ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2002Krankenhäuser: Englische Verhältnisse

POLITIK

Krankenhäuser: Englische Verhältnisse

Dtsch Arztebl 2002; 99(49): A-3299 / B-2779 / C-2589

Flintrop, Jens

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LNSLNS Durch die verordnete Nullrunde spitzt sich die bereits
angespannte Lage in vielen Kliniken dramatisch zu.

Die Leitung des Universitätsklinikums Greifswald hat die Notbremse gezogen. Als Reaktion auf den Sparkurs von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt will das Krankenhaus vom 15. Dezember bis Jahresende die reguläre Patientenbehandlung einstellen und nur noch Notfälle versorgen. Das nach Ausrufen der Nullrunde im Gesundheitswesen von den Krankenkassen gekürzte Budget für 2003 reiche bei weitem nicht aus, um den zu erwartenden Kostensteigerungen für das Personal und für den medizinischen Bedarf gerecht zu werden, heißt es zur Erklärung. Prof. Dr. Andreas Greinacher, Ärztlicher Direktor in Greifswald: „Unsere Ärzte sind am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt.“ Das zugebilligte Budget zwinge das Klinikum zur Reduzierung der bislang erbrachten Leistungen – auch um Kündigungen und „Westwanderungen“ der Ärzte zu vermeiden.
Offene und versteckte Leistungskürzungen
Zwar ist die Aktion in Mecklenburg-Vorpommern bislang bundesweit einmalig, aber auch an anderen Krankenhäusern werden wegen bereits ausgeschöpfter Budgets zum Jahresende Leistungen rationiert – wenn auch stillschweigend. In den Kliniken herrsche schieres Entsetzen und Fassungslosigkeit, sagte Wolfgang Pföhler, Präsidiumsmitglied der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Geschäftsführer des Klinikums Mannheim, am 21. November beim 25. Deutschen Krankenhaustag in Düsseldorf. Mittlerweile gerieten auch leistungsfähige und effiziente medizinische Versorgungsstrukturen in Gefahr.
Dreh- und Angelpunkt der Misere ist die völlig unzureichende Refinanzierung der Personalkosten in den Krankenhäusern. Das Problem: Die Nullrunde bedeutet für die Krankenhäuser – wie auch für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte – de facto eine Budgetkürzung. Denn durch die absehbaren Tariferhöhungen um rund drei Prozent und die steigenden Lohnnebenkosten – unter anderem infolge des angehobenen Rentenbeitrags auf 19,5 Prozent – öffnet sich die Schere zwischen Einnahmen und Personalkosten weiter. So wird aus der Null- eine Minusrunde. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft rechnet mit einer Finanzierungslücke in Höhe von 1,7 Milliarden Euro für das nächste Jahr. Mehr als 36 000 Arbeitsplätze in den Krankenhäusern seien gefährdet. Dabei gibt es bereits einen akuten Mangel an Ärzten und Pflegekräften. Schon heute funktioniert die Patientenversorgung vielerorts nur, weil Ärzte und Schwestern mehr arbeiten, als sie bezahlt bekommen. Prof. Dr. Dr. Hermann Hoffmann, Präsident des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands, nannte dies in Düsseldorf die „ethische Ausnutzung“ der Beschäftigten im Krankenhaus, „weil die Politik weiß, dass kein Arzt, keine Schwester einen Patienten unversorgt liegen lässt“.
Die Stimmung in den Krankenhäusern ist auf dem Nullpunkt. Demotivation, Abwanderung in andere Berufe und ein sich verschärfender Nachwuchsmangel sind zu befürchten. Den Preis werden zwangsläufig die Patienten zahlen. Ihnen drohen offene und versteckte Leistungskürzungen, weniger persönliche Zuwendung und Wartelisten. Beispielsweise könnten planbare Eingriffe aufgeschoben oder der Einsatz hochwertiger Verfahren und Materialien aus Kostengründen verringert werden. „Die Nullrunde ist ein weiterer Schritt in die Zweiklassenmedizin“, konstatierte Heinz Kölking, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, beim Deutschen Krankenhaustag.
Keine Wartelisten, wenn die Kasse stimmt
Wer es sich leisten kann, hat freilich die Möglichkeit, sich gegen Wartelisten bei planbaren Behandlungen und Operationen abzusichern. Der Marktführer unter den privaten Kran­ken­ver­siche­rungen, die Deutsche Kran­ken­ver­siche­rung AG (DKV), bietet seinen Versicherten neuerdings den Tarif „Best Care. Der schnellste Weg zum Spezialisten“. Bei 25 schwerwiegenden Erkrankungen erhält der Patient einen bevorzugten Zugang zu einem renommierten Spezialisten auf dem jeweiligen Gebiet. Die DKV garantiert, dass der Patient innerhalb von fünf Werktagen einen Untersuchungstermin und, wenn nötig, einen Operationstermin erhält. Man arbeite ausschließlich mit Spitzenärzten zusammen, bei denen ansonsten sehr lange Wartezeiten üblich sind, heißt es im Prospekt. Der Versicherungsschutz kostet monatlich zwölf Euro, wenn der Versicherte jünger als 50 Jahren ist, und 17 Euro, wenn er älter ist. Jens Flintrop
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