ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1996Herrnsheimer Schloß-Spiele: Orpheus stand im Regen

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Herrnsheimer Schloß-Spiele: Orpheus stand im Regen

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS Die Spielstätte für eine der zauberhaftesten Opern der Musikgeschichte, Christoph Willibald Glucks "Orpheus und Eurydike" (Libretto: R. Calzabigis), hätte Edvin van der Meer, der Künstlerische Leiter der Herrnsheimer Schloß-Spiele, nicht trefflicher wählen können: die Freitreppe an der Schokoladenseite des einzigen erhaltenen deutschen Empireschlosses. Daß am zweiten Abend nach dem zweiten Akt beim besten Willen nicht weitergespielt werden konnte, war echtes Künstler- wie Zuschauerpech: Die Pause nach dem "Elysium" wurde wegen Dauerregens notgedrungen zum Finale! Den Besuchern, die vom Angebot des Regisseurs, am nächsten Tag unentgeltlich alles noch einmal zu sehen, keinen Gebrauch machen konnten, bleibt die Hoffnung, dem Sänger mit der Lyra und seiner geliebten Eurydike im August 1997 dort wiederzubegegnen.
Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, die ihr Ziel in möglichst kunstvoller, verschnörkelter, musikalischer Ausarbeitung sahen, konzentrierte sich Gluck bei seiner 1762 in Wien uraufgeführten Oper erstmals auf eine gänzlich vom Handlungsverlauf bestimmte Musik. Gefühle und Empfindungen lösten heldisches Gebaren, endlose Wiederholungen und effektvolles Götterdonnern ab.
Eine Gesamtbeurteilung ist mangels des fehlenden dritten Aktes leider nicht möglich. Die heute als Konzertsängerin und Pädagogin arbeitende Stuttgarter Soubrette Susanne Jellinek erwies sich als flexibler, stimm- und spielsicherer Gott Amor, der seltsamerweise im lachsroten Abendkleid und Diadem erscheinen mußte (Kostüme stellte das Mainzer Staatstheater). Anna Zackl (Eurydike), die junge Würzburger Sopranistin, war, wetterbedingt, leider nur als geschmückte Tote auf der Bahre und bei der Begegnung in den Elysäischen Gefilden zu bewundern, nicht aber zu hören.
Bleibt der Orpheus, für den van der Meer sich den 25jährigen, vielversprechenden Countertenor Nicholas Hariades geholt hatte. Er sang in Herrnsheim seine erste große Opernpartie. Eine begnadete, des Singens im Freiraum jedoch ungewohnte Stimme, die sich erst noch voll entfalten muß.
Unter der straffen musikalischen Gesamtleitung des mehrere Jahre am Hessischen Staatstheater engagierten Dirigenten Anthony Jenner hatte das witterungsbedingt nicht durchweg tonsaubere, aber konzentriert spielende, sehr junge Orchester gegen Wind und Regen heftig anzukämpfen. Mit herrlichem, langem Beifall für alle Mitwirkenden dankte das auf ein Wiedersehen 1997 hoffende Publikum.
Britta Steiner-Rinneberg
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