ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2002Backsteingotik: Dialog des Geistes

VARIA: Feuilleton

Backsteingotik: Dialog des Geistes

Dtsch Arztebl 2002; 99(47): A-3200 / B-2699 / C-2514

Rehbein, Maja

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Greifswald: St. Jacobi
Greifswald: St. Jacobi
Die Religion wurde zur Grundlage für die wirtschaftliche und geistige Entwicklung der deutschen Hansestädte.

Bis Anfang November war die mehrteilige Ausstellung „Gebrannte Größe – Wege zur Backsteingotik“ zu sehen. Erstmals stand dieses Thema so stark im Mittelpunkt des Interesses. Fünf Städte nahmen an der Ausstellung teil: Lübeck (Die Hanse. Macht des Handelns), Wismar (Bauten der Macht), Rostock (Die Sprache der Steine), Stralsund (Maritime Macht) und Greifswald (Dialog des Geistes).
In Greifswald wurde anschaulich dargestellt, dass die Religion die Grundlage für die wirtschaftliche und geistige Entwicklung der fast 200 Hansestädte war. Neben dem 1199 gegründeten Zisterzienserkloster Eldena entstand die Stadt, die 1250 bereits das Lübische Stadtrecht erhielt und bald darauf Mitglied der Hanse wurde. Drei monumentale gotische Backsteinkirchen, zahlreiche schöne Giebelhäuser und die 1456 gegründete Universität zeugen von Greifswalds damaliger Bedeutung.
Nach dem Eintritt in die Kirche St. Jacobi gewahrte der Besucher zunächst nur die von flackerndem Kerzenlicht erhellten dunkelroten Backsteinsäulen, die das Hauptschiff tragen. Ein paar Schritte weiter wehte ihm der würzige Duft von Kräutern entgegen; von Brettern eingefasste Beete stellten in einfacher Weise einen Klostergarten dar. Im Seitenschiff lernte er die von Bernhard von Clairvaux festgelegten Ordensregeln der Zisterzienser kennen und durchschritt ein „Skriptorium“, bestehend aus zwölf Schreibpulten mit brennenden Kerzen.
Greifswald: Blick vom Turm des Doms St. Nikolai auf St. Jacobi und Universitätsgebäude Fotos: Maja Rehbein
Greifswald: Blick vom Turm des Doms St. Nikolai auf St. Jacobi und Universitätsgebäude Fotos: Maja Rehbein
Ein riesiges Transparent mit den zehn Geboten begleitete ihn als Pilger auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Er erfuhr den Sinn der Pilgerfahrt als ein Gespräch mit Gott, das zu Gelassenheit und Klarheit führt. Am Ende des Weges trat er plötzlich in helles Licht und sah sich vor sechs großen, im Halbkreis angeordneten Backsteinfiguren (Künstler: Dieter Weidenbach). Im Zeichen des Kreuzes aus flimmerndem Kerzenlicht zu immerwährendem Gespräch über Gott und die Schöpfung vereint, saßen hier Moses Maimonides (jüdischer Rabbi, Arzt und Philosoph), Bernhard von Clairvaux und sein theologischer Gegner Petrus Abälard, der persische Dichter Hafis, ein Pilger und Parzival. Der Besucher hörte Texte dieser Personen, gesprochen von dem Schauspieler Bruno Ganz.
Eine überdimensionale, geschwungene Pergamentrolle (30 x 5m) zog sich durch den ganzen Kirchenraum und erzählte in markanten Daten, Bildern und Zitaten von der Geschichte des Christentums. Es ging um Ur-christen und die Entstehung der Evangelien, um das Christentum als spätantike Staatsreligion, um den Glauben der Mönche und der weltlichen Herrscher im frühen Mittelalter, um Kreuzfahrer und Ketzer. Später um den gespaltenen Glauben mit Reformation und Gegenreformation, von 1750 bis heute um die Spaltung in Glauben und Vernunft. Auch Hinweise auf die muslimische und jüdische Religion fehlten nicht. Mit der französischen Revolution, dem Kommunistischen Manifest und der jüngsten deutschen und europäischen Geschichte kam es zur Säkularisierung der Welt.
In Vitrinen bewunderte der Besucher das Lorscher Evangeliar von 810, das aufgeschlagene Book of Kells, entstanden etwa 800 auf Iona
(Irland), oder die Bamberger Apokalypse, entstanden 1000–1020 auf der Insel Reichenau (als Faksimiles). Im „Raum der Denker“ begegnete er großen Gelehrten der Geistesgeschichte wie Augustinus und Albertus Magnus. Ein gotischer Arbeitsraum versetzte ihn auf eine mittelalterliche Baustelle, und im Gebetsraum fand er zahlreiche in die Wand gesteckte Schriftrollen. Im kleinen Vorführraum sah er einen Dokumentarfilm über Chartres und die Gotik in europäischen Zusammenhängen, und vor dem Hinausgehen kaufte er vielleicht noch ein Buch oder eine Kerze.
Weithin grüßen die Kirchen Greifswalds über das ebene Land. Vor allem in der Abendsonne, die den roten Backstein zum Leuchten bringt, sind sie noch heute von ehrwürdig-gebieterischer Schönheit. Maja Rehbein


Informationen: Die fünf Begleitkataloge sind im Schuber für 38 Euro, einzeln 9 Euro, erhältlich. Informa-tionen zur Ausstellung: www.wege-
zur-backsteingotik.de; Informationen zur Stadt Greifswald:
www.greifs wald.de
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