ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2002Auszeit in Nepal und Indien: Den Horizont erweitert

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Auszeit in Nepal und Indien: Den Horizont erweitert

Dtsch Arztebl 2002; 99(48): A-3288 / B-2768 / C-2580

Rosenstiel, Ines Alexandra

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Foto: Ines Alexandra Rosenstiel
Foto: Ines Alexandra Rosenstiel
Die Teilnahme am Weltkongress Intensive Care in Sydney im Oktober 2001 markierte das vorläufige Ende meiner Tätigkeit als Kinder-Intensivmedizinerin und den Beginn meines „Sabbaticals“. Die Kollegen im Amsterdamer Krankenhaus AMC reagierten überwiegend enthusiastisch, manche äußerten Zweifel über meinen Karriere-Bruch oder das Risiko des Arbeitsplatzverlustes. Meine Auszeit diente dem Aufbruch zu einer inneren Reise, zu einem Studium buddhistischer Philosophie in Asien, zu spiritueller Praxis, der Begegnung mit berühmten Lehrern, der Erfahrung mit östlicher Ganzheitsmedizin und der Fotografie. Erst spät bekam ich die mündliche Zusage, meine Stelle bis zu meiner Rückkehr nicht endgültig zu besetzen.
Meine Reiseziele Indien und Nepal waren mir aus meinen letzten 20 Jahren Reisen und humanitären Einsätzen wohl bekannt. Im eiskalten Winter des Himalaya begann meine geführte Zeit der Stille. Im Sechen-Kloster in Boudha, dem heiligsten Pilgerort der Tibeter in Nepal, studierte ich unter Anweisung des Lama Choeki Nyima buddhistische Philosophie, lernte und praktizierte verschiedene Techniken zur Erforschung des Bewusstseins und verbrachte viele Stunden in einsamer Meditation. In Dharamsala, dem Sitz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung, setzte ich mein Studium der buddhistischen Philosophie fort. Dazu gehörte auch eine Einführung in die tibetische Gesundheitslehre.
Ziel für die nächsten Monate war die „Yogahauptstadt“, Rishikesh, an den Ufern des Ganges. Ein „Ort der Kraft“, in dessen schmalen Gassen sich Hunderte heilige Hindu-Männer (Sadhus), westliche Sucher, Bettler, aber auch eine Großzahl heiliger Kühe und Affen aufhalten. Die Begegnung mit einem modern ausgerichteten, Englisch sprechenden Guru, Swami Vivekanda, führte zu einem spannenden vierwöchigen Seminar über das Yogasystem. Eine Inspiration, die zu einer Vertiefung in die altindische, traditionelle Gesundheitslehre, die Ayurveda (Wissen vom Leben), führte. Ich lernte die Diagnostik kennen und experimentierte auch selber mit dem Spektrum ihrer therapeutischen Methoden: Ernährung, Lebensstil, Phytotherapie, Reinigungsexerzitien und Therapie über die Sinne (Farb-, Aroma- und Musiktherapie). Für mich als Intensivmedizinerin, deren Alltag sich fast ausschließlich auf mechanisch-physikalisch-pharmakologische Therapien reduziert hatte, eine wohltuende Ergänzung. Mir wurde klar, dass man als kranker Mensch beides braucht: die Errungenschaften der westlichen Technologie und die Ganzheitlichkeit der östlichen Gesundheitslehre.
Es folgten Wochen der Indienrundreise zu anderen großen Lehrern des Buddhismus und viele kleinere, medizinische Einsätze. Die Not der Bevölkerung ist einfach zu groß, als dass man die Kenntnisse, die man besitzt, nicht einsetzt, um den Kranken zu helfen. Auf den Wegen durch bunte Dörfer und chaotische Städte wurde die Behandlung von Mönchen mit Bluthochdruck, Frauen mit Gastritis, Kindern mit Durchfall, Unterernährung und vereiterten Hautkrankheiten zur Routine. So wurde mir die schwere Krise des indischen Gesundheitswesens bewusst. Durch die Ineffizienz der Staatskrankenhäuser hat die Bevölkerung nur Worte der Enttäuschung für die dort geleisteten Dienste. 80 Prozent der Ärzte arbeiten Voll- oder Teilzeit im privaten Sektor, wo sie ganz im Sinne der Marktwirtschaft und ohne jegliche Kontrolle horrende Preise verlangen. Besonders auffällig ist zudem die sehr fragwürdige Produktion und Verschreibungspraxis von Arzneimitteln. Da aufgrund der katastrophalen Armut nur zehn Prozent der Menschen die westliche Medizin nutzen können, sind oft ayurvedische oder homöopathische Ärzte mit ihren billigeren Medikamenten sowie Schamanen die einzig verfügbaren Helfer.
Geistige Stille, innerer Frieden und Zufriedenheit, ein ganzheitliches Denken und ein bewusstes Sein im Hier und Jetzt sind bleibende Geschenke für den Weg zurück in den Alltag. Bereichert und mit viel
Energie und Kraft werde ich wieder in meinen Beruf einsteigen, ausgerichtet auf eine integrative Kinderheilkunde.
Ines Alexandra Rosenstiel
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