ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2002Sozialmedizin: Armut bedroht die Gesundheit

THEMEN DER ZEIT

Sozialmedizin: Armut bedroht die Gesundheit

Dtsch Arztebl 2002; 99(47): A-3166 / B-2675 / C-2491

Pesek, Astrid Barrera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
In Deutschland ist arm, wer weniger als 600 Euro im Monat zur Verfügung hat.
In Deutschland ist arm, wer weniger als 600 Euro im Monat zur Verfügung hat.
Jedes siebte Kind in Deutschland ist arm und verstärkt von
Krankheit bedroht. Experten des Europäischen Armutsnetzwerks warnen: Armut verzehnfacht das Risiko, zu erkranken.

Die Armut in Deutschland nimmt kontinuierlich zu und betrifft immer mehr Gruppen in der Gesellschaft. Die WHO definiert Armut nach dem Einkommen. Danach ist arm, wer monatlich weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens seines Landes zur Verfügung hat. In Deutschland sind das etwa 600 Euro. Rund elfeinhalb Millionen Menschen leben zur Zeit unterhalb der Armutsgrenze. Dabei ist für viele Betroffene die schlechte finanzielle Situation auch eine gesundheitliche Bedrohung. Denn unter Experten ist nahezu unbestritten, dass Armut auch das Risiko, zu erkranken, erhöht.
Erika Biehn, stellvertretende Sprecherin des europäischen Armutsnetzwerks (EAPN), wies anlässlich der Generalversammlung der EAPN in Berlin auf den Zuammenhang zwischen Armut und Gesundheit hin: „Nach unseren Schätzungen haben arme Menschen ein zehnmal höheres Gesundheitsrisiko als Nicht-Arme.“ Im „European Health Report 2002“ der WHO wird Armut als größte Einzelbedingung für einen schlechten Gesundheitszustand bezeichnet. „Armut ist mit einer geringeren Lebenserwartung, höherer Kindersterblichkeit und einem höheren Ansteckungsrisiko bezüglich Infektionskrankheiten, vor allem HIV und Tbc, assoziiert“, heißt es in dem Report.
Finanziell schwierige Situationen führen zu weiteren Belastungen: So nimmt zum Beispiel der psychosoziale Stress zu, wodurch das subjektive Wohlbefinden armer Menschen weiter belastet wird. Durch das schlechtere psychische Allgemeinbefinden wird ein breites Spektrum von Krankheiten begünstigt. Die WHO nennt in diesem Zusammenhang Bluthochdruck und Magengeschwüre als direkt von Armut verursachte Krankheiten und spricht in ihrem europäischen Gesundheitsreport von einem „Teufelskreis aus Armut und schlechter Gesundheit“. Die Ursachen für Armut werden sowohl von WHO als auch EAPN vor allem in der Arbeitslosigkeit gesehen. Arbeitslose sind besonders anfällig für Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Arbeitslosigkeit macht krank
Aber nicht nur der Zustand der Arbeitslosigkeit und die daraus resultierende Armut machen krank. Auch die Angst um den Arbeitsplatz, die besonders in wirtschaftlich unsicheren Zeiten verbreitet ist, schadet der Gesundheit. Die WHO sieht darin einen vermehrten psychosozialen Stress. Die Folgen sind ähnlich denen bei tatsächlicher Arbeitslosigkeit. Arbeitslose haben ein schlechteres Gesundheitsverhalten; sie rauchen mehr und bewegen sich weniger; und sie haben daher häufiger starkes Übergewicht. Hypertensive Blutdruckwerte und ein erhöhter Choleste-
rinspiegel sind deshalb oft die Folge. Außerdem nutzen arbeitslose Eltern gesundheitliche Vorsorgeuntersuchungen für ihre Kinder um bis zu 30 Prozent weniger als berufstätige Eltern (siehe auch Trabert, DÄ, Heft 3/2002). Darunter leidet insbesondere die Zahngesundheit der Kinder. Deren Kariesrate ist mit 44 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die von Kindern berufstätiger Eltern (20 Prozent).
Gesunde Ernährung ist für arme Menschen oft unerschwinglich. Fotos: dpa
Gesunde Ernährung ist für arme Menschen oft unerschwinglich. Fotos: dpa
