SUPPLEMENT: Reisemagazin

Vietnam: Bei den Bergstämmen zu Gast

Dtsch Arztebl 2002; 99(49): [4]

Baum, Toni

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Auf dem Markt von Binh Lu staunen Einheimische wie diese Hmong-Familie über die seltenen Besucher aus dem Westen.
Auf dem Markt von Binh Lu staunen Einheimische wie diese Hmong-Familie über die seltenen Besucher aus dem Westen.
Mit Koch und Bergführer zum höchsten Punkt des Landes, mit dem Jeep durch Schlaglöcher und Staubstraßen auf entlegene Pässe: Abenteuerlustige kommen im Norden Vietnams auf ihre Kosten.

Bis unter Vietnams höchsten Gipfel Fansipan (3 143 m) und zur chinesischen Grenze führt von Hanoi aus eine der schönsten Bergrouten in Asien. Zwischen Reisterrassen und steilen Gipfeln leben Dsao-, Hmong- und Tai-Bergstämme, die größten ethnischen Minderheiten im Land. Hoch und aussichtsreich gelegen, gilt Sapa – einst Erholungsrevier französischer Kolonialbeamter – als idealer Trekking-Standort. Tamai schwänzt heute die Schule und hält mit ihrer Freundin Lamai Ausschau nach Fremden, um mit ihren handbestickten Glücksbändchen ein wenig Geld zu verdienen. Die zwei Mädchen gehören dem Stamm der
„roten Dsao“ an. Ihr Urvater – so die Legende – war der heilige Ban Ho, ein fünffarbiger Riesenhund. Er zeugte mit einer Prinzessin zwölf verschiedene Dsao-Stämme, die alle ihre eigene, fantasievolle Tracht tragen – in den fünf Farben von Ban Ho – versteht sich. Damit haben Pharang, Fremde, zunächst ihre Probleme. Denn nur am Stammeslook, vor allem aber am rasanten Kopfputz oder an den schwarzen Wadenstutzen der Damen, ist herauszufinden, welchem Stamm sie angehören: etwa den schwarzen, grünen, roten oder weißen Hmong, den farbigen oder Blumen-Tai, den roten und schwarzen Dsao-Stämmen – oder wie sie sonst noch heißen mögen. Das beginnt bereits
im munteren Bergstädtchen Sapa, wo dunkle Tannen neben undurchdringlichem Bambus rauschen. In der Hauptstraße reihen sich schlichte Pensionen, Bars, Kneipen und Kramerläden aneinander. Aus den Garküchen im überquellenden Markt strömen exotische Düfte. Man glaubt sich fast auf einem Trachtlertreffen, so wuseln hier Montagnards aller Couleur aus den „Tonkiner Alpen“ durcheinander und versuchen, jedem Pharang ihre faszinierenden, handgearbeiteten, gar nicht billigen Folklore-Klamotten zu verkaufen. Die Spitznamen für die Berge und
ihre Bewohner erfanden die französischen Kolonialherren (bis 1954). Sie liebten die erfrischend kühle Brise, die über das weite, von schroffen Gipfeln umringte Hochtal weht. Wild gezackt reckt sich die Hoang Lien-Kette, seit 1986 Naturreservat, in den mit Wattewolken betupften, blauen Himmel. Der Fansipan, Vietnams höchster Dreitausender, hüllt sich oft in Wolken und thront direkt über Sapa. Grandios ist der Blick auf die Bergspitzen und bis hinunter ins tiefe Tal des Muong Hoa-Ho-Flusses. Labyrinthische Reisfelder wachsen, kunstvoll terrassiert, an den Berghängen hinauf, während die Pfahlholzhütten der Montagnards von achtzehn Dörfern allein im Sapa-Distrikt kaum auszumachen sind. Am besten nimmt man sich als Guide den Jungen eines Stammes, der schon etwas Englisch versteht und die Orte seiner Montagnard-Genossen an den leichten bis anstrengenden Trekkingrouten gut kennt.
Wasserbüffel hüten – statt Schule
Auf dem Hochplateau, eine gemächliche Wanderstunde hinter Sapa, leben Tamai und Lamai in ihrem roten Dsao-Dorf. Der Nachbarort, von schwarzen Hmong bewohnt, liegt in Sichtweite. Noch tragen die beiden Mädchen zu ihrer schwarzen Tracht mit Bordüren rote Kopftücher. Bald sind sie erwachsen, dann wird der Kopf rasiert, das Haar mit Wachs eingerieben und in einem großen roten Turban getragen, der einer Wärmflasche ähnelt. Tamai ist erst elf Jahre alt, spricht aber schon gut Englisch. Ihre Eltern schicken sie in Sapa in eine höhere Schule. Für ethnische Minderheiten kostet sie nichts – wie auch die Dorfschulen. Doch um das Lebensnotwendigste zu verdienen, müssen Kinder – im Schnitt acht je Familie – mitarbeiten: ob beim Entenherden- und Wasserbüffel-Hüten oder im Haushalt und auf den Reisfeldern. Sogar Holz aus dem Regenwald holen die Kinder – eine zusätzliche Einnahmequelle auf dem Markt neben Eigenprodukten, wie Eier und Hühner, Reis, Ingwer und Chili. Nur drei Prozent der Montagnard-Kinder besuchen eine Schule.
Flusslandschaft in Nordvietnam: Reisterrassen und Palmenhaine, die Gärten der Hmong. Fotos: Erika Amann
Flusslandschaft in Nordvietnam: Reisterrassen und Palmenhaine, die Gärten der Hmong. Fotos: Erika Amann
Schlaglochrallye oder Schlafwagen
Bislang kommen nur Rucksacktouristen und wenige Einzelreisende in diese Bergregion, die zu den schönsten in Asien zählt. Meist nehmen sie nachts den Schlafwagen ab Hanoi bis an die chinesische Grenze nach Lao Cai. Tags-über reist man im Zug zehn Stunden gemächlich zurück.
Von der nach dem Krieg wieder aufgebauten Provinzmetropole führt eine ganz neue, 35 Kilometer lange Panoramastraße durch die Berge bis Sapa. Wer drei, vier Tage Zeit hat und abenteuerlustig ist, will die Schlaglochrallye im Jeep mit Fahrer oder im engen Linienbus nicht missen, trotz Baustellen, Schlaglöcher und Staubstraßen mit Haarnadelkurven bis über den 1 900 Meter hohen Pass Tram Ton.
Nerven kostet auch plötzlicher Gegenverkehr von Enten- und Wasserbüffelherden, Hunden und Hängebauchschweinen.
Schnell machen der Zauber bizarrer Kalksteinberge in grünen Reisfeldern, mit Regenwald überzogene Bergspitzen, die aus einem Meer von Morgennebeln steigen, Bergformationen, zugespitzt zu lauter grünen Zuckerhüten und die zackige Skyline höchster Vietnam-Gipfel alle Anstrengung vergessen. Beim Bummel über Märkte, wie in Thung Chau oder Binh Lu, staunen Fremde und Einheimische. Die Einheimischen betrachten die seltenen „ong und ba tay“, Männer und Frauen aus dem Westen, wie Tiere aus dem Zoo.
Widerstandsfähig muss der Rucksack-Wanderer sein, der abseits gelegene Orte von Bergstämmen aufsucht und in ihren Hütten auf blanken Brettern übernachtet. Viel angenehmer sind preiswerte Hotels im unscheinbaren Pfirsich-Städtchen Son La und im berüchtigten Opium-Schmugglerdorf Lai Chau – oder im heiteren Dien Bien Phu, wo 1954 mit dem Sieg der Viet Minh die Kolonialepoche der Franzosen zu Ende ging. Reizvoll von Zuckerhutbergen umrahmt präsentiert sich als letzter Halt – 135 km vor Sapa – das Teedorf Phong Tho. Toni Baum

