ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2002Medica 2002: Form und Funktion als Erfolgsfaktor

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Medica 2002: Form und Funktion als Erfolgsfaktor

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3123 / B-2637

Bantle, Frank

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Design in der Medizintechnik verdient mehr Aufmerksamkeit.

Als kürzlich der „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2002“ vergeben wurde, waren es zwei Produkte aus dem Bereich Medizin/Healthcare/ Reha, die von der Jury eine Auszeichnung erhielten: der Computertomograph „Somatom Smile“ von Siemens (Design: designafairs Studio Erlangen) und der Rollstuhlantrieb „e-motion“ des Herstellers Ulrich Alber, 72425 Albstadt (Design: einmaleins, Büro für Gestaltung). Während der Tomograph durch weiche Konturen und sanfte Farben eine angenehme Ausstrahlung verbreitet, überzeugt der Rollstuhlantrieb durch Einstellmöglichkeiten, die ganz auf den Benutzer zugeschnitten werden können. Für das Jahr 2004 erhoffen sich Medizintechnik-Anbieter und Designbüros, dass noch mehr Innovationen aus ihrem Bereich gewürdigt werden. Ein Hauptgrund, warum die Arbeit der Entwerfer eher im Verborgenen blüht, ist sachlich begründet: „Eine OP-Lampe kauft sich niemand für sein Wohnzimmer“, sagt Fred Held. Als Designer und Gründer der Firma „Held + Team“ in Hamburg arbeitet er für Auftraggeber in der Medizintechnik (B. Braun, Olympus, LRE). Im Gegensatz zu Konsumprodukten könne es sich kein Designer erlauben, bei medizinischen Geräten ein „Quatsch-Design“ aufzulegen, das medienwirksamer wäre. So sind es nur wenige Produkte, die unter optischen Gesichtspunkten einem Vergleich mit anderen Design-Schöpfungen unterzogen werden können – etwa ein Blutzuckertestgerät, weil es sich an Endverbraucher wendet und deshalb auch über seine „Hülle“ verkauft wird. Wenn Funktionalität oder Bedienkomfort bewertet werden, lassen sich auch bei Klinik-Geräten Qualitätsmerkmale herausfiltern.
Eine weitere Besonderheit bei der Gestaltung basiert auf der Stückzahl. Wegen der kleineren Auflagen werden preiswerte Herstellungsverfahren für die Gehäuse gewählt, deren Anmutung dann nicht immer mit der von Konsumgütern mithalten kann. Fred Held nennt ein anschauliches Beispiel: „Das Design hat bei einer Digitalkamera größere formale Spielräume, da diese in sehr großer Stückzahl, mit aufwendigeren Gehäuseverfahrenstechniken hergestellt wird. Dieser Unterschied wird oftmals kaum in die Bewertung einbezogen.“ Dennoch fühlen sich die Designer keineswegs falsch verstanden. Sie wissen: Im Klinik- und Praxisalltag geht es um Gesundheit und Verantwortung für kranke Menschen. Deren Bedürfnisse und Wünsche müssen im Mittelpunkt des Entwurfsprozesses stehen. Oft genug, berichtet Fred Held, ignoriere der Designer dabei die Kostenrechnung und ringe um die optimalste Lösung „für bessere Ergonomie, Handhabbarkeit, Übersichtlichkeit, Reinigbarkeit“.
Von links: 1. Vistacam CL mit Ladegerät (Design: ID Design, Hersteller: Dürr Dental GmbH Co KG, 74321 Bietigheim- Bissingen). 2. Littmann-Stethoskop (Design und Hersteller: 3M, Medica, Halle 06/F06). 3. Der PTCAKatheter Larus (Design: Held + Team), Adapterstück für Ballonkatheter zur Weitung der Koronararterien. Hersteller: B. Braun Melsungen (Medica, Halle 06/D20,A03). 4. Das Produkt Thora Flow 2000 (Design: Held + Team) dient der Regulierung eines sehr schwachen Unterdrucks zur Absaugung von Körperflüssigkeiten aus dem Thorax-Bereich. Hersteller: Greggersen (Medica Halle 11/B56). 5.Weiche und feminine Formen bei der Brustpumpe Symphony (Design: milani d&c). Hersteller: Medela (Medica, Halle11/J41). 6. OES Pro Resektoskop (Design: Held + Team). Hersteller: Olympus Winter & Ibe (Medica Halle 10/E10). 7. Omnitest Sensor (Design: Held + Team) für die Diabeteskontrolle. Hersteller: B. Braun Petzold (Medica Halle 6/D20). Werkfoto
