ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2002Versorgungsforschung: Umsetzung in der Praxis

POLITIK

Versorgungsforschung: Umsetzung in der Praxis

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 494

Gerst, Thomas

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LNSLNS Nicht immer findet das, was in der Forschung als richtig erkannt wird, im ärztlichen Alltag Beachtung.

Ein wenig Licht ins Dunkel des „Gesundheitslabyrinths“ bringen – mit dieser ambitionierten Zielsetzung will sich die Versorgungsforschung als eigenständiger Forschungsschwerpunkt an der Schnittstelle von Medizin und Sozialwissenschaften etablieren. Versorgungsforschung zielt darauf, den Unterschied zwischen der absoluten und relativen Wirksamkeit von Methoden in der Krankenversorgung zu untersuchen, zu beschreiben, „was auf dem Weg von der universitären Forschung zum Patienten geschieht“. Sie gehe der Frage nach, warum vieles, das als richtig erkannt wird, nicht umgesetzt wird. Als Beispiel nannte Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Vorsitzender der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung, die Behandlung von virusbedingten Halsentzündungen mit Antibiotika, die gegen Viren nicht wirken, aber trotzdem bei bis zu 50 Prozent der Patienten eingesetzt würden. Gerade angesichts aktueller Reformen, wie der Einführung der Diagnosis Related Groups (DRGs) in den Krankenhäusern und von Disease-Management-Programmen (DMP) zur Behandlung chronischer Erkrankungen, komme der Versorgungsforschung ein hoher Stellenwert zu. So war denn auch Disease Management der Themenschwerpunkt beim 1. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung, der am 11./12. Oktober in der Universität zu Köln – auf Initiative des dort eingerichteten Zentrums für Versorgungsforschung – stattfand.
Die niedergelassenen Ärzte hätten inzwischen erkannt, wie notwendig es ist, über valide Daten zum Versorgungsgeschehen und -bedarf zu verfügen, betonte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo), Dr. med. Leonhard Hansen. Deshalb unterstütze die KVNo die Evaluation von Gesundheitsleistungen. Gerade auch im Zusammenhang mit der Prävention als vierter Säule des Gesundheitswesens sei die Versorgungsforschung wichtig. Notwendig seien wissenschaftlich fundierte Aussagen darüber, wie unter artifiziellen Bedingungen zustande gekommene Erkenntnisse auf die Wirklichkeit übertragbar sind. Die Versorgungsforschung könne so zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Hansen verwies in diesem Zusammenhang auf die im Bereich der KVNo durchgeführte, weltweit größte wissenschaftliche Evaluation einer strukturierten Diabetiker-Versorgung.
Auf ein noch bestehendes Spannungsverhältnis der individuellen Versorgungspraxis zur Gesundheitsökonomie und damit auch zur Versorgungsforschung wies Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, der Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, hin. Eine der Ursachen dafür sei, dass im Mittelpunkt des ärztlichen Handelns nicht das gesellschaftliche Ganze, sondern das Individuum steht. Es gebe bei den Ärzten immer noch einen Informationsbedarf, was das Verständnis moderner gesundheitsökonomischer Methoden anbelangt. Zur Verunsicherung trage aber auch bei, dass die Verallgemeinerung ausschließlich statistisch basierter Aussagen und Modellanalysen auf die individuelle Patienten-Arzt-Interaktion weiterhin Probleme aufwerfe.
Disease Management
Fuchs hob hervor, dass gerade angesichts neu eingeführter Steuerungsinstrumente in der Gesundheitsversorgung (DRGs und DMP) ein dringender Bedarf an kritischer Begleitung und wissenschaftlicher Evaluation bestehe. Denn die politisch gewollte Neuorientierung des Gesundheitswesens durch Wettbewerb und Gewinnorientierung dürfe nicht dazu führen, dass die medizinische Qualität und die Patientenzufriedenheit beeinträchtigt werden. Wegen der Koppelung der DMP an den Risiko­struk­tur­aus­gleich sei zu befürchten, dass ökonomische Überlegungen der Krankenkassen das medizinische Geschehen entscheidend mitbestimmen. Die Krankenkassen seien an Minimalstandards interessiert, die keine Verbesserung der Versorgung mit sich bringen würden. Bei den Ärzten werde eine Medizin, „die unter Missachtung der Individualität und Autonomie des Erkrankten eine schematisierte Anwendung von primär ökonomisch geprägten Vorgaben propagiert“, auf energischen Widerstand stoßen.
Messlatte der DMP sei die evidenzbasierte Medizin, wandte dagegen Dr. rer. oec. Edwin Smigielski, Abteilungsleiter im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, ein. Die der DMP-Rechtsverordnung zugrunde liegenden Behandlungsgrundsätze seien einvernehmlich vom Koordinierungsausschuss (§ 137 e SGB V) entwickelt worden. Die Entscheidungsfreiheit des Arztes im Einzelfall bleibe auch nach der Einführung der Chroniker-Programme erhalten, da der Arzt im begründeten Einzelfall jederzeit von den Leitlinien abweichen könne.
Die DMP seien ein erster Schritt hin zur Morbiditätsorientierung beim Risiko­struk­tur­aus­gleich. Darauf verwies Dr. rer. pol. Klaus Jacobs, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Nach erfolgreicher Umsetzung der Morbiditätsorientierung würden die DMP als Ordnungsinstrument obsolet; allerdings bräuchte man sie weiterhin als Beitrag zur Verbesserung der medizinischen Versorgung. Die Mitwirkung der Krankenhäuser bei der Umsetzung von DMP reklamierte Susanne Renzewitz von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Es sei ein erstaunlicher Vorgang, dass der Vertragsentwurf zum DMP Brustkrebs in Nordrhein ohne Mitwirkung der Krankenhäuser zustande gekommen sei, obwohl das Behandlungsgeschehen ganz wesentlich im stationären Bereich verankert sei. Die Forderung der DKG nach einer Öffnung der Krankenhäuser für ambulante Versorgung innerhalb von DMP sei ganz im Sinne der Patienten. Thomas Gerst
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