ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2002Gesundheitssystem: Kritik muss sachlich bleiben

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Gesundheitssystem: Kritik muss sachlich bleiben

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 499

Hein, Jakob

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LNSLNS + Der Artikel ignoriert im Wesentlichen die gesellschaftliche Einbettung des Gesundheitswesens:
- Die „Leidenden“ (Patienten) kommen zu den Ärzten. Die Abwesenheit von „physischem, psychischem und sozialem Wohlbefinden“, wie es in der vom Autor in anmaßender Weise geschmähten Definition der WHO heißt, liegt nicht in der Verantwortung der Ärzte. Die Patienten für ihr Leiden zu schelten ist aus ärztlicher und ethischer Sicht kaum erträglich. Bloß weil sie nicht die klassische Kohlenlunge als Belastungsfolge vorweisen können, hat das nichts mit einer „hypochondrischen Überaufmerksamkeit auf das Selbst“ zu tun.
- Im Zusammenhang mit der extremen Individualisierung (Flexibilisierung, Globalisierung, Ich-AG) und des damit verbundenen Verschwindens sozialer Netzwerke kommt dem Gesundheitswesen zunehmend eine Kompensationsaufgabe zu. Es für diese Problematik zu schelten ist töricht.
+ Bei seiner Kritik der Schmerztherapie hat der Autor bewusst einen veralteten Wissensstand gewählt, um sie davon ausgehend diskreditieren zu können.
- In Bezug auf psychische Störungen trägt der Autor nichts Fundiertes bei und bedient nur anekdotenhaft Vorurteile. In seinen Ausführungen offenbart er teilweise mittelalterliche Auffassungen, deren Urteilskraft ganz offensichtlich ungetrübt von jeglicher Sachkenntnis ist.
- Er führt aus, dass „die Übertragung des Krankheitsbegriffs vom Körperlichen auf das Psychische (. . .) fragwürdig“ sei. Hier klafft bei ihm eine Lücke von bahnbrechender Forschung auf dem Gebiet der Neurowissenschaften seit dem 19. Jahrhundert.
- Offensichtlich glaubt der Verfasser, dass die Patienten, von Langeweile getrieben und durch Medien gesteuert, „verstehwütige“ Therapeuten aufsuchen, die ihnen zuerst ein Leid einreden, für das sie dann nur die „zweitbeste Ersatzlösung“ haben. Gerade durch solche Vorurteile und Herabwürdigungen sind psychische Krankheiten in Deutschland noch immer stark stigmatisiert, und kaum ein Patient sucht einen Psych-
iater oder Psychotherapeuten aus Wohlstandsüber-
druss auf.
- Ess-, Schlaf- und Angststörungen werden vom Verfasser als Beleg für die „Aufblähung des Krankhaften“ benannt und mit „Schönheitsmängeln“ gleichgesetzt. Diese These möge er den Eltern einer akut lebensbedrohten Magersüchtigen erklären. Die respektlose Verharmlosung dieser Krankheitsbilder mit hohem Behinderungsgrad und, im Fall der Essstörungen, erheblichen Mortalitätsraten, ist empörend.
- Im Fall der Angststörungen macht der Autor falsche Behauptungen, über die er sich nachfolgend aufregt. Das Therapieziel besteht nie in der Amputation des „Sinnesorgans Angst“. Auch hier kann ihm nur der Griff zu einer neueren Auflage eines Basislehrbuchs empfohlen werden.
- Ein schwer aufmerksamkeitsgestörtes Kind ging früher ohne Abschluss von der Dorfschule ab, um auf dem Gehöft der Eltern mitzuhelfen. Damit aufmerksamkeitsgestörte Menschen heute ihre Möglich-
keiten in vollem Umfang wahrnehmen und aktive, gesunde Mitglieder unserer hoch qualifizierten Bildungsgesellschaft werden können, benötigen sie oft Unterstützung. Und tatsächlich verspricht eine multimodale Behandlung in diesem Zusammenhang „den größten Gewinn“, und zwar für die Patienten! Schonungslose Kritik an Fehlentwicklungen ist notwendig und richtig, muss aber sachlich bleiben. Dies gelingt dem Verfasser nicht, weil er durch eine überhöhte Position des Richtenden und zahlreiche eigene Befangenheiten nicht vorurteilsfrei von der Analyse des aktuellen Kenntnisstands ausgehen kann, sondern teilweise unsachliche Vorwürfe gegen Patienten und verantwortlich Handelnde des Gesundheitswesens vorbringt.
Dr. med. Jakob Hein, Humboldt University School of Medicine, Child and Adolescent Psychiatry, Raabestraße 8, 10405 Berlin
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