ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2002Organs of Emotion: Kunst als Anfall

VARIA: Feuilleton

Organs of Emotion: Kunst als Anfall

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3116 / B-2634 / C-2459

Klinkhammer, Gisela

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Eine Ausstellung des New Yorker Künstlers Doug Fitch
wandert von Bonn nach Berlin.

Mit der neurologischen Grundlagenforschung, mit Neuromonitoring in OP und Intensivstation sowie mit der funktionellen Magnetresonanztomographie beschäftigte sich die letzte Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für klinische Neurophysiologie in Bonn. Anlässlich dieses Symposiums wurde in der Bonner Klinik für Epileptologie eine Ausstellung mit Bildern des New Yorker Künstlers Doug Fitch eröffnet. Doch was hat eine solche Tagung mit Kunst unter dem Motto „Organs of Emotion“ zu tun?
Der Klinikleiter und Tagungspräsident, Prof. Dr. med. Christian Elger, erläuterte den Zusammenhang: „Anfälle sind krampfartige Ereignisse. Sie können als bizarres motorisches oder als psychisches Phänomen erscheinen. Der Akt der Schöpfung von Kunst, vor allem von visueller Kunst, kann als ,anfallähnlicher‘ Zustand intensivierten künstlerischen Bewusstseins interpretiert werden.“
Parallelen zwischen Kunst und Wissenschaft
Fitch bestätigt diese Einschätzung. Auch er zieht Parallelen zwischen Kunst und Wissenschaft. Zum „Verständnis“ der Seele schlägt er die Entwicklung einer „neuen Anatomie der Organe der Gefühle“ vor. „Wenn wir Kopfschmerzen haben, nehmen wir Aspirin. Aber wir sind oft ratlos, wenn die Seele schmerzt. Die Unterhaltungsindustrie tut ein Übriges, Gefühle zu virtualisieren. Angst, Freude oder Trauer werden aus dem Bereich persönlicher Erfahrung in einen voyeuristisch geprägten Erlebnisbereich verschoben. Emotionale Unsicherheit ist die Folge.“ Wir müssten wieder lernen, Gefühle zuzulassen und auszuleben – möglicherweise mithilfe der Kunst.
Die Ausstellung „Organs of Emotion“ will Gefühle also sichtbar und anfassbar machen. Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas soll die Ausstellung aber auch betonen, dass „wir die Wissenschaft zwar ernst, aber nicht bierernst nehmen“, so Elger. So laden die Objekte dazu ein, sich selbst als „emotionales Experimentierfeld“ zu betrachten. Zu sehen sind beispielsweise Bilder mit dem Titel „Ein glücklicher Stuhl“, „Röntgenbild eines Gemäldes“ und „Haus als errötendes Organ“.
Ein Beitrag zum Heilungsprozess Doug Fitch ist die Freude an seiner Arbeit anzumerken. Gut gelaunt kam er mit zahlreichen Ausstellungsbesuchern ins Gespräch, erläuterte seine Kunst und freute sich über die positive Resonanz. Und den Patienten gefielen die Objekte offenbar: „Die Bilder machen mich fröhlich“, oder „spiegeln den Wirrwarr in meinem Kopf wider“ waren ihre Reaktionen. Die von der Firma UCB gekaufte Ausstellung zeigt also, dass Kunst, die einen Bezug zu ihrer Umgebung hat, durchaus einen Beitrag zum Heilungsprozess bei Kranken haben kann. Gisela Klinkhammer
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