ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2002Mammakarzinom: Bluttest ermöglicht Therapiekontrolle

POLITIK: Medizinreport

Mammakarzinom: Bluttest ermöglicht Therapiekontrolle

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3076 / B-2600 / C-2429

Vetter, Christine

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LNSLNS Der HER-2/neu-Serumtest liefert einen quantitativen Befund zur
Effektivität der Behandlung mit dem Antikörper Trastuzumab.

Die Therapie des Mammakarzinoms ist durch den Antikörper Trastuzumab (Herceptin®) erweitert worden. Allerdings führt diese Behandlung nur bei etwa jeder dritten betroffenen Frau zu verbesserten Überlebensraten – und zwar speziell bei solchen Frauen, bei denen der Wachstumsfaktor-Rezeptor HER-2/neu (Human epidermal growth factor receptor 2) in den Tumorzellen überexprimiert wird. Ob eine HER-2/neu-Überexpression vorliegt, wird anhand von Gewebeproben, die im Rahmen der Operation entnommen werden, geprüft.
Ein anderer Ansatz ist die HER-2/neu-Bestimmung aus dem Serum. Der Serumtest, der in den USA bereits zugelassen ist, bietet zugleich die Möglichkeit der Prognoseabschätzung und erlaubt eine Verlaufskontrolle der Therapie mit Trastuzumab, wie internationale Wissenschaftler in Leverkusen betonten. Dort wurden erste Untersuchungen vorgestellt, die belegen, dass der durch Serumtest ermittelte HER-2/neu-Wert mit dem progressionsfreien Überleben der Frauen unter einer Chemotherapie und – ersten Studien zufolge – auch mit der allgemeinen Überlebenschance der Patientin korreliert.
Prognostische Bedeutung auch bei lokalisiertem Primärtumor
Das gilt nicht nur für Frauen mit metastasiertem Mammakarzinom, der ermittelte Wert ist nach Aussage von Dr. Marie-France Pichon (Paris) auch bei Frauen mit lokalisiertem Primärtumor von prognostischer Bedeutung. Das belegt eine retrospektive Analyse der Daten von 701 Patientinnen, bei denen das Ausmaß der Expression des Wachstumsfaktors in tiefgefrorenen Sera überprüft und mit dem Krankheitsverlauf der jeweiligen Patientin korreliert wurde.
HER-2/neu-positive Frauen haben der Studie zufolge eine deutlich höhere Neigung zur Metastasenbildung als HER-2/neu-negative Patientinnen. Sie entwickeln häufiger Lungen- und Lebermetastasen, wohingegen keine klare Korrelation zu Lymphknoten- und Knochenmetastasen besteht. Ebenfalls signifikant erhöht aber ist das Risiko eines Mammakarzinoms in der kontralateralen Brust.
Eindrucksvoll sind nach Pichon die Daten zur Gesamtüberlebensrate der Frauen, wobei ein positiver Test eindeutig eine schlechtere Prognose der Patientin und eine eingeschränkte Überlebenswahrscheinlichkeit gegenüber Frauen mit negativem Testergebnis anzeigt. Besonders schlecht sei die Prognose bei Frauen mit HER-2/neu-positivem, aber Progesteron- und Östrogen-negativem Tumor.
Die Daten sind relevant und wahrscheinlich direkt anwendbar. So gibt das Testergebnis schon früh konkrete Hinweise auf das Auftreten erster Metastasen. Bei 44,5 Prozent der Frauen mit einem auffälligen Anstieg des HER-2/neu-Serumwertes ließen sich rund einen Monat später Metastasen diagnostizieren. Damit können durch den Serumtest Metastasen offensichtlich vor ihrer klinischen Manifestation bereits entdeckt werden.
Der HER-2/neu-Test gibt auch Hinweise darauf, ob eine Chemotherapie anspricht. Das belegt eine Studie von Dr. Ramon Colomer (Gerona/Spanien) bei 43 Frauen mit metastasiertem Mammakarzinom, die mit Taxol und Gemcitabine behandelt wurden. Es sprachen 43 Prozent der HER-2/neu-positiven, aber 81 Prozent der HER 2/neu-negativen Frauen auf die Behandlung an.
Auch die Qualität der Reaktion kann, berichtete Colomer, anhand des Testes vorhergesagt werden: Bei Frauen mit positivem Befund lag die mittlere Ansprechdauer bei nur sechs Monaten gegenüber 10,5 Monaten bei negativem Test. Bei Frauen mit überexprimiertem HER-2/neu-Rezeptor scheint nach Meinung des spanischen Arztes eine gewisse Resistenz gegen Chemotherapeutika zu bestehen.
Der HER-2/neu-Status hat auch Bedeutung für die Behandlung mit dem Aromatasehemmer Letrozol: Eine multizentrische Kohortenstudie bei 275 Frauen mit metastasiertem Mammakarzinom dokumentiert, so Colomer, eine signifikant schlechtere Prognose, wenn die Frauen HER-2/neu-positiv sind.
Hinweis auf das Ansprechen des Antikörpers
Unabhängig von den prognostischen Hinweisen gibt der Test Anhaltspunkte darüber, welche Frau von einer Behandlung mit Trastuzumab profitieren wird, wobei wahrscheinlich die Entwicklung des HER-2/neu-Wertes aussagekräftig ist, sagte Dr. Wolfgang Köstler (Wien). Sinken die Werte unter einer Behandlung mit Trastuzumab, so ist dies ein eindeutiges Kriterium für ein Ansprechen auf den Antikörper. Bleibt der Wert aber konstant oder steigt er sogar, so ist davon auszugehen, dass die betroffene Patientin nicht in gewünschter Weise auf den Antikörper reagiert.
Die Untersuchung kann beliebig wiederholt werden. Der Test hat den weiteren Vorteil, einen quantitativen Befund zu liefern, dessen Verlauf dynamisch zu verfolgen ist, der sich gut mit Vorbefunden vergleichen lässt und der unabhängig ist von der Bewertung durch einen Pathologen. Christine Vetter

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