ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2002Arzt in der Praxis: Der Spezialist darf nicht sterben

POLITIK

Arzt in der Praxis: Der Spezialist darf nicht sterben

Dtsch Arztebl 2002; 99(48): A-3237 / B-2727 / C-2541

Montgomery, Frank Ulrich

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
Der Kampf um Vorschaltgesetz und Nullrunde überlagert eine Diskussion der langfristigen Strukturkonzepte. Diese müssen indes intensiv debattiert werden – zum Beispiel deshalb, weil viele Elemente auf eine Abschaffung des niedergelassenen Facharztes (Spezialisten) zielen. Notwendig ist aber das Miteinander von Hausärzten, Spezialisten und Krankenhausärzten.

Die Koalitionsvereinbarung vom 16. Oktober 2002 kündigt Strukturveränderungen in der ambulanten Versorgung an (Hervorhebungen vom Verf.): „Die Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen und die Krankenkassen werden in die Lage versetzt, neben den notwendigen kollektiven Verträgen Einzelverträge mit festgelegten Qualitätsniveaus abzuschließen. Der Kontrahierungszwang wird modifiziert. . . . Krankenhäuser, medizinische Zentren und andere Gesundheitsberufe werden in das System der Einzelverträge einbezogen. Der Sicherstellungsauftrag wird entsprechend den veränderten Bedingungen angepasst. . . . In der ambulanten Versorgung können neben den freiberuflichen Ärztinnen und Ärzten Gesundheitszentren zusätzlich tätig werden.“
Das Strickmuster ist klar: Zuerst werden mit Einkaufsmodellen die attraktiven Leistungen aus dem Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) herausgekauft. Der KV bleibt dann der Sicherstellungsauftrag für den traurigen Rest – in modifizierter beziehungsweise angepasster Form. Und schließlich werden Polikliniken und Gesundheitszentren zusätzlich und neben den freiberuflich tätigen Fachärzten tätig.
Diese Entscheidungskaskade läuft darauf hin, die ambulant spezialisiert tätigen Fachärzte aus der niedergelassenen, freiberuflichen Tätigkeit zu verdrängen und entweder ans Krankenhaus zu binden oder durch angestellte Ärztinnen und Ärzte zu ersetzen. Dies mag ein Reflex der rot-grünen Regierung auf Äußerungen einzelner KVen während des Wahlkampfes sein. Gleichwohl sollte auch in der Politik ein wichtiges Grundprinzip wirken, das aus Tarifverhandlungen gut bekannt ist: Am Tage nach der Wahl schließen vernünftige Partner einen Vertrag, in dem sie sich alle Sünden des Wahlkampfes (oder der Tarifauseinandersetzung) vergeben. Auch die Gesundheitspolitik wäre gut beraten, sich dieses Grundsatzes zu erinnern und den konstruktiven Dialog zu suchen.
Wir brauchen das intelligente Zusammenspiel
Es ist nun leider – selbst bei einigen ärztlichen Standesvertretern – modisch geworden, das Strukturprinzip „niedergelassene Fachärzte in freier Praxis“ zu hinterfragen. Von der „doppelten Facharztschiene ambulant/stationär“ oder dem „doppelten Facharztbesatz“ wird da geredet. Es muss doch klar sein, dass der Begriff der „Doppelung“ in einem solidarisch finanzierten System nicht wertfrei zu benutzen ist! Wer die „Doppelung“ betont, redet gewollt oder ungewollt der Abschaffung des niedergelassenen Spezialisten das Wort.
Aus drei Gründen muss man diese Politik ablehnen:
- Krankenhausfachärzte haben schon heute mit der Versorgung ihrer stationären Patienten mehr als genug zu tun. Krankenhausärzte wollen keine weiteren Aufgaben übernehmen, zumal nicht klar ist, ob die Krankenhausfinanzierung uns wenigstens ausreichend Raum (und Budget) gibt, unsere Pflichten aus der stationären Versorgung optimal zu erfüllen.
- Viele junge – in der Weiterbildung befindliche – Krankenhausärzte träumen noch immer von der Chance auf Niederlassung. Wir alle müssen diese Alternative zur Kliniktätigkeit erhalten. Wer hier Chancen vernichtet, raubt Zukunftsperspektiven, demotiviert Nachwuchs und macht die Tätigkeit als Arzt unattraktiv.
- Niedergelassene Fachärzte sind aus der Versorgung heute nicht wegzudenken. Vernünftige, kostengünstige Versorgungsketten der ambulanten Medizin brauchen ein intelligentes Zusammenspiel von niedergelassenen Fach- und Hausärzten. Krankenhäuser, Gesundheitszentren und Polikliniken sind komplementäre Institutionen, die den besonderen, schweren, außergewöhnlichen Fällen und Verläufen vorbehalten bleiben müssen. !
Aus diesen guten Gründen haben der Marburger Bund, die Bundes­ärzte­kammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung 1998 ein Konsenspapier verabschiedet, das darauf aufbaut, dass wir in der Integration ambulanter und stationärer Leistungen nur ein definierbares Schnittstellenproblem haben. Dies löst man nicht dadurch, dass man einen Teil der Versorgung komplett vernichtet, sondern indem man die Regeln des vernunftgeleiteten Übergangs der Patienten beschreibt.
Niedergelassene Fachärzte in freier Praxis sind für die Qualität der Versorgung unserer Patienten unabdingbar. Dies hat auch die Kammerversammlung der Ärztekammer Hamburg erkannt, die daher am 28. Oktober den folgenden Beschluss gefasst hat:
„Die Kammerversammlung der Ärztekammer Hamburg fordert die Bundesregierung auf, die im Koalitionsvertrag vorgesehene Zulassung ambulanter Gesundheitszentren an Krankenhäusern zu unterlassen, da
–– niedergelassene Fachärzte, die für die Qualität der Versorgung unserer Patienten unabdingbar sind, hierdurch in ihrer Berufsausübung und ihrer Existenz gefährdet werden und
– die Krankenhausärzte schon mit der Versorgung ihrer stationären Patienten mehr als ausgelastet sind.
Die notwendige Verzahnung von stationärer und ambulanter Versorgung muss mit neuen Modellen gefördert werden.
Der Abschluss von Einzelverträgen mit dem Ziel einer Verschärfung des Wettbewerbes führt nicht zu mehr Integration, sondern zum Tod von Facharztpraxen.“
Zusammenfassend: Wir Ärzte sind bereit, vernünftige Strukturveränderungen aktiv mitzugestalten. Dabei werden wir – im Interesse der Patientenversorgung, aber auch des innerärztlichen Friedens – auf ein ausgewogenes Miteinander von Hausärzten, niedergelassenen Spezialisten und Krankenhaus zu achten haben.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Präsident der Ärztekammer Hamburg
Vorsitzender des Marburger Bundes
Humboldtstraße 56, 22083 Hamburg
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