Von links: 1. Vistacam CL mit Ladegerät (Design: ID Design, Hersteller: Dürr Dental GmbH Co KG, 74321 Bietigheim- Bissingen). 2. Littmann-Stethoskop (Design und Hersteller: 3M, Medica, Halle 06/F06). 3. Der PTCAKatheter Larus (Design: Held + Team), Adapterstück für Ballonkatheter zur Weitung der Koronararterien. Hersteller: B. Braun Melsungen (Medica, Halle 06/D20,A03). 4. Das Produkt Thora Flow 2000 (Design: Held + Team) dient der Regulierung eines sehr schwachen Unterdrucks zur Absaugung von Körperflüssigkeiten aus dem Thorax-Bereich. Hersteller: Greggersen (Medica Halle 11/B56). 5.Weiche und feminine Formen bei der Brustpumpe Symphony (Design: milani d&c). Hersteller: Medela (Medica, Halle11/J41). 6. OES Pro Resektoskop (Design: Held + Team). Hersteller: Olympus Winter & Ibe (Medica Halle 10/E10). 7. Omnitest Sensor (Design: Held + Team) für die Diabeteskontrolle. Hersteller: B. Braun Petzold (Medica Halle 6/D20). Werkfoto
Durch intelligentes und zugleich feinfühliges Produktdesign das Wohlbefinden und Heilungsprozesse zu unterstützen — davon ist auch Britta Pukall überzeugt. Sie ist Geschäftsführerin und Partnerin der „milani d&c AG“ in Zürich. Das 1963 von Francesco Milani gegründete Designatelier zählt ebenfalls Medizin- und Reha-Unternehmen zu seinen Kunden. Für Pukall liefert die Frauen- und Kinderheilkunde mit die besten Beispiele für die Notwendigkeit einer menschengerechten Gestaltung von medizinischen Apparaten. So seien Inkubatoren in der Regel eher abstoßende und angsteinflößende Geräte. Durch eine äußere Anlehnung an eine Kinderwiege und eine sensible Innenausgestaltung gelang es ihrem Team, dem hoch technisierten Brutkasten „caleo“ eine freundliche Anmutung zu verleihen. Auch die von „milani d&c“ gestaltete Brustpumpe „Symphony“ ist durch ihre weiche Gestaltung besser auf die Bedürfnisse einer jungen Mutter zugeschnitten als konventionelle Pumpen. Zweifelsohne lässt sich mit solchen Produkten auch eine Image- und Verkaufsförderung für die Hersteller in der Medizintechnik erwirken. Innovative Hersteller wie Roche Diagnostics, 3M Medica, Dräger Medical oder Phonak hearing systems wissen um die Wirkung guten Designs auf Abverkäufe und das Image des Unternehmens. Wie bei anderen Investitionsgütern gilt auch für Messgeräte, Mikroskope oder Stative: Je vergleichbarer sie sind, desto wichtiger werden die weichen Faktoren für die Kaufentscheidung. Bei „milani d&c“ erforschen die Gestalter deshalb vor jedem Auftrag die spezifische „emotionale Imagerichtung“ der Hersteller. „Durch diese Methode erfüllen die medizinischen Produkte so nicht nur in hohem Maße ihre Funktion, sondern sie drücken mit sehr hoher Wiedererkennbarkeit auch die spezifische Firmenqualität aus“, sagt Designerin Britta Pukall. Immer mehr Anbieter in der Medizintechnik erkennen den Wert der guten Form und Funktion. Dies gilt selbst für das Segment der Mikrogeräte. So hat etwa Dürr Dental viel Entwicklungs-Know-how in seine „VistaCam2“ gesteckt, eine kleine Intraoralkamera für den Zahnarzt. Das Handstück des Geräts läuft schmal zu und wiegt nur 200 Gramm. Frank Bantle
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