ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2002Patagonien: Am Südende des Subkontinents

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Patagonien: Am Südende des Subkontinents

Clauß, Stefanie; Clauß, Ulrich

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Auf dem Weg nach Calafate: Gauchos mit ihrer Schafherde Fotos: Ingeborg Derkorn
Auf dem Weg nach Calafate: Gauchos mit ihrer Schafherde Fotos: Ingeborg Derkorn
Señor Hein setzt mit seiner zweimotorigen Piper zu einer steilen Kurve an. Uns sechs Passagieren stockt der Atem, als er dann in unmittelbarer Nähe parallel zur Gletscherabbruchkante fliegt, 60 Meter unter uns die Laguna San Rafael, zu gleicher Höhe der unendlich lange mäanderförmige Gletscher mit seinen tiefblauen unergründlichen Spalten. Nach einer kleinen Ewigkeit landet das Flugzeug rumpelnd auf der steinigen Piste inmitten der patagonischen Wildnis.
Eineinhalb Stunden hatte der Flug von Coihaique aus gedauert. Er führte quer nach Westen über den undurchdringlichen und bisher unerforschten immergrünen Regenwald, vorbei am Vulkan Hudson mit seinen riesigen rotbraunen Lavaausflüssen, überquerte smaragdgrüne unzugängliche felsumrandete Bergseen, streifte die Eiskappe des 4 000 Meter steil aufragenden St. Valentin, des höchsten Berges des Patagonischen Eisfeldes, und erreichte das weite Gletschergebiet des St. Rafael- und Quintin-Gletschers.
Noch haben wir den grandiosen Blick über diese 40 Kilometer langen zerfurchten Eisfelder im Gedächtnis, als wir durch das Ufergestrüpp aus Berberitzen und Calafate-Sträuchern marschieren. Ein kleines Boot mit dem hier lebenden Ranger erwartet uns, wir gleiten an bizarr geformten Eisblöcken vorbei, die in der Lagune in majestätischer Ruhe treiben.
Am Abend sitzt unsere kleine Gruppe aus fünf Gästen in dem gemütlichen „Casino de Bomberos“, der Kneipe der Feuerwehrleute, bei Steak und chilenischem Bier. Wir besprechen die Ausrüstung für die nächste Wanderung durch den patagonischen Urwald des Queulat-Nationalparks. Hier gibt es einen nur schwer zu findenden Pfad, der von der Carretera Austral in unmittelbarer Nähe des 600 Meter hohen Queulat-Passes abzweigt. Die Carretera Austral ist die einzige von Nord nach Süd führende Straße des chilenischen Teils von Patagonien, die durch Wälder, an Seen, Fjorden und Gletschern vorbei, die kleinen in der Einsamkeit Patagoniens liegenden Siedlungskerne verbindet.
Wir lassen unsere zwei vierradangetriebenen Geländewagen auf der Schotterpiste zurück und folgen dem schmalen Pfad längs eines schäumenden Baches. Der dichte Wuchs der Vegetation macht es unmöglich, den Pfad seitlich zu verlassen. Zeitweilig leuchten die roten Blütenköpfe der Botellita inmitten der moosumwachsenen Stämme der Südbuchen auf, insbesondere dann, wenn vereinzelte Sonnenstrahlen das dichte immergrüne Laubwerk durchdringen und die auf den Blättern sitzenden Wassertropfen in blitzende Brillanten verwandeln.
Der vom kontinentalen patagonischen Eis in den Lago Argentino fließende Moreno-Gletscher
Der vom kontinentalen patagonischen Eis in den Lago Argentino fließende Moreno-Gletscher
Der steinige Urwaldpfad windet sich höher, an den Bäumen hängen lange zottelige graugrüne Flechten, Zeichen einer gesunden Luft in dieser stillen Bergwelt. Als nach zweistündiger Wanderung der Wald in Buschwerk übergeht, ahnen wir bereits den Wechsel der noch unentdeckten Landschaft: Unmittelbar danach stehen wir in einem riesigen Bergkessel. Von der linken Seite stürzt ein 300 Meter hoher Wasserfall in mehreren Kaskaden von der steilen Bergkante. Vor uns ragt eine dunkle Felswand auf, über die sich in schwindelnder Höhe eine breite Gletscherzunge schiebt. Hier beginnt das Revier der Kondore, ein bisher unerforschter weißer Fleck auf der Landkarte Patagoniens.
Nicht nur in der chilenischen Region, sondern auch jenseits der Anden in der argentinischen Pampa breitet sich Patagonien in unermesslicher Weite und Einsamkeit aus. Bisweilen wird aber hier diese endlos erscheinende Gleichförmigkeit der Landschaft unerwartet und plötzlich vom grandiosen Gestaltungsreichtum der Natur unterbrochen. Das Schluchtensystem des Arroyo Feo südöstlich des riesigen Sees General Carrera ist nur ein Beispiel dieser Naturkräfte. Wenn wir dann in dieser Gegend von der entlegenen Estancia des Ehepaares Petty und Coco aus mit einem speziellen Geländewagen auf kaum sichtbaren Spuren zu plötzlich auftauchenden Felsen in der Pampa aufbrechen, brauchen wir einen guten Führer. Nur dieser kennt den Weg zu den in der Jura-Zeit tief herausgewaschenen schwer auffindbaren Schluchten, an deren Felsrändern Kondornester wie angeklebt sind und sich Höhlen befinden, die 10 000 Jahre alte farbige Handabdrücke und Felsmalereien von Guanakos aufweisen.
In diese Schluchten hinabzusteigen, dem geschwungenen Lauf des Baches Arroyo Feo folgend bis zu der engsten Stelle der schulterbreiten Felsschlucht zu wandern und dabei die Kondore über sich am stahlblauen Himmel gleiten zu sehen, das schafft ein berauschendes Gefühl der Entdeckerfreude.
Beim Aufstieg aus dem Canyon am späten Nachmittag taucht der Feuerball der Sonne die grasbewachsene Pampa in ein goldenes Licht. Die träge am Himmel treibenden Wolken in Form von Delphinen, Pilzen oder riesigen Untertassen lassen uns Menschen über diese wunderbaren Naturschauspiele staunen. In dieser zufriedenen Stimmung erreichen wir nach 30 holprigen Kilometern die einsame Estancia. Coco hat schon das Lamm zum gemeinsamen Asado am offenen Feuer des Quincho vorbereitet. Die patagonische Nacht erwartet uns mit zartem Fleisch und argentinischem Rotwein bei flackerndem Feuerschein.
Stefanie Clauß/Ulrich Clauß
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