ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2002Kompetenznetze in der Medizin: Erste Begutachtungen und neue Mitglieder

POLITIK: Medizinreport

Kompetenznetze in der Medizin: Erste Begutachtungen und neue Mitglieder

Dtsch Arztebl 2002; 99(48): A-3240 / B-2729 / C-2543

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„HIV/Aids“ ist das 13. Mitglied der Familie der Kompetenznetze in der Medizin. Foto: Kompetenznetz HIV/Aids
„HIV/Aids“ ist das 13. Mitglied der Familie der Kompetenznetze in der Medizin. Foto: Kompetenznetz HIV/Aids
Die Kompetenznetze HIV/Aids, Depression und Schlaganfall stellten auf der Medica in Düsseldorf ihre Projekte vor.

Bis neue Erkenntnisse der medizinischen Forschung in der Praxis umgesetzt werden, vergehen etwa zehn Jahre. „Damit vollzieht sich der Transfer von Wissen in die Patientenversorgung viel zu langsam“, sagte
Priv.-Doz. Dr. Peter Lange, Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), auf einer Pressekonferenz anlässlich der Medica in Düsseldorf. Aber auch in umgekehrter Richtung sei der Informationsaustausch nicht optimal. „Drängende Fragen aus dem medizinischen Alltag werden nicht in ausreichendem Ausmaß als Forschungsfragen aufgegriffen“, so Lange.
Um diese Defizite zu beheben, hatte das BMBF im Jahr 1999 die „Kompetenznetze in der Medizin“ initiiert, in denen sich die jeweils besten Forschungs- und Versorgungseinrichtungen mit ihrem Fachwissen und ihrer Infrastruktur zusammengeschlossen haben. Mittlerweile fördert das BMBF 14 Kompetenznetze zu definierten Krankheitsbildern, die durch eine hohe Erkrankungshäufigkeit und/oder Sterblichkeit gekennzeichnet sind oder einen erheblichen Kostenfaktor darstellen (Textkasten). Die Initiative sieht vor, dass jedes Netzwerk für zunächst drei Jahre 2,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommt.
Bei positiver Zwischenbegutachtung verlängert sich die Förderung für weitere zwei Jahre. Diese Bewährungsprobe haben kürzlich alle neun im Jahr 1999 initiierten Netze bestanden; ihnen wurde die Verlängerung der Förderung vom BMBF zugesagt. „Dies belegt, dass entscheidende Fortschritte in der interdisziplinären Zusammenarbeit erreicht worden sind“, sagte Lange.
Prof. Dr. Norbert Brockmeyer, Sprecher des Kompetenznetzes HIV/Aids, betonte, dass die Zersplitterung der Forschungslandschaft nicht nur ein deutsches Phänomen darstelle, sondern auch in anderen europäischen Ländern vorhanden sei. Sowohl das BMBF als auch die Kompetenznetz-Sprecher registrierten ein deutliches Interesse der Nachbarstaaten an diesem Modell. „Da die Fraktionierung der Forschung in der gesamten EU vorherrscht, wäre es erstrebenswert, wenn die Kompetenznetz-Struktur ein europäisches Dach erhielte.
Mit Blick auf das kürzlich gestartete Kompetenznetz HIV/Aids betonte Brockmeyer, dass es für die Entwicklung einer interdisziplinären Arbeitskultur und die Bündelung des wissenschaftlichen Potenzials gerade in der deutschen Aids-Forschung gute Gründe gibt: In der Medizin könnten viele Fragestellungen nur durch die Untersuchung einer größeren Zahl von Erkrankten beantwortet werden. „Für die HIV-Forschung in Deutschland steht ein solches Patienten-Kollektiv bislang nicht zur Verfügung. Dies hat für deutsche Forscher im internationalen Vergleich erhebliche Nachteile“, sagte Brockmeyer. Obwohl hierzulande sowohl die Aids-Grundlagenforschung als auch die ambulante und klinische Versorgung der HIV-Patienten qualitativ hochwertig sei, fehle die – für international renommierte Studien – erforderliche „Quantität“ der Patienten.
Ein wesentliches Ziel des Kompetenznetzwerks HIV/Aids ist daher der Aufbau einer umfassenden repräsentativen Patientenkohorte, deren Daten in einer zentralen Datenbank dokumentiert und von allen Netzwerkpartnern genutzt werden können. Das am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin bestehende Projekt ClinSurv HIV bildet die Basis der zentralen Datenbank, in der fortlaufend und prospektiv Daten zum klinischen Verlauf, zu Laborparametern und zur Therapie der HIV-Erkrankung in Deutschland erhoben werden sollen.
HIV-Forschung inspiriert andere Medizinbereiche
Die Ergebnisse der deutschen HIV-Forschung kommen aber nicht nur unmittelbar den HIV-Infizierten und Aids-Patienten zugute, sondern vermitteln auch anderen medizinischen Fachbereichen entscheidende Impulse und Erkenntnisse: Auf der Basis der HIV-Forschung wurden Technologien entwickelt oder verfeinert (Viruslastbestimmung, computerized drug design), welche die Infektiologie, Immunologie, Onkologie, die Impfstoff- und die Arzneimittel-Forschung bereichern. Als Beispiele nannte Brockmeyer die Entwicklung des Influenza-Medikamentes Zanamivir sowie des Wirkstoffs Lamivudine, der ursprünglich für HIV-Patienten entwickelt wurde und sich als effektives Therapeutikum bei chronischer Hepatitis B erwiesen hat.
Gezielte Wirkstoff-Auswahl für depressive Patienten
Im Kompetenznetz „Depression, Suizidalität“ arbeiten Wissenschaftler an einem Messverfahren, das einen gezielteren Einsatz von Antidepressiva ermöglichen soll. Diese Arzneimittel, die erst nach zwei bis drei Wochen ihre Wirkung entfalten, sprechen bei 30 Prozent der Patienten, die unter großem Leidensdruck stehen, nicht ausreichend an. Dies macht einen erneuten Therapieversuch mit einem Antidepressivum einer anderen Wirkklasse erforderlich. Für die Patienten geht damit wertvolle Zeit verloren.
Erste Ergebnisse aus der Arbeit des Kompetenznetzes zeigen, dass ein bestimmtes Hirnstrom-Analyse-Verfahren (die Untersuchung der Lautstärkeabhängigkeit akustisch evozierter Potenziale im EEG) Rückschlüsse ermöglicht, ob beim jeweiligen Patienten eine Störung des Serotonin- oder des Noradrenalin-Stoffwechsels vorliegt. „Während die Patienten über einen Kopfhörer Töne unterschiedlicher Lautstärke hören, werden parallel ihre Hirnströme von der Kopfhaut abgeleitet“, erklärte der Sprecher des Kompetenznetzes Depression, Prof. Ulrich Hegerl (München), das Verfahren.
Patienten, die positiv auf die Medikation mit dem selektiven Serotonin– Wiederaufnahme-Hemmer Citalopram ansprachen, zeigten vor Therapiebeginn andere Hirnstromveränderungen als Patienten, bei denen das spezifisch noradrenerg wirkende Reboxetin zum Abklingen der Depression führte: Bei Patienten mit Serotonin-Unterfunktion rief zunehmende Lautstärke eine stärkere Reizantwort im EEG hervor als bei Patienten, die positiv auf Noradrenalin reagierten. „Die Untersuchung der Lautstärkeabhängigkeit akustisch evozierter Potenziale im Rahmen des EEG lässt Rückschlüsse zu, ob bei einem depressiv erkrankten Patienten eher der Serotonin- oder Noradrenalin-Stoffwechsel eine Unterfunktion aufweist. Der Arzt könnte in Zukunft dann gezielter ein Antidepressivum auswählen, das auf den gewünschten Botenstoff wirkt“, sagte Hegerl.
Ein Projekt im Kompetenznetz „Schlaganfall“ beschäftigt sich mit der Darstellbarkeit der Vitalität im Gehirngewebe; Ziel ist ein verbessertes Verständnis der individuellen pathophysiologischen Vorgänge bei Patienten mit akuter zerebraler Ischämie unter Verwendung bildgebender Verfahren. Mithilfe von Diffusions- und Perfusions-MRT (Magnetische Resonanz-Tomographie) sollen der „Infarktkern“ und seine Umgebung („Penumbra“) zunächst definiert und dann auf ihre prognostische Aussagekraft für Therapien überprüft werden.
Hintergrund des Projektes ist die Tatsache, dass die Zellen in der Penumbra zwar durch die Minderdurchblutung geschädigt sind, aber prinzipiell noch vor dem Zelltod gerettet werden und bei adäquater Therapie ihre Arbeit wieder aufnehmen können. „Diese Zellen sind wie betäubt, aber nicht tot. Sie werden jedoch sterben, wenn keine Rettungsmaßnahmen unternommen werden“, sagte Prof. Dr. Arno Villringer (Neurologische Klinik der Charité, Berlin): „Doch für diese Rettungsmaßnahmen bleibt nicht viel Zeit. Je mehr Stunden verstreichen, desto mehr Zellen sind zerstört. Durch die kombinierte Anwendung von zwei MRT-Verfahren können nun erstmalig Gebiete dargestellt werden, die annähernd dem Infarktrand und dem Infarktkern entsprechen.“
Dabei stellt das Diffusions-MRT den Grad der Zellschädigung dar. Denn Zellen, die zugrunde gehen, schwellen an und verkleinern den Zwischenzellraum. Dadurch wird die Diffusionsmöglichkeit eingeschränkt. Das Gebiet, welches eine starke Einschränkung der Diffusion aufweist (= Diffusionsdefizit), entspricht nach Aussage von Villringer annähernd dem Infarktkern. Demgegenüber wird im Perfusions-MRT die Durchblutung im Gehirn dargestellt. Entsprechend werden die ischämischen Gehirnareale als „Perfusionsdefizit“ bezeichnet, wobei das Perfusionsdefizit das Diffusionsdefizit in der Regel einschließt. Subtrahiert man den Wert des Diffusionsdefizits von dem des Perfusionsdefizits, erhält man eine Annäherung für die Größe der Penumbra.
„Ist die Penumbra groß, so scheinen aggressive therapeutische Maßnahmen wie die Thrombolyse zur Rettung dieser geschädigten, aber noch lebensfähigen Zellen gerechtfertigt“, erklärte Villringer. Finde man keinen Infarktrand mehr, weil bereits alle Zellen irreversibel geschädigt seien, würde man dem Patienten mit der thrombolytischen Therapie wegen des Blutungsrisikos möglicherweise eher schaden als nutzen. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

www.kompetennetze-medizin.de
www.kompetenznetz-hiv.de
www.kompetenznetz-depression.de
www.schlaganfallnetz.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema