ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2002Massenkarambolage: Wer für wen zahlt

Versicherungen

Massenkarambolage: Wer für wen zahlt

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): [83]

Combach, Rolf

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Plötzlich einsetzende Schneefälle, Eisregen oder Glätte am Morgen verursachen oft Massenunfälle. Foto:ADAC/gp
Plötzlich einsetzende Schneefälle, Eisregen oder Glätte am Morgen verursachen oft Massenunfälle. Foto:ADAC/gp
Bei Schadenersatzansprüchen nach Massenunfällen gilt ein besonderes Regulierungsverfahren.

Heimtückisch: Nebel, Regen, Schnee oder Glatteis sorgen in Herbst und Winter innerhalb kürzester Zeit für chaotische Verkehrsverhältnisse. Kommen überhöhte Geschwindigkeit und zu dichtes Auffahren hinzu, sind Massenunfälle keine Seltenheit.
So auch Ende September, als auf der Autobahn Salzburg–Linz mehr als 70 Fahrzeuge in einen Massenunfall verwickelt wurden. Hierbei starben acht Menschen, und mehr als 50 Personen wurden zum Teil schwer verletzt.
Das Ergebnis eines Massenunfalls ist meist ein Knäuel ineinander verkeilter Blech- und Eisenteile. Der Unfallhergang ist nicht mehr rekonstruierbar. Bei einer Massenkarambolage ist der Endzustand der Fahrzeuge oft nicht festgehalten; sie werden, um Verletzte zu retten, auseinander gezogen. Die Vielzahl der Spuren lässt eine eindeutige Zuordnung zu bestimmten Fahrzeugen nicht mehr zu.
Schlimm wäre es für die Betroffenen, wenn es nach dem geltenden Haftpflichtrecht ginge: Denn danach muss derjenige, der Schadenersatzansprüche erheben will, die Beteiligung eines bestimmten Schädigers, seinen eigenen Schaden und den unmittelbaren kausalen Zusammenhang zwischen beiden nachweisen. Doch für Beteiligte an Massenunfällen ist dies oft nicht möglich: Sie haben einen Schaden und sind auch möglicherweise schuldlos. Als Unfallverursacher kommen aber mehrere Beteiligte in Betracht. Kann nun ein Geschädigter nicht beweisen, welcher von mehreren möglichen Schuldigen für seinen Schaden aufzukommen hat, ginge er eigentlich leer aus.
Eigentlich: Doch die deutschen Autoversicherer empfanden dies schon vor einigen Jahren als unbefriedigend. Deshalb beschlossen sie nach einem Massenunfall auf der Autobahn bei Ludwigsburg im Februar 1976 für solche Unglücksfälle ein besonderes Regulierungsverfahren.
Danach muss der bei einem Massenunfall Geschädigte nicht die Haftung eines bestimmten Schädigers nachweisen, sondern man unterstellt eine gesamtschuldnerische Haftung aller Beteiligten. „Der Geschädigte kann seine Ansprüche direkt bei einem vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mit der Regulierung beauftragten Versicherer geltend machen“, erklärt Pressesprecher Stephan Schweda.
Dieses Verfahren soll grundsätzlich immer angewandt werden, wenn 50 oder mehr Fahrzeuge beteiligt sind. Bei der Regulierung geht man davon aus, dass alle Unfallbeteiligten gemeinsam für den Schaden eines jeden Opfers mitverantwortlich sind. Andererseits nimmt man an, dass auch das einzelne Opfer selbst den Schaden teilweise mitverursacht hat.
Fazit: In der Regel können Beteiligte ihre Schadenersatzansprüche nicht in vollem Umfang geltend machen, weil sich der genaue Unfallhergang nicht mehr nachvollziehen lässt. „Ohne Vollkaskoversicherung müssen viele Unfallbeteiligte einen Teil der Schadenkosten selbst bezahlen“, meint Alois Schnitzer von der HUK-Coburg-Versicherung. Die einzige Möglichkeit, seinen Schadenersatz in vollem Umfang geltend zu machen: Man kann beweisen, dass der Hintermann das eigene Fahrzeug auf den Vordermann geschoben hat.
Übrigens: Alle Beteiligten an einer Massenkarambolage werden bei ihrer Autohaftpflichtversicherung nicht in ihrem Schadenfreiheitsrabatt zurückgestuft. Rolf Combach
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