ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2002Reform des Medizinstudiums: Medizinische Fakultäten jetzt am Zug

POLITIK

Reform des Medizinstudiums: Medizinische Fakultäten jetzt am Zug

Dtsch Arztebl 2002; 99(47): A-3150 / B-2661 / C-2479

Clade, Harald

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Prof. Dr. med. Thomas Kirchner, Vizepräsident des Medizinischen Fakultätentages: „Nicht nur der Medizinische Fakultätentag und der Deutsche Ärztetag, sondern auch der Bundesrat fordern, dass die Bundesregierung ab der Umsetzung der Reform den AiP durch eine Änderung der Bundesärzteordnung abschafft.“ Foto: privat
Prof. Dr. med. Thomas Kirchner, Vizepräsident des Medizinischen Fakultätentages: „Nicht nur der Medizinische Fakultätentag und der Deutsche Ärztetag, sondern auch der Bundesrat fordern, dass die Bundesregierung ab der Umsetzung der Reform den AiP durch eine Änderung der Bundesärzteordnung abschafft.“ Foto: privat
Vorbereitungs- und Umstellungsfragen nach Verabschiedung der Approbationsordnung für Ärzte. Der Fakultätentag macht Druck.

Nachdem am 26. April 2002 auch der Bundesrat die Approbationsordnung für Ärzte verabschiedet hat, soll das Medizinstudium mit Beginn des Wintersemesters 2003/2004 (1. Oktober) nach der neuen Ausbildungsordnung begonnen werden. Mit der 9. Novelle zur Approbationsordnung soll die aus dem Jahr 1970 stammende Ausbildungsordnung, die in den vergangenen Jahren schwerwiegende Fehlkonzeptionen und Unzulänglichkeiten erkennen ließ, abgelöst werden. Gleichzeitig sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, um den 1987 eingeführten Notbehelf der Ärztin/des Arztes im Praktikum wieder abzuschaffen. Nach dem Schlusskompromiss im Bundesrat mit pragmatischen und praktikablen Verbesserungen der Lehre und praktischen Ausbildung soll zugleich ein Paradigmenwechsel eingeleitet werden.
Der außerordentliche Medizinische Fakultätentag (MFT) am 24. Oktober in Mainz erörterte die wichtigsten Punkte der Reform. Zugleich wurden die medizinischen Fakultäten, Hochschulen und Hochschullehrer eindringlich auf die notwendige Vorbereitungs- und Planungsphase und die noch zu erledigenden „Hausaufgaben“ hingewiesen. Sie sind jetzt zügig in Angriff zu nehmen, damit das Medizinstudium planmäßig am 1. Oktober 2003 nach der neuen Ordnung begonnen werden kann.
Prof. Dr. med. Thomas Kirchner, der Vizepräsident des MFT, Universität Erlangen-Nürnberg, stellte fest: Durch die geplante intensivere Verzahnung von theoretischem Unterricht mit dem klinischen Abschnitt des Medizinstudiums und des bedside teachings bereits zu Beginn des Studiums werden erstmals die starren Grenzen zwischen Vorklinik und Klinik aufgebrochen. Zugleich sollen durch fächerübergreifende und problemorientierte Unterrichtselemente – wie in allen Querschnittsbereichen und -fächern – eine interdisziplinäre Lehre verankert und die bisher rigide Fachbezogenheit der Studiengliederung aufgehoben werden. Zugleich würde durch Kleingruppenunterricht und Blockpraktika besonders die praktische Ausbildung am Patienten intensiviert. Durch einschneidende Änderungen bei den Prüfungen sollen ein stärker praxis- und problemorientiertes Lernverhalten bewirkt werden. Infolge einer besseren Verzahnung von theoretischem und klinischem Unterricht im ersten Studienabschnitt sollen sich die Lehre und Unterweisung in naturwissenschaftlichen und theoretischen Fächern und Grundlagen auf die medizinisch relevanten Inhalte konzentrieren. Grundsätzlich soll die Zahl der Multiple-Choice-Prüfungen (MC) reduziert und den mündlichen Examina Vorrang gegeben werden.
Größere Autonomiezonen
Den medizinischen Fakultäten und Universitäten wird künftig ein größerer Gestaltungsspielraum und eine größere Entscheidungsautonomie eingeräumt, der einer Gleichschaltung der Ausbildungsstätten entgegenwirken und für eine „kompetitive Profilbildung in der Lehre“ genutzt werden soll.