Reizvoll von Zuckerhutbergen umrahmt, 135 km vor Sapa: das Teedorf Phong Tho
Reizvoll von Zuckerhutbergen umrahmt, 135 km vor Sapa: das Teedorf Phong Tho
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Reise-Tipps
Visum: Botschaft der S. R. Vietnam, Konsularabteilung, Elsenstraße 3, 12435 Berlin, Telefon: 0 30/53 63 01 08
Geld: Bar-US-$-Travellerschecks, Kreditkarten
Reisezeit: November bis Juni sonnig und klar, null (Januar/Februar) bis 22 Grad C
Reisepreise: Flüge mit Air France/Vietnam Airlines via Paris–Dubai–Hanoi: rund 840 €, Thai Airways via Bangkok–Hanoi rund 900 €, LTU nach Bangkok ab 807,50 €, Linie Bangkok–Hanoi ab 360 €
Im Land: Hanoi–Sapa One-way-Bus 5 $, Zug 7 $, Jeep mit Fahrer/Tag 60 $
Übernachtungen: Hüttenschlafplatz, einfache Hotels ÜF/1 DZ für zwei Personen ab 15 $; Sapa ÜF-Guesthouse The Gecko pro Person ab 15 $, Ü „Victoria“ für zwei Personen ab 77, Suite 162 $, Hotelschlafwagen je Person 112 bis 172 $, Telefon: 00 84/20 87 15 22
Trekkingtouren: Geführt 2-, 3-Tage-Trekking mit Hüttenübernachtung 20 bis 40 $, vier Tage „Fansipangipfel/VP“ 210 $ (Phu Tinh Co. www.topas.dk/vietnam)
Individuelle Reise: a & e reiseteam, Wentzelstraße 8, 22301 Hamburg,
Telefon: 0 40/27 87 88 70
Infos: Vietnam Travel Information, Bangkok pr@is-intl.com
Veranstalter: Meier’s Weltreisen: Vier-Tage-Rundreise ab Hanoi mit Expresszug nach Lao Cai/Transfer nach Sapa, Busrückfahrt nach Hanoi, pro Person 459 €, Single 609 €

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