gänsegroße Vögel mit knallroten Füßen – leben nur auf der Insel Genovesa, Schildkröten und Leguane unterscheiden sich von Insel zu Insel, und einige Festlandgenossen änderten als Insulaner ihre Gewohnheiten grundlegend. Der Kormoran hörte auf zu fliegen und wurde Schwimmvogel. Landleguane gingen zu Wasser und legten sich ein Drüsensystem zu, mit dem sie das Meersalz ausrotzen. Das drachenartige Tier mutierte zum harmlosen Algenfresser, das sich nur noch zum Schutz seines Harems gegen andere Männchen aufplustert. Star im Evolutionszirkus ist der Darwin-Fink, den es in 13 Arten gibt: mit langem, krummem oder bohrerspitzem Schnabel, um sich von Samen, Kernen oder Insekten zu ernähren. Für Darwin war Galapagos ein Laboratorium der Evolution, weil hier alles isoliert und mit Tempo stattfand. Während die Artenvielfalt auf dem Festland Millionen Jahre brauchte, vollziehen sich auf Galapagos Entwicklungsschübe in Jahrzehnten.
Riesenschildkröten
Fauna und Flora sind bedroht. 2001 gab es vor den Küsten ein Tankerunglück. Nur durch günstige Windströmungen wurde das Öl aufs freie Meer abgetrieben. Sensible Tiere sind auf dem Rückzug: Von ursprünglich 14 Arten an Riesenschildkröten gibt es nur noch elf. Verwilderte Ziegen fressen ihnen das Grünfutter weg, Hunde, Katzen und Ratten bedrohen ihre Eier und die Jungtiere. Überfischung und Tourismus haben das ökologische Gleichgewicht aus der Balance gebracht. Ohne Touristen geht es aber nicht. Das Geld, das sie bringen, sichert die Schutzmaßnahmen, ohne die der Lebensraum der Tiere noch weiter eingeengt würde.
In Puerto Ayora, der größten Stadt auf der Hauptinsel Santa Cruz, gibt es Insulaner als Mix aus verschiedenen Nationen und nette Lokale an der Hauptstraße. Aber die Lebenshaltungskosten sind hoch, alles ist teuer auf den am Subventionstropf Ecuadors hängenden Inseln. Wegen urbanen Lebens reist niemand nach Galapagos – aber wegen der galápago, einer der Schildkrötenarten, die den Inseln auch den Namen gab. Auf der windgeschützten westlichen Seite der Isla San Salvador hat sich eine der zentnerschweren Riesenschildkröten, die bis zu 150 Jahre alt werden, am Morgen aus der Brandung gewälzt, im Sand eine Kuhle gegraben und bis zu 200 Eier abgelegt. Damit ist der letzte Akt ihres Zeugungswerks vollbracht, und die Schildkröte schleppt sich wieder in Richtung Wasser. Erschöpft hält sie inne, ruht aus. Es ist ein Urerlebnis, im Fünfmeterabstand vor der mächtigen Panzerträgerin im warmen Sand zu hocken, in das schrundige Gesicht mit der lappigen Haut und den wie aufgesetzten Murmelaugen zu schauen und eine Art von Zwiesprache zu halten.
Mit Gelassenheit stemmt sich die Schildkröte empor, schiebt sich auf stämmigen Beinen ins erlösende Nass, lässt sich von den Wellen abtreiben, taucht unter. Roland Mischke
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