Nach Überzeugung von Kirchner können die Ziele der neuen Approbationsordnung nur dann erreicht werden, wenn es gelingt, das Lernverhalten der Medizinstudierenden grundsätzlich zu korrigieren und neu zu leiten. Die schriftlichen MC-Prüfungen hätten sich bisher als schwerwiegende Fehlentwicklung erwiesen. Durch diese formalisierte und standardisierte Prüfungsart sei nicht nur die unmittelbare Leistungs- und Erfolgskontrolle durch die akademischen Lehrer verloren gegangen. Vielmehr hätten die Studierenden überwiegend nur riesige, in der Praxis kaum brauchbare Datenmengen und Fragensammlungen auswendig gelernt. Dabei seien das Verständnis und das Erfassen von Zusammenhängen sowie die Fähigkeit zur aktiven Wissenswiedergabe außer Acht geblieben. Künftig seien die Hochschulen und Hochschullehrer mehr gefordert; sie müssten die durch die Approbationsordnung eingeräumte Entscheidungsfreiheit ausschöpfen. Sie hätten die Befugnis, über Leistungskontrollen Einfluss auf das Lernverhalten der Studenten zu nehmen. Die Prüfungen seien aus der Sicht des MFT allerdings nur ein Gestaltungselement, das den Hochschulen eingeräumt wird. Die medizinischen Fakultäten könnten künftig ihre Studienpläne inhaltlich und strukturell stärker als bisher selbst ausgestalten. Dies sei möglich geworden, weil ein Beispiel-Stundenplan und die umfangreichen Lernzielkataloge entfallen seien. Außerdem könnten die Fachkataloge und Querschnittsbereiche an die medizinisch-wissenschaftliche Entwicklung weitgehend autonom angepasst werden.
Kirchner stellte fest: „Die Beteiligung der Fächer am Curriculum kann dabei nach inhaltlicher Relevanz und Leistungsfähigkeit der Fächer für die Lehre erfolgen. Zugleich können die medizinischen Fakultäten individuelle thematische Schwerpunkte festsetzen und ein besonderes Lehrprofil ausprägen.“
Wettbewerb um Lehrressourcen
Gewünscht sei es, dass um die Lehrressourcen und die Zahl der Medizinstudenten zwischen den Fakultäten geworben wird. Sinkende Bewerberzahlen signalisierten, dass der Wettstreit um Medizinstudierende bald Realität werden könnte, so Kirchner.
Künftig wird die Kapazität für die Vorklinik personalbezogen nach den Lehrdeputaten und einem Curricula-Normwert bemessen, wohingegen die Kapazität für die klinische Ausbildung und Unterweisung patientenbezogen erfolgt. Die aktuellen Zulassungszahlen werden deshalb an den meisten Hochschulen durch kapazitätsrelevante Planstellen der Vorklinik bestimmt.
Die neue Approbationsordnung wird wesentliche Änderungen bewirken: Weil die entscheidenden Parameter für die Bemessung der Kapazität die Gruppengrößen bei der Patientenuntersuchung und Patientendemonstration sind, gewinnt ab 2003 eine patientenbezogene und klinische Kapazitätsbemessung Vorrang. Solche kapazitätsbestimmende klinische Kriterien wurden bislang noch nie einer verwaltungsgerichtlichen Prüfung unterzogen. Dies bringt Risiken und Unsicherheiten für die Zulassungszahlen nach der neuen Approbationsordnung mit sich. Experten der Hochschulmedizin und das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gehen davon aus, dass infolge der neuen Approbationsordnung die Aufnahmekapazität und damit die Zahl der Studenten um rund zehn Prozent verringert wird.
Nach Darlegung von Kirchner müssen die medizinischen Fakultäten zur Vorbereitung und Umsetzung der Approbationsordnung folgende „Schularbeiten“ zügig in Angriff nehmen:
– Bis zum Frühjahr 2003 ist eine neue Studienordnung zu entwerfen und ein attraktives Curriculum zu gestalten.
– Eine komplexe Stundenplanorganisation mit den vorgegebenen Verzahnungselementen ist zu entwickeln.
– Ab Wintersemester 2003/2004 sind für vier bis sechs Jahre überlappend zwei Ausbildungsgänge, und zwar nach der alten und der neuen Approbationsordnung, umzusetzen (siehe Textkasten 1).
– Der zeitaufwendige, fächerübergreifende Unterricht und die eigenverantwortlich durchzuführenden Universitätsprüfungen müssen umgesetzt werden.
Außerdem sind Maßnahmen zu ergreifen, die den gesetzlich vorgesehenen Wegfall des AiP und eine damit einhergehende Verringerung der Personalstärke ausgleichen.
Dr. rer. pol. Harald Clade
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