POLITIK

Gedenkveranstaltung für ermordete und vertriebene jüdische Ärzte: „Den Mantel des Schweigens lüften“

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3070 / B-2597 / C-2425

Lenze, Susanne

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Gedenkveranstaltung im Centrum Judaicum. Auf einer Pressekonferenz hatte die KV Berlin zuvor über ein Forschungsprojekt berichtet. Foto: Burkhard Lange
Gedenkveranstaltung im Centrum Judaicum. Auf einer Pressekonferenz hatte die KV Berlin zuvor über ein Forschungsprojekt berichtet.
Foto: Burkhard Lange
Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat mit der Aufarbeitung ihrer Rolle im Nationalsozialismus begonnen. Das Forschungsprojekt wurde vom Bundesverband Jüdischer Ärzte angeregt.

Am vergangenen Sonntag lud die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin zu einer Gedenkfeier für die ermordeten und vertriebenen jüdischen Ärzte Berlins in das Centrum Judaicum in der Neuen Synagoge ein. Mit der Gedenkfeier wollten die KV, der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Jüdische Gemeinde zu Berlin, der Bundesverband Jüdischer Ärzte in Deutschland sowie das Institut für Geschichte der Medizin im Zentrum für Human- und Geisteswissenschaften der Berliner Hochschulmedizin (ZHGB) ein Zeichen gegen das Vergessen und Verharmlosen der NS-Verbrechen setzen.
„Wir dürfen nie wieder gesellschaftliche Bedingungen zulassen, unter denen solche Repressalien und Verbrechen möglich werden können“, sagte Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Vorsitzender der KV Berlin. Dies sei auch der Grund dafür, dass die KV Berlin in diesem Jahr mit der Aufarbeitung der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus begonnen habe. Teil des Projektes, das Richter-Reichhelm auf einer Pressekonferenz erläuterte, ist eine im Oktober beendete Vortragsreihe zur ärztlichen Standespolitik während des Nationalsozialismus sowie die Förderung eines Forschungsprojektes zur Rolle der KV im Nationalsozialismus (siehe dazu den Bericht „Eugenik und Euthanasie: Aktuelle Vergangenheit“ in Heft 28–29/2002).
„Der Mantel des Schweigens muss endlich gelüftet werden“, fügte Richter-Reichhelm hinzu. „Das sind wir unseren jüdischen Kollegen und allen Opfern des Nationalsozialismus schuldig.“ Deshalb sei er auf den Vorschlag des Bundesverbandes Jüdischer Ärzte eingegangen, mit einem Projekt die Aufarbeitung zu beginnen.
Richter-Reichhelm will die Vortragsreihe fortsetzen. Die kontroversen Diskussionen im Anschluss an die Vorträge – etwa zur schrittweisen Vertreibung jüdischer Ärzte aus ihrem Beruf – hätten deutlich gemacht, dass die Aufarbeitung noch am Anfang stehe. So habe sich nach dem Vortrag ein Arzt gemeldet und geäußert, dass er nicht immer in die Vergangenheit zurückschauen wolle.
„Seit 1945 hat sich bundesweit keine KV mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus befasst“, sagte Dr. phil. Rebecca Schwoch, Medizinhistorikerin beim ZHGB. Im Sommer bekam Schwoch den Werkauftrag von der KV Berlin, mit dem dieses wissenschaftliche Forschungsprojekt angeschoben werden sollte. „Erstmals in Berlin soll die Vertreibung jüdischer, politisch oppositioneller und homosexueller Ärzte detailliert erforscht werden“, betonte Schwoch. Sie will eine Datenbank erstellen und dort alle Berliner Kassenärzte seit der Gründung der ersten KV im Jahre 1931 erfassen. So will sie etwas über die genauen Zufluchtsorte der „ausgeschalteten“ Ärzte erfahren und konkrete Zahlen zu den jüdischen Kassenärzten im Jahr 1933 vorlegen. „Vermutlich lebten bis 1933 etwa 3 600 Kassenärzte, darunter rund 2 000 jüdische Kassenärzte, in Berlin“, fügte Schwoch hinzu. Sie will weiterhin den Fragen nachgehen: Wie ist die KV gebildet worden? Was ist mit ihr nach 1933 geschehen? Wie sah die Ausschaltungspraxis der KV aus? Schwoch hat ihren Forschungsantrag geschrieben und ist noch auf der Suche nach finanzieller Unterstützung.
„Das Berliner Projekt der KV war lange überfällig“, meinte Prof. Dr. phil. em. Gerhard Baader vom Institut für Geschichte der Medizin an der Freien Universität. „Die ärztlichen Standesvertreter waren schließlich von Anfang an verlässliche Erfüllungsgehilfen der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik.“ Dr. Roman Skoblo, Vorsitzender des Bundesverbandes Jüdischer Ärzte in Deutschland, hält es mit Ralph Giordano, wenn er über die fehlende Aufarbeitung – die zweite Schuld – spricht. „Dieses Versäumnis, diese zweite Schuld, ist Gegenstand künftiger Aufarbeitungen, dem auch diese Veranstaltung dient.“ Er kritisierte Verlage, die Schicksale von Ärzten in unvollständiger Biografie dargestellt haben. Sie seien verpflichtet gewesen, geschichtlich sauber zu sein. Dazu gehörten die Erwähnung des Selbstmordes oder die Emigration, die in einigen Fällen nie mehr zur Wiederaufnahme des Berufs geführt habe. „Zu den Kollegen, derer wir heute gedenken wollen, gehört Ismar Boas, geboren 1858 in Berlin, gestorben 1938 in Wien.“ Er gilt als Begründer der modernen Gastroenterologie und editierte die erste Fachzeitschrift. Susanne Lenze
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