ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2002Oraler Neuraminidase-Hemmer: Neues Mittel im Kampf gegen Grippe

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Oraler Neuraminidase-Hemmer: Neues Mittel im Kampf gegen Grippe

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3120

Fath, Roland

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LNSLNS Rechtzeitig zum Beginn der Grippesaison stehen Ärzten zwei wertvolle neue Hilfen im Kampf gegen Influenza zur Verfügung: Oseltamivir (Tamiflu®), der erste orale Neuraminidase-Hemmer, und ein Influenza-Frühwarnsystem, das tagesaktuell über die Erkrankungsaktivität in den Bundesländern informiert und über Fax und Internet abrufbar ist.
Die Schutzimpfung bleibt die wichtigste Waffe gegen Influenza. Dennoch sind kausale Therapieoptionen dringend erforderlich. Die Durchimpfungsrate gegen Influenza sei in Deutschland mit 15 bis 20 Prozent erschreckend niedrig, und die Schutzwirkung liege auch nur bei 70 bis 80 Prozent, sagte Prof. Peter Wutzler (Jena). „Influenza ist die letzte große klassische Seuche, die wir kennen.“ Jedes Jahr sterben etwa 8 000 Deutsche an den Folgen der Virusgrippe – das sind mehr als im Straßenverkehr.
Die Besonderheit der Influenzaviren ist, dass sie ihr Genom ständig verändern. Eine einmal aufgebaute Immunität kommt deshalb in der nächsten Grippesaison höchstens partiell zum Tragen, weshalb die Impfungen jährlich mit neuen Impfstoffen wiederholt werden müssen. Neue humanpathogene Virustypen entständen auch durch Gen-Austausch mit Influenza-Viren, die Tiere befallen, sagte Wutzler.
Die Wirkung von Oseltamivir bleibt von den Veränderungen der Viren unbeeinflusst. Das Mittel blockiert das aktive Zentrum der Neuraminidase, ein Enzym an der Oberfläche der Viren, das bei allen Typen identisch ist. Die Viren benötigen das Enzym, um sich von Zellen, an die sie sich angeheftet haben, wieder abzulösen. Ohne intaktes Enzym können sich die Viren nicht vermehren. Oseltamivir wirke systemisch gegen Influenza-A- und -B-Viren und sei gut verträglich, betonte Wutzler. Das Resistenzpotenzial der Viren sei gering.
Nach den klinischen Studien werden mit dem oralen Neuraminidase-Hemmer typische Grippesymptome wie Fieber und Muskelschmerzen im Vergleich zu Placebo um 40 Prozent und sekundäre Komplikationen wie Bronchitiden und Pneumonien um über 50 Prozent verringert. Die Krankheitsdauer wird um einen bis drei Tage verkürzt, je nachdem wie früh mit der Therapie begonnen wird. Das Zeitfenster für die Anwendung des Mittels ist auf zwei, höchstens drei Tage nach Symptombeginn begrenzt. Der Therapieeffekt ist am besten bei Anwendung innerhalb der ersten 24 Stunden.
Oseltamivir ist außer zur Therapie auch zur Prophylaxe zugelassen. Sie ist nach Angaben von Wutzler zum Beispiel empfehlenswert in Familien oder in Altenheimen, in denen Influenzafälle aufgetreten sind, beim Auftreten neuer Erreger während einer Grippepandemie oder nach einer Impfung zum Überbrücken der Zeit, bis die Schutzwirkung einsetzt.
Voraussetzung für die gezielte Anwendung des neuen Mittels ist die frühzeitige Diagnose der Influenza bei zugleich sicherer Abgrenzung von einem grippalen Infekt. Die Firma Roche hat zur Erhöhung der Diagnosesicherheit das Influenza-Frühwarnsystem RealFluTM aufgebaut, das von Oktober bis April über die Influenza-Aktivität in den Bundesländern informiert. Mehr als 250 Ärzte seien bundesweit an dem Frühwarnsystem beteiligt und registrierten Influenza-Fälle, berichtete Prof. Werner Lange (Berlin). Bei Verdacht wird die Diagnose mit einem Schnelltest gesichert. Nach der Zahl der Fälle werden die Bundesländer in Regionen mit geringer, erhöhter und hoher Influenza-Aktivität eingeteilt. Die Information über eine Grippeepidemie erhöhe die Treffsicherheit der Diagnose auf Werte bis zu 80 Prozent, betonte Lange. Erhältlich ist der Report über die Influenza-Aktivität im Internet unter www.grippe-online. de und per Fax-Abruf: 01 90-6 08 02 00 20. Roland Fath

Einführungspressekonferenz: „Tamiflu® stärker als Grippe“ der Firma Roche AG am 1. Oktober 2002 in Frankfurt/Main
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