ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2002Analytische Körperpsychotherapie: Heilsame Berührungen

WISSENSCHAFT

Analytische Körperpsychotherapie: Heilsame Berührungen

PP 1, Ausgabe November 2002, Seite 503

Bühring, Petra

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LNSLNS Die „analytische Körperpsychotherapie“ ist eine noch junge Variante der Psychoanalyse und umstritten. Tilmann Moser stellte den Ansatz bei der Jahrestagung der Psychoanalytiker vor.

PP: Das Interesse an Ihrem Vortrag während der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT) war sehr groß. Haben die Psychoanalytiker einen Bedarf nach anderen Methoden – oder stoßen sie mit der klassischen Analyse an eine Grenze?
Moser: Das aktuelle Interesse hängt vermutlich damit zusammen, dass aus der Säuglingsforschung Impulse kommen, die sich auf die ersten eineinhalb bis zwei Lebensjahre beziehen. Es werden auch immer öfter Fälle diskutiert, bei denen es um eine Stagnation in Analysen geht. Auch das neue Thema „Enactment“ spielt eine Rolle, das heißt, die Analytiker werden gewahr, dass sie, wenn sie nur auf die Worte des Patienten hören, Wichtiges nicht wahrnehmen. Deshalb werden sie immer sensibler gegenüber den so genannten unbewussten Handlungsangeboten. Enactments sind kleine Gesten oder Inszenierungen, die unbewussten Stoff ausdrücken, aber nicht in die Sprache gelangen.

PP: Warum stehen viele klassische Psychoanalytiker der analytischen Körperpsychotherapie kritisch gegenüber?
Moser: Es gibt von Freud und den frühen Analytikern das Gebot der so genannten Abstinenz. Dazu gehört, dass man den Patienten nicht missbraucht, dass man ihn nicht zwingt, Doktrinen zu übernehmen. Das Hauptfeld der Abstinenz ist jedoch die Berührung: Der Therapeut soll den Patienten nicht berühren, weil dies zu einer Sexualisierung, zu einer zu engen Bindung, führen könnte. Freud hat sich vor allem deshalb so streng ausgesprochen, weil es um das Ansehen der neuen Wissenschaft, die mit Sexualität viel zu tun hatte, in der damaligen Gesellschaft, vor allem auch in der medizinischen Gesellschaft, ging. Es war eine Sicherung des Ansehens der Psychoanalyse: nicht berühren, nur den unbewussten Fantasien folgen, den Konflikten. Es gibt auch immer einmal wieder massive Angriffe. Schwieriger finde ich jedoch, totgeschwiegen oder nicht zitiert zu werden. Dieser Kongress „Psychoanalyse mit und ohne Couch – Haltung und Methode“ war für viele Interessierte eine neue Landestation.

PP: Angenommen, der Therapeut oder der Patient fühlen sich durch die körperliche Berührung sexuell angezogen, wie werden Übergriffe verhindert?
Moser: Es braucht Training und in der Ausbildung Selbsterfahrung. Ich habe selbst viele solche Berührungen als Teilnehmer von Seminaren oder bei einer eigenen langen Körperpsychotherapie erlebt. Dabei spürt man, wie die unterschiedlichen Berührungen auf die eigene Seele wirken. Ein ganz zentraler Begriff ist der der Regression; das heißt, der Patient kann auf bestimmte Phasen der kindlichen Entwicklung regredieren. Durch Körpersignale wird mitgeteilt, auf welcher Ebene sich der Patient aufhält. Darauf stellt sich der Therapeut ein. Es gibt Situationen, in denen der Therapeut von einer Patientin angesprochen ist. Aber wenn er spürt, dass seine Berührung von erotischen Wünschen getragen wäre, dann lässt er das tunlichst bleiben. Das Geheimnis ist: Je dringlicher die erotischen Wünsche seitens einer Patientin sind, desto sicherer kann man davon ausgehen, dass es frühe Entbehrungssituationen sind, die eine erotische Einkleidung erfahren. Wenn etwa im frühen Mutter-Kind-Dialog etwas nicht geklappt hat, dann gibt es später oft keine andere Fantasie, dies auszugleichen, als in der erotischen Berührung. Denn dabei fühlt sich die Patientin fast so mächtig wie der Therapeut.

PP: Was kann die analytische Körperpsychotherapie, was die klassische Analyse nicht kann, die eher auf der Ebene der unbewussten Fantasien abläuft?
Moser: Die Säuglingsforschung hat herausgefunden, dass es vor dem Alter von eineinhalb Jahren wahrscheinlich gar keine unbewussten Fantasien gibt, sondern dass dann so genannte Engramme oder psychosensorische Einschreibungen eine Rolle spielen, das heißt unbewusste Körpererinnerungen, die nur sehr schwer ins Bewusstsein oder in die Sprache übersetzt werden können. An diese frühen und nur körperlichen Handlungserinnerungen kommt man mit der Körpertherapie besser heran. Einige Analytiker merken an der eigenen Müdigkeitsreaktion, dass ein seelischer Austausch stattfindet, der sehr schwer verstehbar und mit Deutungen kaum anzugehen ist. Wahrscheinlich ist diese Müdigkeitsreaktion die Folge einer intensiven unbewussten Kommunikation: einerseits eine tiefe, archaische Sehnsucht nach Berührung, andererseits die Abwehr dieses Wunsches. Die Patienten denken, das geht doch nicht in Erfüllung, wie sie es mit der Mutter auch schon erlebt haben. Dabei erleben sie eine unglaubliche Wut, dass sie die gleiche Entbehrung wieder erleiden müssen wie in ihrer Kindheit. Der Therapeut kann dem Patienten zum Beispiel anbieten, seine Hand zu nehmen. Es sind frühe Verlassenheitsszenen, die mit einer archaischen Sehnsucht verbunden sind und mit Angst, es könnte ein Unglück geben, und mit Wut, dass die heilsame Berührung nicht stattfindet.

