ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 3/2002Finnland: Safaris zwischen Rentieren und Raureif

Supplement: Reisemagazin

Finnland: Safaris zwischen Rentieren und Raureif

Dtsch Arztebl 2002; 99(49): [12]

Hamberger, Rainer W.

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Foto: Rainer W. Hamberger
Foto: Rainer W. Hamberger
Weiße Wolkenfetzen und Schneefahnen treiben vor dem Wind und haben Verwehungen zu abstrakten Formen gepresst. Aus der eisig schillernden Oberfläche der Schneedecke ragen dürre Äste, die Spitzen von zugewehten Bergkiefern, die hier in 400 Metern Meereshöhe ums Überleben kämpfen. Nur etwas tiefer im Tal gedeihen noch große, stolze Nadelbäume. Sie sind jetzt im Hochwinter von dicken Raureifkrusten eingehüllt und leuchten in der sehr flach strahlenden Wintersonne.
Nördlicher Polarkreis
Auf dem Kaunispää, einem 435 Meter hohen Skiberg bei Ivalo, sind Schlepplifte in Betrieb, um die 250 Meter Hö-
henunterschied für Alpin-Skifahrer zu nutzen. Am Fuß des Berges liegen Hotels, rustikale Hütten zur Selbstverpflegung, und sogar ein modernes Spaßbad mit tropischem Ambiente bietet nach eisigem Wintervergnügen Möglichkeiten der Entspannung. Jedoch reist die Mehrzahl der Gäste in Europas nördlichstes Wintersportgebiet, um sich hier mit der Kultur der Samen, wie sich die Einwohner Lapplands nennen, auseinander zu setzen. Dabei dienen vorwiegend Hundeschlitten und auch Rentiergespanne als Transportmittel. Einige Samen haben sich als Züchter von Schlittenhunden und als Exkursionsleiter einen Namen gemacht. In der Nähe des Inarisees, der sich mit mehr als tausend Inseln nahe der russischen Grenze ausbreitet, wartet unser Schlittenführer. Voller Vorfreude scharren und heulen die Hunde in ihren Geschirren. Nur ein kleiner Stahlanker, der in die Schneedecke gedrückt wurde, kann sie von einem Blitzstart abhalten. Zunächst wird entschieden, wer sich vorne in den Schlitten setzen möchte. Dieser Platz ist wegen des schneidenden Gegenwindes nicht so beliebt, bietet aber die beste Aussicht. Der Musher selbst steht hinten auf den Kufen des Holzgefährtes und ruft den Tieren Kommandos zu, oder er läuft mit oder hinterher, entweder um bei Steigungen die Hunde zu entlasten oder um sich selbst wieder
aufzuwärmen, denn die Temperatur beträgt trotz der
Sonneneinstrahlung immerhin minus 15 °C. Sobald die Tiere ihren Laufrhythmus gefunden haben, werden sie
ruhiger, rennen nur noch keuchend über die blau schillernde Fläche.
Höhepunkt dieser Tour ist eine Mahlzeit im Tipi, einem spitzgiebeligen, zeltähnlichen Bau aus Birkenstangen und Rentierfellen. Auch der Boden ist darin mit Fellen bedeckt, die gut gegen den Frost von unten isolieren. Um drei Uhr nachmittags ist die Sonne bereits untergegangen. Blaues Licht steht jetzt über den Schneeflächen. Draußen scharren die Hunde, drinnen knacken Flammen und springt gefrorenes Holz beim Anbrennen – Kaffeeduft und kostbare Augenblicke. Vor uns in einer Holzschale geschnetzeltes Rentierfleisch mit Preiselbeeren und Kartoffelbrei. Ein Same blickt wortlos über seine Pfeife ins Feuer. Soeben fällt das letzte Stückchen Zotteleis von seiner Pelzmütze und schmilzt
zischend auf dem Kaffeekessel.
Seit die Grenze zum benachbarten Russland geöffnet ist, kommen zwar zahlungskräftige Touristen aus Murmansk – einen Aufschwung hat dies jedoch nicht gebracht. So bleibt für manchen Samen genügend Zeit für die geliebte Sauna. Für einen ausgiebigen Besuch des traditionellen Schwitzbades haben viele Finnen sogar täglich Zeit, sobald sie ihre Arbeit beendet haben. Dann sitzen sie schwitzend beieinander und fachsimpeln über die diesjährigen Erträge aus der Rentierzucht.
Rentierzucht der Samen
Vor einigen Jahren schon öffnete man die mit dem Jahreslauf der Rentierzucht verbundenen Ereignisse auch Gästen aus dem In- und Ausland. Seither ist es möglich, einem Rentierrodeo beizuwohnen. Während sich Samen mit dem
Handel der Tiere beschäftigen und sportlich im Lassowerfen wetteifern, wird den Touristen Kunsthandwerk der Region feilgeboten. Mitten im Schnee brennen Feuer. Man spielt mit dem Akkordeon auf, und es wird in Stiefeln im Schnee getanzt. Sicher fließt dabei mancher Schluck Wodka in die Kaffeetasse, aber es ist kein Heiratsmarkt mehr, wie vielleicht in vergangenen Jahrhunderten.
Ein Höhepunkt ist zweifellos die Fahrt im Rentierschlitten. Wie in einem kleinen Holzkanu sitzt man tief im Gefährt und hat nur zwei Meter vor sich das Rentier im Ledergeschirr. Geduldig ziehen die Tiere ihre Last über die Tundra in die Taiga. Bevor es uns zu kalt wird, steigen wir etwas benommen aus, denn wir sind am Rastplatz angekommen. Die Rentiere werden aus dem Geschirr befreit und scharren unter dem Schnee Flechten hervor. Wir genießen frisch gebackene Kekse und heißen Kaffee. Über dem Waldland scheint es so still geworden zu sein wie nie zuvor.
Rainer W. Hamberger

Reise-Tipps
Wintersafaris im finnischen Teil Lapplands sind zwischen Dezember und Ende April möglich. In Lappland herrscht um den Jahreswechsel nur wenig Tageslicht, dafür ein besonders sanftes Zwielicht. Es ist am Tage über der Schneedecke nie ganz dunkel. Das Wetter ist im Allgemeinen kalt und trocken, der Schnee liegt zwischen 50 und 100 cm hoch. Spezialveranstalter für Wintersafaris in Lappland ist zum Beispiel Wolters Reisen GmbH, Postfach 1151, 28816 Stuhr, Telefon: 04 21/8 99 90. Kataloge dazu gibt es in Reisebüros mit dem TUI-Zeichen.
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