ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2002Jahrestagung der Psychoanalytiker: Weg vom Dogma

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Jahrestagung der Psychoanalytiker: Weg vom Dogma

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 493

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Psychoanalyse ist offener geworden für
unterschiedliche Settings und Methodenvarianten.

Die Psychoanalyse wird lockerer. Sie muss nicht wie zu Zeiten von Sigmund Freud hochfrequent fünfmal pro Woche und über Hunderte von Stunden stattfinden, um Psychoanalyse zu sein. Der Analytiker sitzt nicht mehr nur als „austauschbarer“ Beobachter, die freien Assoziationen des liegenden Analysanden deutend, zurückgezogen hinter der Couch. Die moderne Psychoanalyse kann niederfrequent einmal wöchentlich im Sitzen, mit körpertherapeutischen Elementen, in der Gruppe, mit Kindern und Jugendlichen, mit Migranten, als familientherapeutische Sitzung oder einmalige Krisenintervention stattfinden. Dass letztlich alles, was Psychoanalytiker machen, auch Psychoanalyse ist, wollte die 53. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT) in Lindau zu dem Thema „Psychoanalyse mit und ohne Couch – Haltung und Methode“ zeigen.
Der Psychoanalytiker, dessen Persönlichkeit für den Erfolg der Behandlung ebenso zähle wie die Methode, könne dem Patienten helfen, „trotz seiner Krankheit, ein gutes Leben zu führen“, betonte Prof. Dr. Michael B. Buchholz, Universität Göttingen. Er verhelfe dem Patienten dazu, seine Abhängigkeiten zu erkennen und sie als Quellen der Kreativität zu nutzen, nicht um Autonomie zu erreichen. Wichtig sei, in der Therapie ein Klima zu schaffen, „worin der Analysand die Chance des Widerspruchs im Dienste der Selbsterfüllung hat“. Der Analytiker müsse deshalb bemüht sein, eine starke affektive Präsenz aufrechtzuerhalten: „Er muss Enthusiasmus, Interesse und Glauben an den Menschen haben.“ Dies erfordere viel mehr als Behandlungstechnik, es benötige eine „psychoanalytische Lebenskunstlehre“.
Zu den bewährten Prinzipien der Deutung und Beziehung komme zunehmend das Prinzip des Handlungsdialogs (enactment) hinzu, erklärte Prof. Dr. phil. Günter Heisterkamp, Ratingen. Die Enactment-Theorie verstehe Psychoanalyse als eine Abfolge wechselseitigen Handelns und Behandelns. Genutzt werde dabei die senso-motorische Intelligenz des Menschen, die den Zugang zu frühen Formen der Selbstwerdung ermöglicht. „Schon der Blickkontakt mit dem Therapeuten beim Begrüßen oder seine warme, freundliche Stimme kann bis in die Kindheit zurückgehen.“ Dieses Potenzial müsse noch mehr genutzt werden.
Frühe Körpererinnerungen bearbeiten
Als „weiteren Königsweg zum Unbewussten“ stellte Dr. phil. Tilman Moser, Freiburg, körperorientierte Verfahren als Variante der Psychoanalyse vor. Halt gebende Berührungen, wie beispielsweise die Hand des Patienten halten, ermöglichten es dem Analytiker, auch die ganz frühen Handlungs- oder Interaktionserinnerungen des Patienten zu bearbeiten. Moser beruft sich auf die Säuglingsforschung, die besagt, dass das Kind vor dem Alter von eineinhalb Jahren wahrscheinlich keine unbewussten Fantasien habe, dafür unbewusste Körpererinnerungen. Besonders bei Patienten, die in der frühen Kindheit unter Entbehrungen litten, oder bei „gehemmt Aggressiven“ biete sich die Körpertherapie an. Das psychoanalytische Verständnis von Abstinenz liege auch hier zugrunde, sodass Übergriffe nicht zu befürchten seien.
Als „Bewährungsprobe“ für die psychoanalytische Haltung bezeichnete Dr. med. Alf Gerlach, Saarbrücken, die ethnopsychoanalytische Forschung beziehungsweise die Analyse von Patienten aus anderen Kulturkreisen in der klinischen Praxis. Der Vorsitzende der DGPT hat zurzeit einen Lehrauftrag an der Universität von Shanghai. Die Untersuchung einer fremden Kultur konfrontiere den Psychoanalytiker mit neuen ungewohnten Ängsten, mit dem „eigenen Verdrängten“. Ausgelöst werden könnten sowohl Gefühle der Faszination wie des Befremdens in der Begegnung mit dem kulturellen Unbewussten der jeweiligen Ethnie. Gerade im Rahmen der Globalisierung sei die Ethnopsychoanalyse ein wichtiger Zweig.
Zeitvorgabe und flexibles Handeln bei Jugendlichen
Für die Behandlung von psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen sei es notwendig, die therapeutische Haltung zu modifizieren, erklärte Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl, Berlin. Zum einen brauche der Jugendliche einen klaren zeitlichen Rahmen – im Gegensatz zur eher „zeitlosen“ Erwachsenentherapie – um nicht das Gefühl zu haben, festgehalten zu werden. Jugendliche zeigten oft eine starke Ambivalenz zwischen Widerstand oder Ablehnung gegenüber der Therapie und großem Mitteilungsbedürfnis beziehungsweise Bindungswunsch. Die Haltung des Analytikers müsse sich auszeichnen durch Zurückhaltung, Beherrschung, Stetigkeit und Geduld. Der Therapeut müsse sich als Elternersatz zur Verfügung stellen und dürfe sich nie mit dem Jugendlichen gegen die Eltern verbünden. In der Therapie von Jugendlichen stünden die aktuellen Probleme im Vordergrund, nicht die Rückschau auf Altes. Übertragungsmanifestationen müssten nicht unbedingt gedeutet werden. „Die Haltung des Therapeuten bedeutet Verzicht.“ Vor allem müsse der Therapeut flexibel denken, schnell handeln und entscheiden können, um Adoleszente erfolgreich behandeln zu können, denn „der Jugendliche hat keine Zeit“. Über diese Fähigkeiten verfügten vor allem psychodynamisch-psychoanalytisch ausgebildete Therapeuten, glaubt Lehmkuhl. Petra Bühring
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