ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2002Weiterbildung: Ausbeutung - Nicht nur in Kliniken

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Weiterbildung: Ausbeutung - Nicht nur in Kliniken

Dtsch Arztebl 2002; 99(47): A-3170 / B-2678 / C-2493

Pohling, Edda

Zur Situation der Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin:
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LNSLNS Gegenwärtig wird ausführlich über die unzeitgemäße Arbeitssituation der Weiterbildungsassistenten an deutschen Kliniken berichtet. Mich erstaunt, dass in diesem Zusammenhang die Weiterbildungssituation zukünftiger Allgemeinmediziner kaum beachtet wird, obwohl eine Aufwertung dieser Fachrichtung von vielen Seiten gewünscht wird. Mittlerweile bin ich im fünften Weiterbildungsjahr angelangt und möchte über die z. T. unhaltbaren Missstände in der Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin berichten.
Nachdem ich die obligate Zeit an einem deutschen Krankenhaus hinter mich gebracht habe (strenge Hierarchie, befristete Arbeitsverträge, unbezahlte Überstunden, mangelhafte Weiterbildung), hoffte ich in der Niederlassung auf bessere Weiterbildungsmöglichkeiten. Ich schiebe zwar keine 36-Stunden-Dienste mehr, aber Ausbeutung findet trotzdem statt. Weiterbildung heißt häufig: kurze Einführung in die Praxisabläufe, um dann sofort die volle selbstständige Vertretung für den Praxisinhaber zu übernehmen – natürlich ohne Extraentlohnung. Die lästigen Kassenanfragen werden überwiegend auch von dem Assistenten übernommen. Bei dem Gehalt handelt es sich um einen Zuschuss, der je zur Hälfte von den Krankenkassen und von den KVen gezahlt wird. Der weiterbildungsbefugte Arzt zahlt lediglich 414 Euro pro Monat Sozialabgaben aus seiner eigenen Tasche und hat somit eine sehr preisgünstige Arbeitskraft. Von einem Zuschuss vonseiten des Praxisinhabers habe ich persönlich nie etwas bemerkt. In zwei Fällen wurde ich sogar vom Praxisinhaber aufgefordert, die von ihm gezahlten Sozialabgaben im Nachhinein unter der Hand an ihn zurückzuzahlen. Nun schufte ich in der Niederlassung für ganze 2 040 Euro brutto im Monat 40 Stunden pro Woche (Stundenlohn brutto: 12,75 Euro). Viele ältere Kollegen denken nur noch an die preisgünstige Arbeitskraft/
Urlaubsvertretung, die sie sich damit in die Praxis holen. Wo bleibt da die Kollegialität?
Für Fortbildungsveranstaltungen, die ich laut Weiter­bildungs­ordnung besuchen muss, z. B. den 80- bis 240- Stunden-Pflichtkurs, nehme ich generell Urlaub. Eine Kostenübernahme bzw. Freistellung für Fortbildung habe ich nur teilweise in der Klinik, jedoch niemals im niedergelassenen Bereich erfahren. Der 105. Deutsche Ärztetag forderte, dass die Teilnahme an externen Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen vom Arbeitgeber gefördert wird (u. a. Freistellung bzw. Zeitausgleich bei Fort-/Weiterbildung an Feiertagen oder am Wochenende als auch die Übernahme der Kosten). Wenn man die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin in fünf Jahren etwas interessant gestalten will, hat man kaum die Möglichkeit, einen längerfristigen Vertrag anzunehmen. Das heißt, man lebt auch noch mindestens fünf Jahre nach dem Medizinstudium ständig im Ungewissen. In England sind z. B. Rotationen an Kliniken und Praxen vorgegeben, ständige Fortbildungen sind ein Muss und Fallbesprechungen, auch in der Praxis, werden mit Freude durchgeführt. Wie sollen also bei unseren Zuständen interessierte zukünftige Allgemeinmediziner rekrutiert werden?
Ich fordere die ärztlichen Kollegen und die zuständigen Ärztekammern auf, die weiterbildungsbefugten Ärzte besser zu prüfen, ihre persönliche Eignung dringend festzustellen und bessere Unterstützung in der Planung der Weiterbildung zukünftiger Allgemeinmediziner anzubieten. Ansonsten sehe ich kaum eine Chance für diese Fachrichtung in Deutschland. Es braucht sich keiner wundern, wenn die Praxen in Deutschland nicht mehr verkauft werden können und viele Allgemeinmediziner in andere Länder abwandern.
Dr. Edda Pohling, Essener Straße 21, 10555 Berlin
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