ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2002Arznei­mittel­kommission: Orientierung in der Informationsflut

POLITIK

Arznei­mittel­kommission: Orientierung in der Informationsflut

Jachertz, Norbert; Korzilius, Heike

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Müller-Oerlinghausen: Maßstab ist die ärztliche und arzneitherapeutische Vernunft.
Müller-Oerlinghausen: Maßstab ist die ärztliche und arzneitherapeutische Vernunft.
Anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums hob die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft die Unabhängigkeit ihres Urteils
zu Fragen der Arzneimittelsicherheit und der Arzneitherapie hervor.

Mit langen Rückblicken auf die Geschichte hielten sich die Festredner gar nicht erst auf. Sie stiegen gleich in die aktuelle Problematik um Arzneimittelsicherheit, kompetente Information der Ärzte und Qualitätssicherung ein, und selbst die Rückblicke wirkten aktuell: Die Problemlage scheint unverändert.
Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, abgekürzt AkdÄ, wurde am 26./27. April 1952 gegründet, die Jubiläumsfeier fand am 29. November 2002 in Köln statt. Der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission, Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, sieht die historische und künftige Legitimation der Kommission in deren Sachverstand, Unabhängigkeit und Unentbehrlichkeit, versuche sie doch den Ärzten Wegweiser durch die Flut von rund 40 000 Arzneimitteln und den damit verbundenen kaum überschaubaren Informationen zu sein. Maßstab für die Arbeit der Arznei­mittel­kommission sei allein die ärztliche und arzneitherapeutische Vernunft, gegründet auf wissenschaftlichen Urteilen.
Staatssekretär Dr. Klaus-Theo Schröder, der die an sich angekündigte Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, Ulla Schmidt, vertrat, nannte die Arznei­mittel­kommission ein gutes Beispiel für funktionierende ärztliche Selbstverwaltung. Er würdigte die Unabhängigkeit und die wissenschaftliche Grundlage der Arbeit und nannte sie eine wichtige Institution der pharmakologischen Qualitätssicherung. Schröder bedauerte, dass die Informationen der Arznei­mittel­kommission, insbesondere auch die zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen, nicht noch weiter verbreitet seien, und wünschte sich eine verbesserte Kommunikation zwischen dem Sender und den Empfängern der Botschaft. Sein Ministerium wolle mit der Arznei­mittel­kommission darüber diskutieren und gegebenenfalls Formen der Kommunikation modellhaft erproben.
Meinungsaustausch (von links): Hoppe, Schröder, Hansen (im Text zitiert), zwischen ihnen (2. von rechts) AkdÄ-Geschäftsführer Prof. Dr. med. Heiner Berthold Fotos: Eberhard Hahne
Meinungsaustausch (von links): Hoppe, Schröder, Hansen (im Text zitiert), zwischen ihnen (2. von rechts) AkdÄ-Geschäftsführer Prof. Dr. med. Heiner Berthold Fotos: Eberhard Hahne
Schröder ging nicht auf die Pläne der rot-grünen Koalition ein, neue Institutionen zur Qualitätssicherung und zur Arzneimittelinformation ins Leben zu rufen. Das fiel auf. Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, und Dr. med. Leonhard Hansen, der 2. Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sprachen diese Frage hingegen an: Wozu brauche es angesichts der funktionierenden Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft noch eines nationalen Instituts für Arzneimittelfragen oder eines nationalen Instituts für Qualität – angesichts der Ärztlichen Zentralstelle für Qualitätssicherung, gleichfalls einer funktionierenden Institution der ärztlichen Selbstverwaltung? Hoppe wie Hansen ließen erkennen, dass es um die Kommunikation zwischen Ärzteschaft und Bundesregierung zurzeit nicht zum Besten bestellt ist. Hoppe beklagte die durch Misstrauen geprägte gesundheitspolitische Diskussion. Dem deutschen Gesundheitswesen werde geradezu ein „Negativmerkmal“ angeheftet. Hansen erklärte, die politischen Eingriffe in das Versorgungsgeschehen („nach Kassenlage“) und die Überregulierung des Gesundheitswesens verstellten den Beteiligten den Blick auf den gemeinsamen Auftrag. Statt Partnerschaft bröckele die Vertrauensbasis nahezu mit jedem Tag.