PP: Wie reagieren Patienten normalerweise, wenn Sie anbieten, mit Berührungen oder Körperkontakt zu arbeiten?
Moser: Wenn ich vom negativen Pol ausgehe, stellt sich ein milder Schock ein: „Wie kommen Sie denn darauf, das möchte ich nicht.“ Dann kommt manchmal nach einer Weile: „Noch nicht.“ Das heißt, dann entscheidet sich der innere Zustand zu einem „Vielleicht“. Auf der anderen Seite gibt es oft eine große Bereitschaft bei den Patienten, entweder neutral: „Ja, wir können es einmal probieren“ oder: „Darauf habe ich schon lange gewartet“. Es ist wichtig, dass man den Körperkontakt anbietet und die Patienten vorausfantasieren können, was mit ihnen passieren wird. Auf keinen Fall sollte man den Patienten damit überfallen, sondern eher fragen: „Können Sie sich vorstellen, dass ich mal Ihre Hand nehme oder dass ich mich neben die Couch setze?“

PP: Gibt es bestimmte Krankheitsbilder oder Persönlichkeitsstrukturen, bei denen die Körpertherapie besonders hilfreich ist?
Moser: Bei den frühen Entbehrungskrankheiten zum Beispiel; auch bei Patienten, die eine solide Struktur haben, aber sehr gehemmt sind in allen aggressiven Lebensäußerungen. Man sieht es daran, dass sie flach atmen und etwas steif sind. Sie geben einem steif die Hand, sie reden relativ gewählt. Diesen Patienten muss man eine Form der Berührung anbieten, bei der sie ihre Aggressionen erst mal erproben können. Man hält ihnen zum Beipiel zwei Fäuste entgegen und sagt: „Können Sie dagegen mal vorgehen und drücken?“ Oder ich fordere sie auf, ihre Fäuste gegen meine Fäuste zu halten, um ihnen das Gefühl der Grenze zu vermitteln, damit sie erproben können, ob ich die Wut aushalten kann.

PP: Unterscheidet sich die Behandlungsdauer der Körpertherapie von der klassischen Psychoanalyse?
Moser: Die Gesamtprozesse sind in Jahren genauso lang. Wir können keine kürzere Dauer versprechen, so wie es zum Beispiel die Verhaltenstherapie macht. Die Frequenz ist jedoch geringer als bei der klassischen Analyse, eher ein- bis zweistündig pro Woche. Es würde uns als Überdimensionierung erscheinen, wenn man drei- bis viermal in der Woche intensive Körperanalyse machte.

PP: Wie kommt ein klassisch arbeitender Psychoanalytiker an den Punkt, die Körperpsychotherapie kennen lernen zu wollen?
Moser: Zunächst zieht er meist eine Bilanz der eigenen Lehranalyse. Einige sind mit ihrer Lehranalyse nur partiell zufrieden und wissen, sie müssen noch was tun. Früher wurde ihnen zu der so genannten Re-Analyse geraten, also noch einmal eine Analyse der gleichen Art zu machen. Manche haben dabei gespürt, dass der Körper keine Rolle gespielt hat, machen eine Körpertherapie und merken, wie gut ihnen das tut. Das ist die eine Variante. Bei der anderen spüren die Kollegen, dass sie mit einigen Patienten nicht weiterkommen: es stagniert, es kommt zu Abbrüchen, der Therapieverlauf ist flach, sie unterliegen dieser Müdigkeitsreaktion. Dabei stoßen manche dann auf die Körperpsychotherapie.

Die Fragen stellte Petra Bühring.

Literatur (Auswahl)
Heisterkamp G: Heilsame Berührungen. Praxis leibfundierter analytischer Psychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta 1999.
Moser T: Das erste Jahr – Eine psychoanalytische Behandlung. Frankfurt: Suhrkamp 1994.
Moser T: Dämonische Figuren – Die Wiederkehr des Dritten Reiches in der Psychotherapie. Frankfurt: Suhrkamp 2001.
Moser T: Der Erlöser der Mutter auf dem Weg zu sich selbst. Frankfurt: Suhrkamp 1996.
Moser T: Mutterkreuz und Hexenkind. Eine Gewissensbildung im Dritten Reich. Frankfurt: Suhrkamp 1999.
Moser T: Ödipus in Panik und Triumph, Frankfurt: Suhrkamp 1996.
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