ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1996Impfschutz – Trotz leerer Kassen: Prävention vorantreiben

SPEKTRUM: Leserbriefe

Impfschutz – Trotz leerer Kassen: Prävention vorantreiben

Feist, Dietrich

Zu dem Leserbrief "Unangemessen" von Dr. med. Stefan Deinhart in Heft 30/1996, der sich auf den Beitrag "Vakzination sollte im Säuglingsalter beginnen" von Dr. med. Angelika Bischoff und Dr. med. Henrik Reygers in Heft 19/1996 bezog
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LNSLNS . . . Die Ablehnung der allgemeinen Säuglingsimpfung begründet Kollege Deinhart wörtlich damit, "daß die Statistik keine Auskunft darüber gibt, wie viele der infizierten Säuglinge sich perinatal infiziert hatten und somit auch durch eine Vakzination im Säuglingsalter nicht geschützt worden wären". Diese Überlegung war zwar in der Vergangenheit richtig, ist aber für die Zukunft, in der ja die allgemeine Säuglingsimpfung stattfinden soll, aus folgenden Gründen irrelevant: Seit September 1994 ist auch in Deutschland ein HBsAgScreening in der Schwangerschaft mit der Maßgabe eingeführt, daß die Neugeborenen HBsAg-positiver Mütter sofort nach der Geburt passiv-aktiv gegen Hepatitis B geimpft und entsprechend den üblichen Richtlinien nach einem und nach sechs Monaten nachimmunisiert werden. Diese Kinder nehmen somit an der empfohlenen allgemeinen Säuglingsimpfung nicht teil.
Dr. Deinhart bestätigt die bekannte Tatsache, daß der Gipfel der gemeldeten Erkrankungen in der Altersstufe zwischen 25 und 45 Jahren liegt. Da Säuglinge und Kleinkinder aber meist klinisch inapparent infiziert und chronische asymptomatische Virusträger werden, wird bei ihnen die Erkrankung nur selten diagnostiziert und gemeldet, so daß die wahre Infektionsrate dieser Altersstufe in die Meldestatistik nicht eingeht. Auch ist es unter Epidemiologen unbestritten, daß die Meldestatistik überhaupt nur einen Bruchteil der Infektionen erfaßt. Man muß Herrn Dr. Deinhart zugestehen, daß er in seiner "volkswirtschaftlichen Nutzenrechnung" die durch eine allgemeine Hepatitis-B-Impfung im Säuglingsalter entstehenden Kosten richtig berechnet hat. Auch nach eigener Berechnung werden die derzeitigen Impfkosten im Säuglingsalter durch die Hepatitis-B-Impfung verdoppelt. In Afragola (Italien) ist die Inzidenz der Hepatitis B fünf Jahre nach Einführung der allgemeinen Säuglings- und Adoleszentenimpfung auf etwa 10 Prozent des Ausgangswertes zurückgegangen. Deshalb sollte man meines Erachtens trotz leerer Kassen auch bei uns den Mut haben, diese erfolgversprechende Präventionsmaßnahme jetzt voranzutreiben statt sie abzulehnen.
Prof. Dr. med. Dietrich Feist, Kinderklinik der Universität, Leberambulanz, Im Neuenheimer Feld 150, 69120 Heidelberg
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