Ähnlich wie die Arbeitslosigkeit ist auch das Bildungsniveau mitentscheidend für den Gesundheitszustand. Das Statistische Bundesamt bestätigt die These, dass die Zugehörigkeit zu einer niedrigen sozialen Schicht krank macht. Demnach gibt es beispielsweise eine Beziehung zwischen höherem Tabakkonsum, Übergewicht und niedrigerem Einkommen. Dieses ungünstigere Gesundheitsverhalten führt Prof. Dr. rer. pol. Uwe Helmert, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, vor allem auf den niedrigeren Bildungsgrad der unteren sozialen und Einkommensschichten zurück. „Wer eine geringere Bildung hat, erhält weniger Informationen über gesundheitliche Vorsorge und ein günstiges Gesundheitsverhalten“, betonte Helmert gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.
Frauen sind nach der WHO in der armen Bevölkerung in Europa überrepräsentiert. Das durchschnittliche Einkommen von Frauen beträgt lediglich 60 bis 70 Prozent des Einkommens der Männer. Gesundheitlich gefährdet sind Frauen außerdem durch die Doppelbelastung in Beruf und Familie, in der es häufig notwendig ist, dass beide Partner arbeiten gehen. Die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen oder einer Angststörung zu erkranken, ist für Frauen höher als für Männer. Dies wird mit der Doppelbelastung erklärt. Ein relativ neues Problem ergibt sich aus der wachsenden Anzahl allein erziehender Frauen. War früher eher das Problem maßgeblich, dass Frauen lange nicht in die Rentenversicherung eingezahlt hatten und im Alter auf Sozialhilfe angewiesen waren, benötigen jetzt immer mehr jüngere Frauen und deren Kinder Hilfe zum Lebensunterhalt. Das liegt daran, dass es wesentlich mehr Frauen gibt, die entweder nicht mit dem Vater ihrer Kinder zusammenleben, oder aber der Vater selbst kein Geld verdient. Prof. Dr. phil. Ulrike Maschewsky-Schneider, Institut für Gesundheitswissenschaften der TU Berlin, erklärte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt: „Vor allem Frauen mit mehreren Kindern können nicht arbeiten gehen und sind damit auf Sozialhilfe angewiesen. Dadurch werden Kinder zum Armutsrisiko, und Erziehung – vor allem mehrerer Kinder – wird zum Stigma.“ Die EAPN forderte bei ihrer Generalversammlung die Ausweitung der Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren und für Schulkinder.
Kinder sind darüber hinaus in besonderer Weise betroffen: „Früher hatten wir einen Armutstrend bei älteren Frauen, heute haben wir ihn bei Kindern“, sagte Maschewsky-Schneider. Nach Schätzungen sind in Deutschland mehr als eine Million Kinder unterdurchschnittlich begütert und haben damit ein um ein Drittel höheres gesundheitliches Risiko als andere Kinder. Das bedeutet: Jedes siebte Kind in Deutschland ist arm.
Arme Kinder: Nachteile bleiben
Nach Untersuchungen der Arbeiterwohlfahrt unter armen Kindern in Kindertagesstätten (Kitas) ist jedes dritte Kind in mehreren Lebensbereichen durch die schwierige wirtschaftliche Lage seiner Eltern benachteiligt. Demnach sind die betroffenen Kinder häufiger krank, vernachlässigt und kommen oftmals hungrig in der Kita an. Etwa zehn Prozent sind körperlich unterentwickelt. Das hat psychosozial gravierende Auswirkungen: Mittellose Kinder und Jugendliche sind ängstlicher, fühlen sich häufiger hilflos und haben ein geringeres Selbstvertrauen als wohlhabendere Gleichaltrige. Diese in der Kindheit erlittenen Nachteile wirken sich bis ins Erwachsenenalter aus. Wer als Kind unter Armut gelitten hat, ist als Erwachsener eher chronisch krank.
Auch das Gesundheitsverhalten sozial schwacher Kinder und Jugendlicher ist schlechter: Sie rauchen mehr als
andere Gleichaltrige, ernähren sich schlechter und bewegen sich zu wenig. Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE) empfiehlt daher eine flächendeckende psychologische und medizinische Versorgung vor allem in Schulen. Außerdem fordert die GBE die Jugend- und Familienhilfe auf, den betroffenen Familien Unterstützung, Beratung und Hilfe im Alltag zu gewähren. Astrid Barrera Pesek
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema