POLITIK

Tsunami

Dtsch Arztebl 2002; 99(48): A-3236 / B-2726 / C-2540

Böhmeke, Thomas

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Jeden Morgen bricht sie mit ungeahnter Heftigkeit über mich herein. Ich meine nicht Tsunami, die ostasiatische Killerwelle, sondern die tägliche Flut an Zeitschriften, Briefen und Mitteilungen. Ein ganz normaler Arbeitstag bringt es locker auf zehn Zentimeter gestapelter und sorgsam zu durchkämmender Druckerzeugnisse. Wenn dieser Berg vor mir liegt, kann ich es förmlich hören, wie Fachbeschreibungen von Diuretika, Wirksamkeiten von Antazida und Sensitivitäten von Nukliden um meine Aufmerksamkeit schnattern. Aber glücklicherweise ist Papier stumm, sonst würde ich vor dem Krach sofort weglaufen und mich in ein Trappistenkloster einschreiben. Um der Massen Herr zu werden, habe ich vielfache Filterfunktionen erfunden: Zuerst greift sich die Auszubildende die Modezeitungen und Handy-Journale ab, dann sortiert meine Arzthelferin diejenigen Briefe aus, die mit dem Vermerk „Strikt persönlich!“ – „Vertraulich!“ nur lästige Immobilienwerbung enthalten. Für mich bleiben noch etwa 20 Zeitschriften und Briefe übrig, die Titel beinhalten wie: „ACE-Inhibition induziert Remodeling und Apoptose in der Media post PTCA bei Hypertonie“. Davon zehn Stück, und ich bin analgetikapflichtig. Ich habe mir angewöhnt, die Bulletins zu stapeln: ganz rechts die „Hurra!“-Zeitschriften, gesponsert aus der Pharmaindustrie, in der Mitte die seriöseren, redaktionell bearbeiteten Magazine, links außen das anzeigenfreie Pharmahasser-Blatt. Und irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit.
Es gibt einen Gedanken, der mich beruhigt: Irgendwann einmal wird es zur Implosion dieses medizinischen Tsunami kommen. Irgendwann einmal haben diese unzähligen Mediziner, die sich der schreibenden Zunft verschrieben haben, alle medizinischen Buchstaben und Wörter totgeschrieben und fangen dann an, sich schreibend selbst zu vertilgen. Hoffentlich dauert das nicht zu lange.
Eine große Bitte: Macht das noch vor der Rente.
Dr. med. Thomas Böhmeke
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