Die Politik täte allerdings gut daran, so kann man Müller-Oerlinghausen zusammenfassen, sich der erprobten, arbeitsfähigen und unabhängigen Arznei­mittel­kommission zu bedienen, so etwa bei der Beurteilung der Erstattungsfähigkeit moderner, teurer Therapieformen innerhalb der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Die AkdÄ habe dem Ministerium jedenfalls die Mitarbeit angeboten. Wörtlich: „Es kann doch eigentlich nicht angehen, den in der AkdÄ seit langer Zeit gebündelt vorhandenen differenzierten Sachverstand der Ärzteschaft in diesem Bewertungsprozess außen vor zu lassen.“
„Die Arbeit der AkdÄ ist wirkliche Qualitätssicherung“, hatte Dr. med. Henning Friebel am Tag zuvor bei der jährlichen Mitgliederversammlung der Arznei­mittel­kommission betont. „Die AkdÄ begründet medizinisch wissenschaftliche Standards.“ Diese, so das Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer, seien zuweilen marktwirtschaftlich unbequem und auch nicht immer wirtschaftlich. Dennoch wünschte Friebel der Kommission „die Fortsetzung des aufrechten Ganges und dass die Erkenntnisse der Arznei­mittel­kommission weiter verbreitet werden“.
Dazu gehören in erster Linie die regelmäßig erscheinenden „Arzneiverordnungen in der Praxis“, Therapieempfehlungen und die inzwischen in 20. Auflage vorliegenden „Arzneiverordnungen“ (siehe Textkasten).
Seit 1974 erstellt die Geschäftsstelle der AkdÄ das Bulletin „Arzneiverordnungen in der Praxis“ (AVP), das sich vor allem an niedergelassene Ärzte wendet. Ziel sei es, den therapeutischen Stellenwert vor allem für neu eingeführte und stark beworbene Medikamente im Vergleich zu bereits verfügbaren Präparaten kritisch darzustellen. Dazu kommen Preisvergleiche für ausgewählte Wirkstoffe. Dass ihm die Zielgruppe der AVP am Herzen liegt, machte Prof. Dr. med. Dietrich Höffler deutlich: „Das Bulletin zielt auf den Arzt, der wenig Zeit hat. Es kann leicht quer gelesen werden und deckt viele Fachgebiete und Themen ab.“ In Sonderheften der AVP erschienen 2002 evidenzbasierte Empfehlungen zur Therapie akuter Atemwegsinfektionen, zur Therapie des Diabetes mellitus Typ 2 und zur Prophylaxe und Therapie der Osteoporose.
Tätig war die Arznei­mittel­kommission auch vor dem Hintergrund der jüngsten und der noch anstehenden Arzneimittelgesetzgebung. Beispiel aut idem: Vor kurzem haben Arzneimittelexperten, darunter der AkdÄ-Vorsitzende, dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium einen Leitlinienentwurf zur guten Substitutionspraxis überreicht. „Wir sind dort auf eine offene Atmosphäre getroffen“, so Müller-Oerlinghausen. „Man will ernsthaft prüfen, ob sich aus unserem Leitlinienvorschlag Reformbedarf ergibt.“
Nach wie vor ist die Arznei­mittel­kommission Verfechterin einer Positivliste für erstattungsfähige Medikamente, an deren Erarbeitung Experten aus ihren Reihen beteiligt waren. Mitglieder der AkdÄ sind außerdem in eine vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium eingerichtete Expertenkommission zum „off label use“ eingebunden. In jüngster Zeit war der Streit über die Verordnung von Medikamenten außerhalb der zugelassenen Indikation zwischen Krankenkassen und Ärzten zunehmend heftiger geworden. Dabei hatten die Kassen mit beträchtlichen Regressforderungen gedroht. „Das Ministerium scheint an einer vernünftigen, patientengerechten Lösung interessiert zu sein“, gab sich Müller-Oerlinghausen zuversichtlich. Die erste Sitzung der Kommission wird voraussichtlich im Januar stattfinden und sich zunächst mit dem off label use in der Onkologie befassen.
Auch auf europäischer Ebene war die Arznei­mittel­kommission aktiv. Mit Blick auf die Revision des EU-Arzneimittelrechts hat sie sich vehement gegen eine Freigabe der Laienwerbung für verschreibungspflichtige Medikamente ausgesprochen – eine Ansicht, die das Europaparlament offenbar teilte, weil es die Änderung in erster Lesung ablehnte. „Aber andere Risiken bleiben“, warnte Müller-Oerlinghausen. Besonders kritisch sieht er die geplante Regelung, dass künftig der Leiter einer klinischen Prüfung nicht mehr zwingend ein Arzt sein muss.
Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld der AkdÄ ist seit den Gründungsjahren die Arzneimittelsicherheit. Dem kommissionseigenen Spontanerfassungssystem gingen im Jahr 2002 (bis 31. Oktober) 1 960 Berichte über unerwünschte Arzneimittelwirkungen von Ärztinnen und Ärzten zu. Auch das Deutsche Ärzteblatt hat daran seinen Anteil: In regelmäßigen Abständen veröffentlicht es auf der dritten Umschlagseite den „Berichtsbogen“. Norbert Jachertz, Heike Korzilius

Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft wurde 1952 gegründet, besser wiederbegründet. Sie geht auf eine Arznei­mittel­kommission zurück, die auf dem Wiesbadener Internistenkongress 1911 eingerichtet und später von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin getragen wurde. Die Wiederbegründung 1952 geschah unter dem Dach der damaligen Arbeitsgemeinschaft der westdeutschen Ärztekammern, der heutigen Bundes­ärzte­kammer. Deren Fachausschuss für Arzneimittelfragen ist die AkdÄ. Getragen wird sie nicht allein von der Bundes­ärzte­kammer, sondern zugleich auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, für beide ist sie beratend und gutachtend tätig. Wirtschaftlicher Träger der Geschäftsstelle ist ein Verein, dem neben Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung auch Lan­des­ärz­te­kam­mern und Kassenärztliche Vereinigungen der Länder angehören.


Meinungsaustausch (von links): Hoppe, Schröder, Hansen (im Text zitiert), zwischen ihnen (2. von rechts) AkdÄ-Geschäftsführer Prof. Dr. med. Heiner Berthold Fotos: Eberhard Hahne

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Die „Arzneiverordnungen“ sind nunmehr in der 20. Auflage im Deutschen Ärzte-Verlag erschienen. Nach dem Willen der AkdÄ sollen sie industrieunabhängig und kompetent die arzneitherapeutische Informationskampagne der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unterstützen. Gerade bei Analogpräparaten, aber auch bei den als Innovationen anerkannten Arzneimitteln müsse die Ärzteschaft kritisch nachfragen, ob sie notwendig und ihren Preis wert seien, wenn sie als Mittel erster Wahl eingesetzt werden sollten. Die AkdÄ trifft eine strenge Auswahl: Nur 755, etwa ein Drittel der am Markt verfügbaren Wirkstoffe, werden ausdrücklich empfohlen. Die Wirkstoffe werden in immer gleich strukturierter Weise abgehandelt, ihre pharmakokinetischen Kenndaten einheitlich angegeben, die zugehörigen Handelspräparate gelistet und die korrekten Dosierungen genannt. Als quasi indikationsbezogene Positivliste der verfassten Ärzteschaft leisten die Arzneiverordnungen nach Ansicht der AkdÄ einen wesentlichen Beitrag zur Transparenz des Arzneimittelmarktes.
Die Arzneiverordnungen können zum Preis von 44,95 Euro über den Deutschen Ärzte-Verlag oder über den Buchhandel bezogen werden. Die benutzerfreundliche CD-ROM-Version kostet 59,95 Euro.

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