POLITIK

Big Brother

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3069 / B-2596 / C-2424

Böhmeke, Thomas

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Wir schreiben das Jahr drei des Zeitalters der Disease-Management-Programme. Ich trete meinen Dienst als Ambulanzarzt an. Auf meinem Schreibtisch steht ein PC, mit dem ich vor dieser Zeitrechnung nur eine unidirektionale Beziehung pflegte. Damit ist es vorbei. Jetzt hockt, einem Zyklopenauge gleich, die Web-Kamera des Disease Managers über dem Bildschirm und überwacht streng meine mittlerweile schon fahrig gewordenen Bewegungen. Morgens, zur Stichzeit, wenn ich den PC anschalte, versuche ich mich damit zu trösten, dass die Kontrolleure selbst aasgeierartige Kameras auf ihren Computern hocken haben und auch neurotisch werden. Nur ich scheine der letzte Wurm an dieser unendlich langen, von Computern und Kameras gesäumten Leine zu sein. Ich habe leider niemanden, den ich kontrollieren kann.
Aber es gibt sie dennoch, die Hoffnung. Als erster Patient tritt Herr Listig ein, mit dem ich schon unzählige, zum Teil sehr erfolgreiche „Behandlungen“ absolviert habe. Er begrüßt mich freundlich und berichtet umgehend, dass er einen heftigen Druckschmerz über der linken Brust verspüre. Ich frage ganz besorgt: „Länger anhaltend, in Ruhe auftretend?“ Deutliches Nicken. Ich klicke die entsprechenden Buttons auf dem virtuellen Anamnesebogen im PC an; damit kommt Herr Listig ins Fadenkreuz der evidenzbasierten Notfallmedizin. „Vorbekannte koronare Herzerkrankung?“ rufe ich und werde mit einem heftigen Nicken unterstützt. Schon ist der entscheidende Button versenkt. „Risikofaktoren!“ Ich blättere seine persönliche Datei auf und werde mit vier von diesen evidenzbasierten Lieblingen belohnt, die alle Herrn Listig gehören. Gebannt beobachten wir beide auf dem Bildschirm, was uns der Disease Manager heute an Entscheidungshilfe zu bieten hat. Als das Icon „Notarztwagen!“ rot aufleuchtet, klatschen wir uns in die Hände wie Sieger einer Footballmannschaft. Herr Listig bedankt sich höflich, nimmt sein Angelzeug und eilt hinaus, um vor der Ambulanz vom Notarztwagen aufgelesen zu werden.
Ich gebe zu, manchmal habe ich ein rabenschwarzes Gewissen. Ich weiß, dass Herr Listig immer wieder Rückenschmerzen hat, die in die Herzregion ausstrahlen. Weil er mitunter zu lange am Angelteich hockt, der sich neben dem Notfallkrankenhaus befindet. Aber einmal im Monat brauche ich das, um überhaupt arbeitsfähig zu bleiben. Dieses Gefühl, dass am anderen Ende der Web-Kamera mein persönlicher Kontrolleur sich grün und blau ärgert und auch der, der den persönlichen Kontrolleur kontrolliert und so weiter und so weiter. Aber die können gar nichts machen. Herr Listig hat nun einmal öfter Rückenschmerzen und vier Risikofaktoren; und er geht gerne angeln, aber es ist so elend weit bis zum Angelteich, dafür nimmt er halt den Notarztwagen. Und ich ärgere gerne die Web-Kamera.
Ach übrigens, wenn Sie der Meinung sind, dass Sie mich jetzt erpressen können: Ich lade Sie höchstens zu einem Glas Mineralwasser ein. Denn auf die Anzeige, die für meine Stelle ausgeschrieben war, als ich mal länger krank war, hat sich nur einer gemeldet.
Und das war Herr Listig.
Aber der hat keine Approbation. Dr. med. Thomas Böhmeke
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