BRIEFE

Gutachterverfahren: Mitteilung der eigenen Pathologie

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 498

Walz-Pawlita, Susanne

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. . . Die Legitimität einer Begrenzung der Leistungspflicht für Psychotherapie ist ein schwieriges Problem mit einer eigenen juristischen und kassenrechtlichen Problematik. Die Legitimität eines Gutachterverfahrens an sich aber ist für mich so lange gegeben, als ich bei Drittfinanzierung von Behandlungen durch die Krankenkassen mich einem wie auch immer gearteten Prüfverfahren durch die „Solidargemeinschaft“ stellen muss. Diese Verfahren gibt es entgegen den Behauptungen des Autors auch in allen anderen Bereichen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. So muss z. B. jede kieferorthopädische Behandlung vorher beantragt und genehmigt werden, der MDK prüft regelmäßig die stationäre Aufenthaltsdauer bei Patienten, die Leistungsabrechnungen der niedergelassenen Ärzte werden durch eigene Prüfverfahren der KV kontrolliert. Neuere Untersuchungen zur Interrater-Reliabilität und Validität gutachterlicher Stellungnahmen zeigen eine hohe Übereinstimmung verschiedener Gutachter hinsichtlich der Erfüllung entscheidungsrelevanter Kriterien für die Güte eines Berichts.
. . . Das Gutachterverfahren ist in seiner Struktur der Supervision und Intervision vergleichbar, die wir nicht umsonst so zahlreich praktizieren: stellt doch der „Bericht an einen Dritten“ eine Triangulierung dar, eine ödipale Grenze gegen die unbewussten Fantasien von Omnipotenz, Zeitlosigkeit und harmonischer Übereinstimmung zwischen Patient und Therapeut. Und hier kommt es darauf an, ob ein Therapeut das Gutachterverfahren als bösartige Verfolgung, Kastration oder Unterwerfungsritual ansieht und dementsprechend agiert, oder als eine Einhaltung des ödipalen Gesetzes, das manchmal streng, vielleicht auch ungerecht sein mag, aber in seiner Grundstruktur einer Begrenzung seiner fantasierten Allmacht dient. Hier macht er – ob bewusst oder nicht – Mitteilungen über sich und seine eigene Pathologie an seine Patienten, die diese viel genauer hören, als der Therapeut ahnen mag.
Susanne Walz-Pawlita, Löbers Hof 9, 35390 Gießen
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