POLITIK

Nachgefragt

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 491

Bühring, Petra

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Prof. Dr. med. Sven Olaf Hoffmann, Klinik und Poliklinik für Psy- chosomatische Medizin und Psychotherapie, Universität Mainz, ist einer der beiden Vor- sitzenden des Wissen- schaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP). Foto: privat
Prof. Dr. med. Sven
Olaf Hoffmann, Klinik
und Poliklinik für Psy-
chosomatische Medizin
und Psychotherapie,
Universität Mainz, ist
einer der beiden Vor-
sitzenden des Wissen-
schaftlichen Beirats
Psychotherapie (WBP).
Foto: privat
DÄ: Die Podiumsteilnehmer warfen dem WBP vor, die unter Praxisbedingungen festgestellte Wirksamkeit eines Psychotherapieverfahrens zu wenig zu berücksichtigen. Was sagen Sie dazu?
Hoffmann: Es trifft zu, dass derzeit wahrscheinlich die Mehrheit der Mitglieder (wir haben das nie abgestimmt) des WBP sich der „strengeren Linie“ verpflichtet fühlt und randomisierte sowie kontrollierte Studien höher als reine Versorgungsstudien gewichtet. Tatsache ist aber auch, dass es sehr wenige gute Studien zur Versorgungsforschung gibt – jedenfalls war dies bei den eingereichten Begutachtungsunterlagen der Fall. Es kann nicht darum gehen, dass Studien schlechterer Qualität nur deshalb anerkannt werden, weil sie praxisbezogen sind. Ich habe im WBP immer betont, wie wichtig es ist, die Versorgungsforschung zu berücksichtigen, deren Bedeutung übrigens in den Richtlinien des Beirats festgehalten ist.

DÄ: Die Wirksamkeit der Systemischen Psychotherapie ist bisher vom WBP nicht anerkannt worden. Was fehlt dafür?
Hoffmann: Der Antrag zur Anerkennung der Systemischen Psychotherapie enthielt nicht eine Studie, die als Beleg für die anhaltende Wirksamkeit des Verfahrens gewertet werden konnte. Der WBP gewann aus dem Antrag auch nicht den Eindruck, dass der wissenschaftliche Hintergrund dieser Therapieform bisher ausreichend konsistent ist.

DÄ: Würde der WBP Prozess-Outcome-Forschung mithilfe von Fragebögen in den Praxen zur Evaluation anerkennen?
Hoffmann: Praxisstudien sind in der Regel qualitativ problematisch, weil in den meisten kaum zu erfassen ist, was der jeweilige Therapeut tatsächlich tut. Eine Studie, die in Praxen durchgeführt wurde, würde anerkannt, wenn sie sonst den Kriterien des WBP entspricht. Prozessforschung fragt im Gegensatz zu Ergebnisforschung nach dem, was innerhalb der Therapie geschieht. Sie war allerdings bisher nicht Gegenstand der Evaluation des WBP, da dieser bisher nur nach der Wirksamkeit (und der Unschädlichkeit) von Verfahren gefragt ist.

DÄ: Die Berufsverbände der Psychotherapeuten wollen den WBP bei einer künftigen Bundes­psycho­therapeuten­kammer angesiedelt sehen. Wie steht der Beirat dazu?
Hoffmann: Wir sind bisher immer davon ausgegangen, dass der Beirat nach Gründung einer Bundes­psycho­therapeuten­kammer dort angesiedelt würde. Der Beirat verdankt seine Entstehung dem Gesetz, das die Einführung des Berufs eines Psychologischen Psychotherapeuten regelt. Als ärztlicher Psychotherapeut habe ich damit kein Problem. Sorge macht mir allerdings eher die kaum verhohlen ausgesprochene Tendenz einiger Berufsverbände, den WBP „unter die Fuchtel“ zu nehmen, weil er in seinen bisherigen Entscheidungen in bemerkenswerter Weise wissenschaftliche und nicht berufspolitische Interessen durchsetzte. Wenn ein künftiger Beirat in ähnlicher Weise unabhängig arbeiten kann, wie bei der Bundes­ärzte­kammer, kann man für die Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie in Deutschland guter Hoffnung sein. Die Fragen stellte Petra Bühring
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