ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2002Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Zu wenig gute Studien

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Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Zu wenig gute Studien

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 491

Bühring, Petra

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LNSLNS Kritisch beurteilt wurden die Wissenschaftskriterien des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie bei einer Podiumsdiskussion der Psychoanalytiker.

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) soll nach § 11 des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) überprüfen, ob ein Psychotherapieverfahren als wissenschaftlich anerkannt gelten kann. Der der Bundes­ärzte­kammer zugeordnete – paritätisch mit Ärzten und Psychologen besetzte – Beirat muss dabei feststellen, ob die Nachweise für die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines Psychotherapieverfahrens nach wissenschaftlichen Regeln erbracht sind. Als wissenschaftlich anerkannt gelten die „Richtlinienverfahren“: Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Verhaltenstherapie. Vor kurzem hat der WBP auch die Gesprächspsychotherapie anerkannt. Die Anerkennung durch den WBP ist der erste Schritt auf dem Weg zur sozialrechtlichen Anerkennung. Die Gesprächspsychotherapie muss noch vom Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen anerkannt werden, um als Richtlinienverfahren und damit als von der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung finanzierte Leistung etabliert zu werden. Nicht alle in der Psychotherapie angewandten Verfahren, wie zum Beispiel die Systemische Therapie, hat der WBP als „wissenschaftlich“ anerkannt. Grund: Es gebe für diese Verfahren zu wenig Wirksamkeitsnachweise, das heißt – nach den Kriterien des WBP – zu wenig randomisiert kontrollierte Studien beziehungsweise methodisch adäquate Studien oder solche mit zu geringen Patientenzahlen.
Kritisch betrachtet wurden die Kriterien des WBP bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Effektivität und Effizienz“ bei der 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. in Lindau. Problematisch sei die „Hierarchisierung von Evidenzen“, kritisierte Prof. Dr. phil. Anna Auckenthaler, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin. Die unter Praxisbedingungen festgestellte Wirksamkeit und die nach kontrolliert randomisierten Studien ermittelte Wirksamkeit müsse der WBP als gleichwertig ansehen. Die derzeitigen Kriterien implizierten ein Psychotherapieverständnis analog zu einer medikamentösen Behandlung, das heißt, bei der eine spezifische Therapie für eine spezifische Störung entwickelt und standardisiert zum Einsatz gebracht wird. Dagegen spreche jedoch die Wirkfaktorenforschung, betonte Auckenthaler. Entscheidend sei die Qualität der therapeutischen Beziehung, wahrgenommen aus der Perspektive des Patienten.
Auch Dr. phil. Günter Schiepek, Klinik für Psychosomatik, Technische Hochschule Aachen, bemängelte die Fokussierung des Beirats auf krankheitswertige Störungen und auf Ergebnisse. Allerdings ist der WBP dem § 1 Absatz 3 des PsychThG verpflichtet: Psychotherapie ist dort definiert als „jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung und Linderung von Störungen mit Krankheitswert“. Vernachlässigt werde dabei jedoch die Erforschung des Therapieprozesses, betonte Schiepek. Problematisch sei auch die „Manualisierung“ in der Psychotherapie, die sich kaum auf psychoanalytische Verfahren anwenden ließe. Er schlug vor, stattdessen das therapeutische Geschehen zu beobachten. „Die Praxis muss beforscht werden, im Sinne einer Prozess-Outcome-Forschung.“ Die Evaluation könnte mithilfe von Fragebögen direkt in der Praxis vorgenommen werden, schlug er vor.
Gegen „die harte empirische Linie des WBP“ sprach sich Prof. Dr. Michael B. Buchholz, Dipl.-Psych., Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Göttingen, aus. Dabei würden Verfahren ausgegrenzt, für die wenig empirische Forschungsnachweise bestehen. „Stillschweigend wird vorausgesetzt, dass Wissenschaft höherwertig ist als Erfolgsbeobachtungen aus der Praxis.“ Beides müsste jedoch gleichwertig betrachtet werden.
Dass es generell zu wenig Praxisstudien gebe, bemängelte Prof. Dr. med. Gerd Rudolf, Psychosomatische Klinik Heidelberg, Mitglied im WBP. Er forderte, dass die Psychotherapieforschung dringend vom Staat unterstützt werden müsse. Dies liegt in nicht allzu weiter Ferne: Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie hat für das Jahr 2005 ein großes Forschungsprogramm für Psychotherapie ausgeschrieben. Petra Bühring
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