ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2002Bayerischer Hausärztetag: Chipkarten-Missbrauch – und kein Ende?

POLITIK

Bayerischer Hausärztetag: Chipkarten-Missbrauch – und kein Ende?

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 490

Ochel, Ursula-Anne

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Wolfgang Hoppenthaller, bayerischer Landesvorsitzender des Hausärzteverbandes Foto: Archiv
Wolfgang Hoppenthaller, bayerischer Landesvorsitzender des Hausärzteverbandes Foto: Archiv
Auch Nicht-Kassenmitglieder machen von der Plastikkarte reichlich Gebrauch.

Bundesweit, so die Hochrechnungen des Bayerischen Hausärzteverbandes, soll sich der Schaden, der infolge des Missbrauchs von Chipkarten durch Nicht-Krankenversicherte jährlich entsteht, auf rund eine Milliarde Euro belaufen. Der Landesvorsitzende des Verbandes, Dr. med. Wolfgang Hoppenthaller, München, nannte beim 10. Bayerischen Hausärztetag am 19. Oktober in München als Störquelle: Personen, die, ohne versichert zu sein, eine fremde Chipkarte nutzen, und Personen, die nicht in der GKV versichert sind, aber mit dem Plastik-Blankocheck „versorgt werden“. Indizien: relativ hohe Zahl von Arzneimittel-Verordnungen je Chipkarte und Quartal, außergewöhnlich häufige Verwendung von ATC-Codes bei Arzneimittel-Verordnungen und die Inanspruchnahme von mehr als sieben Ärzten oder drei Hausärzten im selben Zeitraum. So errechnet sich allein für Bayern im Jahr 2001 infolge einer missbräuchlichen Inanspruchnahme von Kassenleistungen ein Betrag von 24,5 Millionen Euro und ein Gesamtverordnungsvolumen von rund 96 Millionen Euro. Hoppenthaller forderte deshalb die Krankenkassen auf, die Chipkarten so zu programmieren, dass ein Missbrauch verhindert wird. Dies könne zum Beispiel durch das Einschweißen des Fotos des Karteninhabers in die Karte oder eine Beschränkung der Arztbesuche je Quartal erfolgen.
Hinweise zu den hohen Kosten bei der Umstellung auf neue Karten mit Foto verdeutlichen, worum es den Krankenkassen geht. Die Umstellung würde nach AOK-Angaben (einmalig) rund 500 Millionen Euro kosten. Die AOK Bayern empfahl den Ärzten, ihre Praxishelferinnen prüfen zu lassen, ob der Name des Versicherten mit dem Aufdruck auf der Karte übereinstimmt. Eine weitere Möglichkeit bestehe in der versichertenbezogenen Erfassung der ärztlichen Leistungen.
Kritik am EBM-Konzept der KBV
Kritisch beleuchtete Hoppenthaller, der einstimmig in seinem Vorsitzendenamt bestätigt wurde, die Arbeit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zum „EBM 2000 plus“. „Wenn die KBV meint, ohne uns mit den Krankenkassen verhandeln zu können, dann werden wir das nicht mitmachen.“ Die Hausärzte würden weder dem Q- noch dem S-Faktor im EBM zustimmen. Auch müsse die heute schon veraltete Kostenrechnung völlig neu durchgeführt werden. In Bayern würden die EBM-Budgets eins zu eins in den Honorarverteilungsmaßstab überführt, sodass sich bis zur Einführung des neuen EBM nichts ändere. „Damit haben wir Ruhe im Land.“
Die bayerischen Hausärzte lehnen die gesetzlichen Disease-Management-Programme in der derzeitigen, von den Krankenkassen geprägten Form strikt ab. Eine Umfrage bei bayerischen Hausärzten hat ergeben: Nur 1,3 Prozent der Befragten wollen das Krankenkassenmodell. Zwei Drittel seien bereit, dem KBV-Modell zu folgen, und rund ein Drittel wolle sich den DMP völlig verweigern. „Wir müssen verhindern, dass die Krankenkassen alle Daten erhalten, sonst kommen wir Hausärzte in die Abhängigkeit der Kassen“, betonte der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes.
Ursula-Anne Ochel
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