ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2002EKD-Erklärung „Was ist der Mensch?“: Das Wesen in der Petrischale ernst nehmen

POLITIK

EKD-Erklärung „Was ist der Mensch?“: Das Wesen in der Petrischale ernst nehmen

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3066 / B-2592 / C-2422

Kieckbusch, Dorthe

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Wilfried Härle sprach sich für den Schutz des beginnenden Lebens von der Befruchtung an aus. Foto: epd-bild
Wilfried Härle sprach sich für den Schutz des beginnenden Lebens von der Befruchtung an aus. Foto: epd-bild
Die Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands
legt eine Erklärung vor. Umstritten bleibt nach wie vor
die Frage des Embryonenschutzes.

Sollte es Gottes Wille sein, dass 70 Prozent der Zellen nicht geboren werden?“ fragte der Berliner Theologieprofessor Richard Schröder provozierend die 120 Delegierten, die auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Ostseebad Timmendorfer Strand das diesjährige Schwerpunktthema „Was ist der Mensch?“ behandelten. „Und werden wir irgendwann kaum nachweisbare Zellen beerdigen?“ Solche absurden Fragen möchte er sich auch in Zukunft nicht stellen. Schröder sprach sich vor dem höchsten „gesetzgebenden“ Gremium der EKD, das 26,6 Millionen evangelische Christen in Deutschland vertritt, für einen gestuften Embryonenschutz aus. Zwar gehe jeder Mensch aus einer befruchteten Eizelle hervor, fügte er hinzu, aber nicht aus jeder befruchteten Eizelle werde ein Mensch. Dagegen warnte Wolfgang Huber, Bischof in Berlin-Brandenburg und Mitglied im Nationalen Ethikrat, in der Diskussion über den vorbereiteten Entwurf davor, aus dem Abgehen natürlich gezeugter Zellen auf bioethische Grundsätze zu schließen, und forderte, „gerade die Beziehung zu dem Wesen, das wir in der Petrischale herstellen, sehr ernst zu nehmen“.
Ethischer Fundamentaldissens, der die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens berührt, oder Ausdruck des Pluralismus, wie er innerhalb der Kirche akzeptiert werden kann? Die Protestanten sind sich in der Beurteilung des schwelenden Konfliktes selbst nicht einig. Im Eingangsreferat hatte sich Wilfried Härle, Theologieprofessor in Heidelberg und als Experte an der „Kundgebung“ genannten Stellungnahme beteiligt, eindeutig für den Schutz des beginnenden Lebens von der Befruchtung an ausgesprochen und damit die Diskussion angestoßen. „In diesem Prozess der Entwicklung als Mensch gibt es keine Zäsur, an der aus einem bloßen Zellhaufen erst ein Mensch würde“, betonte Härle.
Aber auf bioethische Fragen wollten die Synodalen ihr Schwerpunktthema nicht reduzieren. Anregen ließen sich die Kirchenparlamentarier für ihre Diskussion von der Meinungsforscherin Renate Köcher. Die Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach brachte eine nüchterne Analyse heutiger Einstellungen, Wünsche und Ängste. Der Mensch denke in individuellen Kosten-Nutzen-Kategorien, nicht so sehr in ethischen Dimensionen, konstatierte sie. Eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit ethischen oder religiösen Themen fände nicht statt, und wenn, dann nur in eng begrenzten Zirkeln. Vielmehr meinten die Bürger, dass der medizinische Fortschritt in den nächsten Jahren bahnbrechende Erfolge zeitigen werde. „Wenn ein gravierender Nutzen zu erwarten ist, zum Beispiel Erfolge bei der Bekämpfung schwerer Krankheiten, dann wiegt das für die meisten schwerer als andere Bedenken“, sagte die Meinungsforscherin. So plädierten laut Köcher knapp zwei Drittel dafür, die Forschung zu forcieren, bei der Eingriffe in die Erbanlagen zur Bekämpfung von Erbkrankheiten vorgenommen werden.
In der dann folgenden Debatte zeigte sich, wie schwer fassbar das Thema ist. Letztlich verabschiedeten die Synodalen mit großer Mehrheit ein Papier, das philosophisch und theologisch fundiert besonders auf den Schutz der Menschenwürde abhebt. Ob in der Forschung, im Zusammenleben, bei der Pflege, bei Behinderten oder im Wirtschaftsleben, die EKD sieht derzeit in vielen Lebensbereichen die Würde des Menschen gefährdet.
Zwar bejaht die Erklärung ausdrücklich medizinische Forschung, die der Minderung oder Vermeidung von unnötigem Leiden, der Suche nach neuen Heilungsmöglichkeiten und der Verbesserung der menschlichen Lebensqualität dienen könnten, lehnt aber alle Methoden der Forschung oder Therapie ab, „durch die Menschen bloß als Mittel für die Heilungschancen anderer gebraucht werden“. Verändernde Eingriffe in das Erbgut des Menschen dürfe es nicht geben.
Menschen mit Behinderung müssten auch in Zukunft einen anerkannten Platz in der Gesellschaft haben, fordern die Synodalen. Anlass zu großer Besorgnis gibt ihnen, dass eine aufgrund von vorgeburtlicher Diagnostik festgestellte Behinderung inzwischen fast selbstverständlich zum Grund für einen Schwangerschaftsabbruch werde. Die Erklärung spricht sich dezidiert gegen Schritte in Richtung auf eugenische Selektion – etwa aufgrund einer Präimplantationsdiagnostik – aus.
Ein klares Nein zu niederländischen Verhältnissen bringt das Papier in Sachen Sterbehilfe. Hospizbewegung und Palliativmedizin sollten unterstützt und gefördert werden. „Dazu gehört auch die ärztliche Weisheit, die erkennt, wann es geboten ist, im Einvernehmen mit Patienten und Angehörigen auf medizinisch noch mögliche Maßnahmen zur Lebensverlängerung zu verzichten“, so die Erklärung. Die strittige Frage, wann das Menschsein und damit die Schutzwürdigkeit beginnt, lässt der Text offen. Dorthe Kieckbusch
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